Osnabrück  „Polizeiruf 110: Ablass": Geld, Macht und falsche Geständnisse

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 14.03.2026 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ratlos: Kommissar Dennis Eden (Stephan Zinner) und Kommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) an einem neuen Unfallort. Foto: © BR/die film gmbh/Susanne Bernhard
Ratlos: Kommissar Dennis Eden (Stephan Zinner) und Kommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) an einem neuen Unfallort. Foto: © BR/die film gmbh/Susanne Bernhard
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Im neuen Münchener "Polizeiruf 110: Ablass" (Sonntag, 15. März, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek) bekommen es die Kommissare Blohm und Eden mit falschen Geständnissen zu tun. Raffiniertes Krimidrama aus einer Welt, in der es keine Chancengleichheit mehr gibt.

Mitten in der Nacht rast ein Porsche mit massiv überhöhter Geschwindigkeit durch Münchens scheinbar menschenleere Straßen. Plötzlich ein dumpfer Knall, und auf der Straße bleibt ein sterbender Radfahrer zurück. Der Unfallverursacher begeht zwar Fahrerflucht. Aber mit Victor Reisinger (Shenja Lacher), einem arbeitslosen Familienvater, ist der Täter schnell gefasst. Nicht nur das. Der Mann hat auch ein einschlägiges Vorstrafenregister, gibt zu, das Auto spontan gestohlen zu haben und ist auch sonst vollumfänglich geständig. Fall gelöst?

Unterdessen werden Kriminalhauptkommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) und ihr Kollege Dennis Eden (Stephan Zinner) mit einem höchst merkwürdigen Fall konfrontiert. In einer Münchener Isarwehranlage wird der mehrere Jahre alte Leichnam einer ermordeten Frau gefunden, den es so eigentlich gar nicht geben dürfte. Kurz nach dem Verschwinden der Frau wurde mit Léon Kamara (Yoli Fuller) ein Täter verurteilt, dessen Geständnis so gar nicht mit dem Zustand der Leiche übereinstimmt.

Kamara habe eigenen Angaben zufolge den Leichnam der Frau zerstückelt und im Müll entsorgt. Den Rest habe die Müllverbrennungsanlage erledigt. Während Blohm und Eden herauszufinden versuchen, wieso der Mann mit einem falschen Geständnis einsitzt, werden sie um Amtshilfe im Fall des tödlichen Unfalls gebeten. Denn es gibt noch einige Ungereimtheiten.

Die führen direkt zu der wohlhabenden Familie Assauer, die so viele Autos besitzt, dass sie den Verlust des teuren Flitzers zunächst gar nicht bemerkt haben will. Insbesondere Tochter Kim (Josefine Keller) gibt trotzig zu bedenken, dass sie sich nie im Leben hinter das Lenkrades so eines Autos setzen würde. Porsche? „Viel zu prollig“, so ihr vernichtendes Urteil.

Gar nicht prollig wirkt hingegen August Schellenberg (Tobias Moretti) als Anwalt der Familie. Der mit allen Wassern gewaschene Advokat ist berüchtigt dafür, seine Mandanten auch aus den ausweglosesten Verfahren mit Mindeststrafen herauszuholen. Gerade hat er mit der Staatsanwältin ein Urteil im Falle des geständigen Todesfahrers Reisinger ausgehandelt. Vier Jahre, Entlassung wahrscheinlich schon nach zwei Jahren. Das Entsetzen im Gesicht der hochschwangeren Witwe des Toten spricht Bände.

Christian Bach (Buch und Regie) ist mit dem neuen Münchener „Polizeiruf 110: Ablass“ ein außergewöhnlich mitreißendes Drama gelungen, das im Gewand eines spannenden Krimis den größten Missstand innerhalb unserer Gesellschaft reflektiert: die Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Dazu bedient sich Bach einer raffiniert eingefädelten Geschichte, die zunächst viele Rätsel aufwirft, dann aber in eine Eskalationsspirale übergeht, die unaufhaltsam erscheint.

Die Spannung entsteht hier vor allen Dingen aus der Unabwendbarkeit der sich zuspitzenden Ereignisse, die man aus Zuschauersicht erahnt und dabei gleichzeitig hofft, dass die Dinge doch nicht so geschehen werden. Es geht um Macht, Geld und Einfluss in einer Welt, die keine Chancengleichheit mehr zu bieten scheint. Auf die Frage, ob es gerecht wäre, wenn die Reichen davon kommen, weil die Armen den Kopf hinhalten, kennt die reiche Tochter Kim nur eine Antwort: „In so einer Welt leben wir doch längst!“

Das bis zum bitteren Ende extrem sehenswerte Drama lebt natürlich auch von seinem gut aufeinander abgestimmten Ensemble. Bis in die Nebenrollen erstklassig besetzt, bleibt insbesondere Moretti in seiner Rolle des schmierigen, aalglatten Anwalts Schellenberg in Erinnerung, dessen schamloser Zynismus leider sehr authentisch wirkt.

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