Osnabrück  Aus für das Berliner Exilmuseum: Warum das eine ganz schlechte Nachricht ist

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 07.03.2026 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Hier entsteht kein neues Exilmuseum: Die Fassade de ehemaligen Anhalter Bahnhofs in Berlin. Foto: imago/Jürgen Ritter
Hier entsteht kein neues Exilmuseum: Die Fassade de ehemaligen Anhalter Bahnhofs in Berlin. Foto: imago/Jürgen Ritter
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Das Berliner Exilmuseum wird nicht gebaut. Aber gibt es nicht ohnehin schon zu viele Museen? In diesem Fall gilt das nicht. Die Berliner Absage ist eine schlechte Nachricht – gerade jetzt.

Ein Museum wird nicht gebaut. Ist das eine Nachricht? In der Bundesrepublik gibt es rund 6000 Museen, in Berlin allein immerhin 150. Ein weiteres Museum kommt nun wohl nicht. Ein Problem? Ja, und das ist sogar ein richtiges Ärgernis, denn das Exilmuseum, das nach dem Wortlaut einer Imagebroschüre Berlins von 2020 sogar schon eröffnet sein sollte, war nicht irgendein Projekt.

Der Anhalter Bahnhof hat glanzvolle Tage gesehen – und ganz bittere. Unter den hochgewölbten Bögen dieses Bauwerks begrüßte Kaiser Wilhelm II. Staatsgäste, bestiegen vermögende Leute den Zug, um an sonnige Küsten des Südens zu fahren. Jahre später wählten viele ganz andere Reiseziele. Während des Dritten Reiches gingen Tausende von hier aus in das Exil. Noch später hatten andere Opfer des Terrorregimes gar keine Wahl mehr. Ihre Reise führte vom Anhalter Bahnhof in die Konzentrationslager.

Heute ragt nur noch die Fassade des ehemals prächtigen Fernbahnhofs in die Höhe. Sie sollte wieder ein Portal sein, dieses Mal für das Museum, das endlich an das Exil erinnert. „Das Risiko der Flucht, das verstörte Leben in der Fremde, Armut, Angst und haltloses Heimweh. All das erleben Menschen bis heute jeden Tag. Umso wichtiger ist es, den Inhalt des Wortes Exil begreifbar zu machen“, begründet Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller den Sinn des Projekts. Sie ist dessen Schirmherrin, neben dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Und es hatte gut ausgesehen. Die Architektur der dänischen Baumeisterin Dorte Mandrup hätte das alte Bahnhofsportal mit einem weit ausschwingenden Fassadenbogen hinterfangen und so zum ersten Exponat des neuen Hauses gemacht. 130 Millionen Euro: Auf diesen Betrag waren die Baukosten zuletzt geschätzt. Zu viel für Berlin, das für andere Projekte ganz andere Summen bewegt. 500 Millionen Euro sind allein für das neue Kunstmuseum Berlin Modern veranschlagt.

Für das Exilmuseum bleibt es bei der kleinen, der beschämend abseitigen Lösung. 2028 soll das Museum wirklich eröffnet werden – in einer Stadtvilla in der Fasanenstraße 24, wo die Stiftung jetzt schon ihren Sitz hat. Das Haus sei einladend und strahle den Geist der Großzügigkeit aus: So macht sich Kulturmanagerin und Stiftungschefin Ruth Ur gerade selber Mut.

Das schöne Leben pflegt die Erinnerung, auch und gerade an die schmerzhaften Ereignisse der Vergangenheit. Es hätte Berlin, es hätte Deutschland gut angestanden, an einem prominenten Ort, rund 20 Gehminuten vom Brandenburger Tor entfernt, an das Exil zu erinnern – und zu zeigen, wie sehr Exil gerade heute wieder ein bedrückendes Thema ist.

Denn das ist ja die Pointe des Projekts – aus der Erinnerung heraus besser zu verstehen, wie es heute jenen geht, die wieder den bitteren Weg des Exils gehen müssen. Es werden gerade wieder mehr Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie verfolgt, bedrängt, bedroht werden. Autokraten haben weltweit Konjunktur, Populisten und ihre Helfer, Leute, die Menschen zu gern in zwei Gruppen einteilen: in diejenigen, die bleiben dürfen, und jene, die möglichst gehen sollen. Man braucht nicht weit zu schauen, um die Leute zu finden, die dieses Geschäft schon jetzt wieder betreiben. Sie sitzen auch im Deutschen Bundestag.

Gerade deshalb wäre ein sichtbares Exilmuseum eine gute Sache gewesen. Einige Stifter hatten schon Millionen bereitgestellt. Die öffentliche Hand stieg nicht ein. Warum eigentlich nicht? Jetzt müssen die Initiatoren eingestehen, dass das Projekt aus privaten Aufwendungen allein nicht zu verwirklichen ist. Wie bitter. Ein Exilmuseum gehört nach Berlin. Und leider auch wieder sehr in unsere Zeit.

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