Philosophie Die Macht des Arguments – Philosoph Jürgen Habermas ist tot

Sandra Trauner, dpa
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Von Sandra Trauner, dpa
| 14.03.2026 14:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Er galt als eine der einflussreichsten Stimmen unserer Zeit. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa
Er galt als eine der einflussreichsten Stimmen unserer Zeit. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa
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Meisterdenker und öffentlicher Intellektueller – in beiden Rollen höchstes Ansehen zu genießen, gelingt nur wenigen. Jürgen Habermas war einer von ihnen. Nun ist der Philosoph mit 96 Jahren gestorben.

Er hat nicht nur die Geistesgeschichte Deutschlands geprägt, sondern auch die Debattenkultur. Nun ist die Stimme von Jürgen Habermas für immer verstummt. Mit 96 Jahren verstarb der Philosoph in Starnberg, wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf die Familie der dpa mitteilte. Er hinterlässt „ein Werk, für das das Wort „einzigartig“ viel zu blass ist“, formulierte einst der Frankfurter Philosoph Rainer Forst.

Selbst im sehr hohen Alter war Habermas noch höchst produktiv. 2019 veröffentlichte er ein Werk mit 1750 Seiten Umfang. Unter dem tiefstapelnden Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ beleuchtete er das Spannungsfeld zwischen Glauben und Wissen. Ein „imponierendes Alterswerk“, „an systematischer Gestaltungskraft kaum zu überbieten“, aber auch „eine Herausforderung für jeden Leser“, urteilte die Fachwelt. Das Magazin „Cicero“ setzte Habermas noch 2019 nach Peter Sloterdijk auf Platz zwei der wichtigsten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

„Sehr rege, sehr wach, geistig punktgenau fixiert“

„In irgendeiner Arbeit steckt er immer“, sagte der Autor Roman Yos, der mit dem Soziologen Stefan Müller-Doohm ein Gesprächsband mit Habermas zu dessen 95. Geburtstag veröffentlicht hat. Yos erlebte ihn als „sehr rege, sehr wach, geistig punktgenau fixiert“, wie er der dpa sagte. 

Habermas glaubte bis zuletzt an die Macht der Vernunft. Foto: Arne Dedert
Habermas glaubte bis zuletzt an die Macht der Vernunft. Foto: Arne Dedert

Die Karriere des Philosophen begann in den 1960ern. Seine Hauptwerke entstanden in Frankfurt am Main, wo er als Forschungsassistent am Institut für Sozialforschung bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno anfing. Er promovierte 1954 in Bonn mit einer Arbeit über den Philosophen Schelling (1775-1854). In Marburg habilitierte er sich 1961 mit „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, dieses Werk gilt bis heute als bahnbrechend und ist thematisch auch heutzutage hochaktuell: Habermas zeichnet darin die Grundlagen eines gesellschaftskritischen Denkens und Handelns nach, das demokratischen Traditionen verpflichtet ist.

1964 übernahm er Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt, den er zunächst bis 1971 innehatte – in der Zeit der Studentenproteste. In den 1970er Jahren arbeitete er an zwei Max-Planck-Instituten in Bayern, bevor er 1983 nach Frankfurt zurückkehrte. In seinen späten Lebensjahren lebte er am Starnberger See. Habermas war seit 1955 mit seiner Frau verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. 

Ein Leitfaden für die moderne Gesellschaft

In seinem Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) entwarf Habermas eine Art Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft. Seiner Theorie zufolge liegen die normsetzenden Grundlagen einer Gesellschaft in der Sprache. Als Verständigungsmittel ermögliche sie erst soziales Handeln. In „Erkenntnis und Interesse“ (1968) stellte er heraus, dass es keine „objektive“ Erkenntnis gibt. Sowohl in der Wissenschaft als auch in Politik und Gesellschaft sei sie abhängig vom jeweiligen Interesse.

Der am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geborene Habermas hat in jungen Jahren den Zweiten Weltkrieg erlebt. Die Erfahrung, unter einem kriminellen Regime gelebt zu haben, habe seine enorme Politisierung ausgelöst und sein Engagement für Demokratie begründet, glaubt Biograf Müller-Doohm. Dass Habermas stets „einen hohen Nachrichtenwert“ hatte, erklärte Müller-Doohm so: „Weil dieser Mann immer wieder den geschützten Raum der Universität verlassen hat, um in die Rolle des streitbaren Debattenteilnehmers zu schlüpfen und auf diesem Wege Einfluss auf die Mentalitätsgeschichte dieses Landes zu nehmen.“

Auch im hohen Alter mischte sich Habermas gern in kontroverse Debatten ein – und trug so zur Meinungsbildung in Deutschland bei. Foto: Martin Gerten/dpa
Auch im hohen Alter mischte sich Habermas gern in kontroverse Debatten ein – und trug so zur Meinungsbildung in Deutschland bei. Foto: Martin Gerten/dpa

Er verkörperte die Rolle des politischen Intellektuellen „quasi in persona“, sagte Roman Yos: „Wann immer es um den Zustand nationaler Befindlichkeiten oder um die Gegenwart und Zukunft Europas schlecht bestellt schien, durfte man mit seiner öffentlichkeitswirksamen Wortmeldung rechnen.“ 

„Er kann nicht nicht politisch denken“

Studentenbewegung, Wiedervereinigung, NATO-Einsätze, Terrorismus, Stammzellforschung, Bankenkrise, Europa – seine Positionen zu solchen vieldiskutierten Themen in einem Schlagwort zusammenzufassen, würde der Differenziertheit seiner Argumentation nicht gerecht. Corona, der Ukraine-Krieg und der Nahost-Konflikt haben ihn in den letzten Jahren beschäftigt. „Er kann nicht nicht politisch denken“, betonte Yos.

Gemeinsam, sagen Kenner seines Werks, war stets ein positives Menschenbild und der Glaube an die Macht der Vernunft, an die Kraft des besseren Arguments. Schon zu seinem 80. Geburtstag hatte Habermas beschlossen, sein Archiv der Universität Frankfurt zu überlassen. Seit seinem 85. Geburtstag waren die Unterlagen für Wissenschaftler zugänglich.

Die Jahre in Frankfurt waren „die befriedigendste Zeit meines akademischen Lebens“, sagte er bei einem Vortrag an seiner alten Hochschule einen Tag nach seinem 90. Geburtstag. Habermas wurde gefeiert wie ein Popstar. 3000 Zuhörer lauschten seinen Worten, vom Audimax wurde der Vortrag in fünf Säle übertragen. Als ein falscher Feueralarm ihn unterbrach und das Gebäude geräumt wurde, brachte das den 90-Jährigen kein bisschen aus der Ruhe. Er bedankte sich „für die Erhöhung der Komplexität“ – und fuhr ungerührt fort.

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