Kapstadt  Billige Schokolade, bittere Ernte: Unser Genuss ruiniert die Kakaobauern in Westafrika

Christian Putsch
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Von Christian Putsch
| 17.03.2026 19:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Kakaopreise in der Elfenbeinküste wurden um über 50 Prozent gesenkt – das trifft die Bauern hart. Foto: IMAGO/YAY Images
Die Kakaopreise in der Elfenbeinküste wurden um über 50 Prozent gesenkt – das trifft die Bauern hart. Foto: IMAGO/YAY Images
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Während Schokolade in Europa billiger werden könnte, sinkt der Kakaopreis in Westafrika stark. Ein politisches Versprechen vor der Wahl hat für die Bauern der Elfenbeinküste Folgen. Was ist uns unsere Schokolade wert?

Als der ivorische Präsident Alassane Ouattara im Herbst den staatlich garantierten Kakaopreis auf 2800 CFA-Franc pro Kilogramm anhob – umgerechnet rund vier Euro –, klang das für viele Bauern wie ein politisches Versprechen. Der Staat kümmert sich um seine wichtigste ländliche Wählerschaft. Bis zu den Wahlen waren es wenige Wochen.

Heute, keine fünf Monate später, ist von dieser Zuversicht wenig übrig. Der garantierte Preis für die Nebenernte wurde um über 50 Prozent gesenkt. In europäischen Supermärkten ist davon bislang noch wenig zu spüren, weil viele Hersteller ihre Rohstoffe lange im Voraus zu höheren Preisen eingekauft haben.

Doch in vielen Anbaugebieten herrschen Ratlosigkeit und Frustration. „Es war eine politische Kalkulation“, sagt der ivorische Menschenrechts- und Entwaldungsaktivist Amourlaye Touré. Schon im Herbst sei absehbar gewesen, dass sich die Lage am Weltmarkt zu drehen begann. „Die Preise zu erhöhen, war gelinde gesagt keine gute Idee.“

Das ivorische System funktioniert anders als viele Agrarmärkte. Der Staat legt über die Aufsichtsbehörde Conseil du Café-Cacao vor jeder Saison fest, welchen Mindestpreis Bauern erhalten. Exportfirmen verkaufen große Teile der kommenden Ernte Monate im Voraus auf dem Weltmarkt. Die Idee: stabile Einnahmen für Bauern, auch bei starken Preisschwankungen.

Doch wenn sich der Markt schneller bewegt als erwartet, gerät das System unter Druck. Genau das geschieht derzeit: Nach einem jahrelangen Preisanstieg ist der Kakaopreis an den Weltbörsen zuletzt deutlich gefallen. Ein Grund sind zu hohe Lagerbestände bei internationalen Schokoladenherstellern. Gleichzeitig versuchen einige Produzenten, den Kakaoanteil zu reduzieren oder durch andere Zutaten zu ersetzen.

Auch neue Konkurrenz verändert den Markt. „Länder in Lateinamerika erhöhen ihre Produktion und konkurrieren direkt mit Produzenten in der Elfenbeinküste und in Ghana“, sagt Touré. Beide Länder liefern weiterhin die Mehrheit des weltweiten Kakaos, doch neue Anbieter drängen auf den Markt. Hinzu kommen Finanzinvestoren. „Es gibt auch Spekulanten, die einfach mit den Zahlen spielen“, sagt Touré. „Sie schauen nicht auf die Situation der Bauern.“ Viele Produzenten erhalten derzeit den garantierten Preis nicht vollständig.

Zwischenhändler bieten häufig weniger, doch den Bauern bleibt oft keine Wahl. „Sie müssen den Kakao verkaufen, weil sie sofort Geld brauchen“, sagt Touré. Kakao bleibt dennoch ein zentraler Wirtschaftszweig. Die Elfenbeinküste produziert rund 40 Prozent des weltweiten Angebots. Über Jahrzehnte bildete der Rohstoff das Rückgrat der Wirtschaft, auch wenn das Land seine Exportbasis zuletzt erweitert hat – etwa durch Cashew oder Gold und zunehmend auch Ölproduktion. Millionen Menschen leben weiterhin direkt oder indirekt vom Kakao. Die aktuelle Krise verändert den Sektor.

Als die Preise vor zwei Jahren stark stiegen, kehrten viele Bauern von anderen Kulturen wie Palmöl oder Kautschuk zum Kakao zurück. Nun stehen viele vor existenziellen Problemen. „Einige Kooperativen sind bereits zusammengebrochen“, sagt Touré. Andere Bauern suchen nach Alternativen. „Sie wechseln zum Anbau von Cashewnüssen.“

Für Konsumenten in Europa dürfte der Preis für Schokolade weiter sinken. Für die Bauern in Westafrika hat derselbe Trend jedoch gravierende Folgen. Wenn das Einkommen einbricht, werden Arztbesuche verschoben und Kinder zeitweise aus der Schule genommen. „Die Situation“, sagt Touré, „ist wirklich schlimm.“

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