Osnabrück  Weltfrauentag: Wie zwei Konzerte in Osnabrück die Klassik-Lücke verkleinern

Ralf Döring
|
Von Ralf Döring
| 05.03.2026 15:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Im letzten Jahr demonstrierten Frauen in Osnabrück am Weltfrauentag – unter anderem für gleiche Bezahlung. Doch die Ungleichbehandlung zeigt sich in vielen Bereichen des Lebens. Auch auf Programmen klassischer Konzerte. Foto: Detlef Heese
Im letzten Jahr demonstrierten Frauen in Osnabrück am Weltfrauentag – unter anderem für gleiche Bezahlung. Doch die Ungleichbehandlung zeigt sich in vielen Bereichen des Lebens. Auch auf Programmen klassischer Konzerte. Foto: Detlef Heese
Artikel teilen:

Komponistinnen schaffen es erst seit einigen Jahren auf die Programme klassischer Konzerte. Mit zwei Konzerten, eines davon zum Weltfrauentag, erreicht dieser neue Trend jetzt auch Osnabrück.

Zum Weltfrauentag am 8. März werden die Themen mal wieder verstärkt aufs Tapet kommen: ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, fehlende Gleichberechtigung in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen, von Gewalt gegen Frauen ganz zu schweigen. Was all das mit klassischer Musik zu tun hat? Von der physischen Gewalt zum Glück abgesehen: mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Wer zum Beispiel bei einem Konzert des Osnabrücker Symphonieorchesters auf die Frauenquote achtet, kann zu dem Schluss kommen: Alles bestens; rund die Hälfte der Stellen ist mit Musikerinnen besetzt. Das nächste Sinfoniekonzert des Osnabrücker Symphonieorchesters am 16. März geht sogar noch einen Schritt weiter: Erstmals – von einem kurzen Gastdirigat beim Neujahrskonzert mal abgesehen – leitet eine Frau das Konzert, die ukrainische Dirigentin Margaryta Grynyvetska.

Was man beim Osnabrücker Symphonieorchester allerdings bisher vergeblich sucht, sind Kompositionen von Frauen auf dem Konzertprogramm. Und tatsächlich existiert da ein „Gap“, eine Lücke, die sich erst allmählich schließt: dass Komponistinnen Eingang finden in Konzertprogramme mit klassischer Musik.

Gleich zwei finden in nächster Zeit in Osnabrück statt. So führt der Kammerchor von St. Johann am Sonntag, 15. März, um 16 Uhr in der „Musik an St. Johann“ ein Programm mit Werken von Komponistinnen für Chor und Streicher auf. Da finden sich zeitgenössische Werke wie das „Evening Prayer“ von Evita Rudzionyte, einer 1999 geborenen litauischen Komponistin. Oder ein Werk von Nana Forte, einer 1981 geborenen slowenischen Komponistin. Oder „To The Hands“ der 1982 geborenen Amerikanerin Caroline Shaw.

Komponierende Frauen tauchen aber nicht erst im ausgehenden 20. Jahrhundert auf. Das älteste Werk, das der Kammerchor aufführt, „Spiritus sanctus vivificans“, hat die Universalgelehrte und eben auch Komponistin des Hohen Mittelalters, Hildegard von Bingen, im 12. Jahrhundert komponiert.

Eine echte Renaissance erleben aber seit einiger Zeit Komponistinnen des 19. und 20. Jahrhunderts. Beim Neujahrskonzert in Wien standen zum ersten Mal Komponistinnen, Josephine Weinlich und Florence Price, auf dem Programm. Die 1887 geborene Price war die erste Afroamerikanerin, die es als Komponistin zu Ruhm brachte, und die erste, deren Werk von einem der großen amerikanischen Orchester aufgeführt wurde.

Von ihr erklingt bei der Musik an St. Johann ein Werk für Streichquartett: Franziska Hahn-Majersky und Christiane Kumetat, Violine, Hayasa Tanaka, Viola, und Jörg Ulrich Krah, Violoncello, spielen von Price Ausschnitte aus deren zweitem Streichquartett.

Das gleiche Ensemble gestaltet eine Woche vorher, am Sonntag, 8. März, im Renaissancesaal des Ledenhofs ein Konzert zum Weltfrauentag, und zwar ebenfalls ausschließlich mit Werken von Komponistinnen, darunter Florence Price. Außerdem erklingen Werke von Emilie Mayer, einer 1812 geborenen Komponistin, deren Werke zu Lebzeiten in ganz Europa aufgeführt wurden, und die ein einigermaßen schillerndes Leben geführt hat.

Sie blieb unverheiratet, scherte sich nicht um die Konventionen, die ihre Zeit den Frauen auferlegte, führte ein selbstbestimmtes Leben. Nach ihrem Tod 1883 geriet ihr Werk allerdings in Vergessenheit. Erst in jüngster Zeit erleben ihre Kompositionen eine Renaissance – soweit sie nicht verschollen sind. Als dritte Komponistin hat das Quartett Rebecca Clark ausgewählt, eine Wanderin zwischen USA und England, die als wichtigste britische Komponistin zwischen den Weltkriegen gilt.

Ähnliche Artikel