Osnabrück Ex-General Vad warnt Deutschland: Europa sollte über eine eigene Atombombe nachdenken
Ex-General Erich Vad rechnet im Clasen Talk mit der deutschen Sicherheitspolitik ab. Warum der amerikanische Nuklearschirm Fiktion ist, die Bundeswehr blanker als blank ist und Europa weder im Iran- noch im Ukraine-Krieg noch relevant ist.
Die geopolitische Weltlage spitzt sich durch die eskalierenden Konflikte zu. Die zwei Brandherde: der Iran und die Ukraine. Im Nahen Osten droht den USA ein historisches Debakel. Ein Sturz des Regimes ohne Einsatz von Bodentruppen ist nicht möglich – eine Bodenoffensive ist eine sichere Niederlage.
Dieses Bild zeichnet Brigadegeneral a. D. Erich Vad zur aktuellen geopolitischen Weltlage. Der ehemalige Merkel-Berater war bei Moderator Michael Clasen im „Clasen Talk“ zu Gast. Angesichts der globalen Instabilität zeigt sich, dass Europa in den aktuellen Kriegen nur ein stiller Zuseher ist: „Europa hat überhaupt keine Gestaltungsmacht, weder im Ukraine-Krieg noch im Iran-Krieg.“ Das Nato-Bündnis wackelt, die Kriegsgefahr in Europa steigt.
Deswegen sei laut Vad für Europa und für Deutschland die Zeit gekommen, aufzurüsten, denn es gibt erhebliche Defizite in der Verteidigungsfähigkeit. Durch die weitreichenden Waffenabgaben an die Ukraine seien die eigenen militärischen Reserven mittlerweile komplett erschöpft. Auch die atomare Verteidigung sollte Europa selbst in die Hand nehmen – oder zumindest darüber nachdenken.
Seit dem Kalten Krieg verlässt sich Europa auf ein amerikanisches Versprechen, das den Kontinent in falscher Sicherheit wiegt, meint Vad: „Der amerikanische Nuklearschirm war immer eine Fiktion und ist auch heute eine Fiktion.“ Die Vorstellung, ein US-Präsident würde sein eigenes Land für Europa riskieren, sei naiv. Vad betont: „Die Amerikaner würden niemals ihre eigene Sicherheit gefährden für europäische Sicherheitsinteressen.“
Die Beschützung durch andere Länder – etwa ein französischer Nuklearschirm – sieht der Ex-General ebenso kritisch. Deswegen sei die Frage eines gemeinsamen europäischen Nuklearprogramms „schon berechtigt“. Europa müsse „da selbst ran und uns Gedanken darüber machen.“
Für eine europäische Atomstreitkraft sieht Vad, ehemaliger militärpolitischer Berater von Angela Merkel, besonders in Deutschland enorme gesellschaftliche und politische Hürden: „Wir in Deutschland haben eine Nuklearphobie.“
Grundsätzlich lehne Vad einen Ausbau der Atombewaffnung nicht ab, erklärt er, denn es erhöhe die Sicherheit. Die Idee von Deutschland als Nuklearmacht scheitere laut Vad an einem weiteren Punkt: dem Geld.
Bevor überhaupt über eigene Nuklearwaffen fantasiert werden könnte, müsse man den Status der Bundeswehr betrachten. „Wir haben so viele konventionelle Defizite, dass ich jetzt auch sagen muss: Wir müssen erst mal die Bundeswehr einsatzbereit machen“, mahnt Vad.
Durch massive Waffenlieferungen sei die Lage drastischer denn je: „Die Bundeswehr ist praktisch blanker als blank, weil wir Kampfpanzer, Schützenpanzer, Panzerhaubitzen geliefert haben.“
Deutschland müsse außerdem beginnen, für die neue Art der Kriegsführung zu rüsten, entscheidend seien mittlerweile „Robotik, KI-gestützte, autonome Waffensysteme“. Der Krieg im Iran zeige den Rückstand. „Da kommen riesige Kriegsschiffe gar nicht mehr gegen die neue Bedrohung an“, erklärt Vad mit Blick auf die Straße von Hormus.
Gerade weil das Land derart schlecht aufgestellt ist, warnt der Experte eindringlich vor militärischer Eskalation. Deutschlands geografische und strukturelle Lage macht es extrem anfällig. „Ein europäischer Krieg würde Deutschland massiv treffen. Wir sind hoch verwundbar“, so Vad. „Allein ein Stromausfall würde uns komplett kaputt machen.“
Seine Schlussfolgerung ist daher unmissverständlich: „Krieg ist in Europa, ich muss das klar sagen, aus der deutschen Perspektive keine rationale Option. Wenn das passiert, haben wir alles falsch gemacht.“
Das europäische Scheitern zeige sich laut dem Experten im Umgang mit der Ukraine. Europa hat laut Vad die falsche Strategie gewählt: „Keine Verhandlungen, nicht reden, sondern militärische Lösung, und das ist krachend gescheitert.“ Den Europäern sei es um Gesichtswahrung gegangen.
Washington habe hingegen pragmatisch agiert: „Es ist doch verrückt, dass die Amerikaner seit anderthalb Jahren auf allen Kanälen mit den Russen reden, Wirtschaftsdeals machen, und wir Europäer sind immer noch stolz darauf, dass wir mit den Russen nicht reden.“
Sowohl im Iran-Krieg als auch in der Ukraine sei Europa zum Zuschauer degradiert worden: „Europa hat letztlich überhaupt keine Gestaltungsmacht. Wir finden gar nicht statt“, analysiert der Ex-General.
Trotzdem warnt Vad davor, geopolitische Hoffnungen in US-Präsident Donald Trump zu setzen. Sollte es jedoch zu einer Eskalation in Europa kommen, bräuchte man auf Trumps Solidarität nicht zu hoffen. Es wäre zwar nicht in seinem Sinne, meint Vad, trotzdem würde Trump sagen: „Warum nicht?“
Dessen Vorgehen sei „sehr laienhaft“, wie sich aktuell in dem Angriff auf den Iran zeige. Mittlerweile würden die USA unter erheblichem Druck stehen. „Trump ist so verzweifelt, dass er die chinesische Regierung um Unterstützung gebeten hat und durch den Nato-Bündnisfall auch die Europäer zur Unterstützung bemühen will.“
Trump sei außerdem unberechenbar und agiere taktisch unklug: „Wenn der chinesische Präsident Xi so ticken würde wie Trump, dann würde er in Taiwan einmarschieren. Dann hätten wir einen Weltkrieg.“