Osnabrück Osnabrücker Künstler Manfred Blieffert erhält den Niedersächsischen Verdienstorden
Manfred Blieffert zählt zu den populärsten Künstlern Osnabrücks. Jetzt ehrt ihn das Land Niedersachsen mit dem Niedersächsischen Verdienstorden für sein gesellschaftliches Engagement. Das Blieffert nicht von der Kunst trennt.
Um über sein gesellschaftliches Engagement zu sprechen, führt Manfred Blieffert seine Besucher in das Atelier im Garten seines Wohnhauses. Hier zeigt er aktuelle Werke für eine neue Ausstellung. Eine Arbeit trägt den Titel „Unter den Teppich gekehrt“, eine andere „Mantel des Schweigens“; es geht um den Umgang mit der deutschen Nazi-Vergangenheit. Zu sehen sein wird die Ausstellung im Herbst in der Gedenkstätte Augustaschacht, einer Institution, deren Trägerverein Blieffert mitgegründet hat – weil ihm das Gedenken an die Opfer und die Folgen des Nationalsozialismus ein innerstes Anliegen ist.
Damit werden die Arbeiten zum Symbol für Bliefferts Credo: Kunst und gesellschaftliches Engagement gehen bei ihm Hand in Hand. Weshalb der Niedersächsische Verdienstorden, den ihm Oberbürgermeisterin Katharina Pötter am 11. März verleiht, seine Kunst mitehrt. Auch wenn der Preis seinem Wesen nach Verdienste um die Gesellschaft würdigt.
Manfred Blieffert, der Mann mit dem markanten Schnurrbart, gehört zu Osnabrück wie das Rathaus des Westfälischen Friedens, gefühlt zumindest. Denn ihn kennt jedes Kind, buchstäblich: Eine Unterrichtseinheit bei ihm in der Druckwerkstatt der Musik- und Kunstschule gehörte zum Pflichtprogramm der Osnabrücker Grundschulen.
Das liegt mittlerweile hinter ihm; seit 2015 genießt der einstige Leiter der Kunstabteilung in der Musik- und Kunstschule seinen Ruhestand. Trotzdem steht er jeden Morgen sehr früh auf, um in seinem Atelier zu arbeiten. Aber auch in der Öffentlichkeit ist Blieffert präsent wie eh und je. Zum Beispiel in der Kulturnacht: Da radelt er mit seiner mobilen Druckerpresse, dem Druckfahrrad, zu seinem Standort, meistens in der Bierstraße, und druckt live Plakate mit eindringlichen Botschaften; etliche davon hängen an den Wänden seines Ateliers.
Da steht unter einem blauen Fingerabdruck: „Wenn Dein Fingerabdruck der Beweis für Deine Identität ist, dann ist Deine Zunge das Zeugnis für Deine Erziehung und Moral.“ Ein Zitat von Abdelmajeed Abdallah, der vor mehr als zehn Jahren aus dem Sudan geflüchtet ist und seit vier Jahren in Osnabrück lebt und sich unter anderem bei Help Age engagiert. „refugees welcome!“ steht schließlich noch auf dem Plakat.
Wenn Rassismus um sich greift, Menschen unter Krieg und Katastrophen leiden, wird Blieffert aktiv und wirft die mobile Presse an, gern gemeinsam mit jungen Menschen. „Nach der Oderflut haben wir für Musikschulen in Sachsen gesammelt“, sagt er. Als 2003 der Irakkrieg tobte und 2022 Russland die Ukraine überfiel, lautete die Botschaft seiner Plakate, „Gewalt ist immer eine Niederlage.“
Als das Coronavirus im Frühjahr 2020 die Welt stillstehen ließ, radelte er mit seinem Druckfahrrad auf den Marktplatz und druckte nachts Plakate mit der Aufschrift „...und was bringt DAS MORGEN?“ Eine Nacht- und Nebelaktion im wahrsten Sinne des Wortes, und wie es der Zufall wollte, kam ein junger Mann vorbei, der 2010 als Elfjähriger an einer Kunstaktion Bliefferts teilgenommen hatte.
Derartige Kunstguerilla-Aktionen startet Blieffert eher selten. Regelmäßig engagiert er sich hingegen im Ehrenamt: im erweiterten Vorstand der Nussbaumgesellschaft, im Verein Abenteuer Kunst e.V., im Vorstand des Landesverbands der Kunstschulen in Niedersachsen.
Viele Ämter hat er mittlerweile aufgegeben. Aktiv ist er aber noch im Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V. und im Verein „Dreidimensional“, dem Trägerverein der Skultur Galerie. Doch egal, ob zurückliegende oder aktuelle Aktivitäten: Blieffert bewegt sich an der Schnittstelle von Kultur und Gesellschaftspolitik.
Damit ist er ein authentischer Vertreter seiner Generation: Das Diktum „Kultur für alle“ ist ihm Leitlinie seines Handelns geworden. Klar, dass so jemand in Berlin studiert, allerdings nicht um den angenehmen Nebeneffekt, dass er Anfang der 1980er Jahre die Wehrpflicht umgehen konnte: Vor dem Studium an der Hochschule der Künste, heute Universität der Künste, hat er daheim in Kiel seinen Zivildienst absolviert.
In Berlin lernte er Felix Nussbaums Bilder kennen – „den kannte damals kein Mensch“, sagt er. Dass ihn sein Lebensweg ein paar Jahre später nach Osnabrück führen würde, ist trotzdem Zufall. 1986 zog er mit Tochter und der schwangeren Frau von der Spree an die Hase, um an der Musik- und Kunstschule seine erste feste Stelle anzunehmen – und gleichzeitig die letzte.
Seine Arbeit dort war mit einem klaren Auftrag verbunden: „Ich sollte die Klientel erweitern“, sagt er. In Kooperation mit den Schulen gestaltete er den Kunstunterricht; „die Musik- und Kunstschule in ihrer heutigen Form habe ich mit aufgebaut.“
Dafür musste er Kämpfe ausfechten – etwa für die Werkstatt am Johannistorwall. Aber lieber hat er sich für diejenigen eingesetzt, die es schwer haben in unserer Gesellschaft – mit dem Verein „Abenteuer Kunst“ hat er 30.000 Euro für geflüchtete Menschen aus Syrien gesammelt, hat acht Ateliers für Geflüchtete eingerichtet – „das größte Projekt in Niedersachsen“, sagt er.
So mischt er sich bis heute mit den Mitteln der Kunst in die Gesellschaft ein. Deshalb hat Kulturaktivist Reinhard Richter Blieffert für den Niedersächsischen Verdienstorden vorgeschlagen, und die zuständigen Gremien in Hannover haben dem zugestimmt. Darauf stolz zu sein, ist Blieffert allerdings fremd. Aber glücklich über die Ehre ist er schon.