Von Drogenbossen bestochen Warum ein Staatsanwalt für Jahre hinter Gitter muss

Thomas Strünkelnberg, Linda Vogt und Sara Belchy, dpa
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Von Thomas Strünkelnberg, Linda Vogt und Sara Belchy, dpa
| 20.03.2026 11:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Staatsanwalt verrät Interna an Drogenbosse - und wird dafür verurteilt. (Archivbild) Foto: Julian Stratenschulte
Ein Staatsanwalt verrät Interna an Drogenbosse - und wird dafür verurteilt. (Archivbild) Foto: Julian Stratenschulte
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Über Monate steckt ein Staatsanwalt Behörden-Interna durch und kassiert dafür quasi ein zweites Gehalt - von Drogenhändlern. Nach langem Leugnen gesteht er. Vor Gericht kommt er nicht gut weg.

Er hat sich vermutlich kaum vorstellen können, jemals selbst auf der Anklagebank zu sitzen. Doch es kommt anders: Ein korrupter Staatsanwalt aus Hannover muss nach Geschäften mit einer internationalen Drogenbande für acht Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Das Landgericht Hannover verurteilte den 40-Jährigen wegen Bestechlichkeit und Verletzung des Dienstgeheimnisses. 

Der eingetretene Schaden für die Justiz auch im gesamten Bundesgebiet sei immens, sagte die Vorsitzende Richterin Jana Bader in ihrer Urteilsbegründung. Das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat sei durch die Taten erschüttert worden - und es werde Jahre dauern, es wiederherzustellen. 

Der Jurist, der für Geld Ermittlungsergebnisse an die Bande weitergegeben und eine Razzia verraten hatte, nahm das Urteil gefasst entgegen. Erst im Januar hatte der Staatsanwalt nach einem Verständigungsvorschlag der Strafkammer den Großteil der ihm vorgeworfenen Taten gestanden. Die Wendung kam überraschend, bis dahin hatte der 40-Jährige die Vorwürfe hartnäckig bestritten.

„Cop ist eine Million wert, wenn er nicht auffliegt“

Über Mittelsmänner informierte der Deutsch-Iraner nach Überzeugung des Gerichts die Drogenbosse etwa über entschlüsselte Chats oder geplante Observationen. Das Gericht geht davon aus, dass er sich hinter den Codenamen „SA“ oder „Cop“ in entschlüsselten Chats der Bande verbirgt. „Cop ist eine Million wert, wenn er nicht auffliegt“, hieß es dort.

Zwischen Juni 2020 und März 2021 gab er Behörden-Interna preis. Pro Tat, bei der er Drogenhändlern Informationen verkaufte, kassierte er 5.000 Euro, gewissermaßen ein zweites Gehalt. Denn als Staatsanwalt verdiente er regulär etwa 5.000 Euro im Monat.

Ein außergewöhnlicher Fall

Der Fall ist außergewöhnlich: Noch im Sommer 2024 war der Jurist als Vertreter für die Staatsanwaltschaft Hannover mit einem Drogenprozess befasst - dann fand er sich auf der anderen Seite des Gerichtssaals wieder, auf der Anklagebank. Von Mai 2019 bis Mitte Februar 2024 hatte der Staatsanwalt in der Drogen-Abteilung nach früheren Angaben des niedersächsischen Justizministeriums 247 Verfahren bearbeitet. Ein „fleißiger und geschätzter Kollege“, so die Richterin. Bis zu seiner Verhaftung war er in der Abteilung Kapitaldelikte eingesetzt.

Hinweise auf ein Leck in den Behörden gab es früh, schon 2022 wurde ein Ermittlungsverfahren gegen den Staatsanwalt eingeleitet. Dieses Verfahren wurde eingestellt, weil sich der Verdacht zunächst nicht erhärtete. Im Juni 2024 wurde das es wiederaufgenommen, dann ging es schnell: Am 29. Oktober 2024 wurde der Staatsanwalt festgenommen, im April 2025 begann der Prozess. 

Gericht verständigt sich mit Angeklagtem

Der 40-Jährige gab 9 der 14 Taten aus der Anklage, die von der Staatsanwaltschaft Osnabrück übernommen worden war, zu. Im Gegenzug wurden weitere Anklagepunkte ‒ unter anderem Strafvereitelung im Amt ‒ auf Antrag der Anklagebehörde fallen gelassen. Dem Mann drohte daraufhin eine Strafe zwischen 8 Jahren und 2 Monaten sowie 8 Jahren und 9 Monaten.

Die Osnabrücker Staatsanwaltschaft forderte für den 40-Jährigen 8 Jahre und 6 Monate Gefängnis. Die Verteidiger des Juristen sprachen sich dafür aus, dass die Strafe 8 Jahre und 2 Monate nicht überschreiten solle. 

Der mitangeklagte Boxtrainer wurde zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. (Archivbild) Foto: Moritz Frankenberg
Der mitangeklagte Boxtrainer wurde zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. (Archivbild) Foto: Moritz Frankenberg

Ebenfalls verurteilt, und zwar zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, wurde ein 42 Jahre alter Boxtrainer aus Hannover - wegen Beihilfe zur Bestechung. Nach Überzeugung des Gerichts überbrachte er dem Staatsanwalt als Mittelsmann in vielen Fällen das vereinbarte Geld. Übergeben wurden die Bestechungsgelder laut Anklage häufig im Kampfsportstudio des 42-Jährigen. Dort war auch der Jurist Mitglied. Der Boxtrainer gestand 7 von 12 der ihm vorgeworfenen Taten.

Beschuldigter in Emiraten festgenommen

Der Anklagevertreter betonte in seinem Plädoyer, keine der verhandelten Taten betreffe die Einfuhr von 16 Tonnen Kokain, keine der weitergegebenen Informationen habe sich um den Rekordfund gedreht. Im Februar 2021 waren die 16 Tonnen Kokain im Hamburger Hafen entdeckt worden - ein Fund mit einem Marktwert von rund 448 Millionen Euro. 

Mitte Februar wurde bekannt, dass einer der Beschuldigten in dem Drogenverfahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten festgenommen worden war. Gegen den Mann werde wegen „gewerbsmäßigen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in großem Stil“ ermittelt, sagte eine Sprecherin des niedersächsischen Justizministeriums damals. Der verurteilte Staatsanwalt soll Informationen an den Festgenommenen weitergegeben haben, der seit mehreren Jahren mit Haftbefehl gesucht wurde.

Vor wenigen Tagen wurde zudem der Spediteur der Drogenbande laut Bericht der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ im Revisionsprozess zu elfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Mann hatte den Hinweis gegeben, dass der Staatsanwalt der gesuchte „Maulwurf“ sein könnte. Zuvor war er zu zwölfeinhalb Jahren verurteilt worden.

Jurist: „Ich habe viele Menschen enttäuscht“

In seinem Schlusswort vor Gericht sagte der verurteilte Staatsanwalt: „Ich habe viele Menschen enttäuscht und bereue dies zutiefst.“ Er übernehme die volle und alleinige Verantwortung. 

Die Kammer hingegen erkenne nicht, dass er die Taten ernsthaft bereue, sagte die Vorsitzende Richterin. Es habe nicht ein Anzeichen von Reue gegeben, sondern Gleichgültigkeit. Mit Blick auf die jahrelange Haftstrafe sagte Jana Bader: „Sie werden die gesamtgesellschaftlichen Folgen in den Blick nehmen müssen“.

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