Osnabrück  Mit Coolness und Kakao: Wie der VfL Osnabrück die Erfolgswelle reitet

Malte Artmeier, Susanne Fetter
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Von Malte Artmeier, Susanne Fetter
| 04.03.2026 17:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Tabellenführer jubelt vor seinen Fans: Die Profis des VfL Osnabrück holen sich nach dem 2:0-Sieg gegen Viktoria Köln den verdienten Applaus ab. Foto: Michael Titgemeyer
Der Tabellenführer jubelt vor seinen Fans: Die Profis des VfL Osnabrück holen sich nach dem 2:0-Sieg gegen Viktoria Köln den verdienten Applaus ab. Foto: Michael Titgemeyer
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Nach dem 2:0-Sieg gegen Viktoria Köln wächst rund um den VfL Osnabrück der Glaube an den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Trainer Timo Schultz begegnet dem aktuellen Höhenflug eher nüchtern: Während andere feiern, widmet er sich der Platzpflege.

Timo Schultz musste ein bisschen warten, bis er an der Reihe war. Der Trainer des VfL Osnabrück stand bereit für sein Interview beim Pay-TV-Sender Magentasport nach dem 2:0-Sieg gegen Viktoria Köln, aber sein Gegenüber Marian Wilhelm war noch nicht fertig. 15 Meter weiter erklangen „Spitzenreiter, Spitzenreiter“-Rufe aus der Ostkurve - und seine Mannschaft hüpfte vor dem eigenen Anhang jubelnd auf und ab. Die Euphorie an der Bremer Brücke war an diesem Dienstagabend riesig. Und was machte der Coach in der Zwischenzeit? Pflegte das ramponierten Feld. Schultz suchte Rasenstücke und trat sie wieder fest. Der Platz wird ja noch gebraucht.

Eine Szene, die viel aussagt über die erstaunliche Souveränität und Coolness, mit der der 48-Jährige die aktuelle Erfolgswelle seiner Mannschaft begleitet. 2026 ist der VfL in der 3. Fußball-Liga auch nach dem achten Spiel ungeschlagen, hat gegen die Viktoria die Punkte 18 bis 20 in diesem Jahr eingefahren. Eine Wahnsinns-Quote, die auch Trainer zum Überschwang verleiten könnte. Doch dazu lässt sich Schultz aber mal so gar nicht hinreißen. Selbst der Applaus, den er zur Halbzeitpause von der Nordtribüne beim Gang in die Kabine bekam, schien ihm unangenehm zu sein.

So mühelos, wie seine Mannschaft über 90 Minuten die harmlosen Gäste vom Rhein vom eigenen Strafraum fernhielt, so locker und gleichzeitig fokussiert bleibt ihr Trainer angesichts der immer größer werdenden Chancen, den ganz großen Wurf zu schaffen, den inzwischen alle rund um den Verein für möglich halten: den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

Dass dieser VfL in der Verbindung aus einem ausgewogenen, flexiblen und talentierten Kader und einem cleveren, unaufgeregten Trainerteam die Voraussetzungen dafür hat, war am Dienstagabend wieder einmal zu sehen. Die Lila-Weißen spielten wieder einmal nicht die Sterne vom Himmel. Sie nutzten aber wieder einmal effizient ihre Torchancen. Sie offenbarten dem Gegner wieder einmal keine großen Lücken. Sie kontrollierten das Spiel, obwohl Köln deutlich mehr Ballbesitz hatte. Sie machten wieder einmal keine groben Fehler. Und sie blieben damit zum inzwischen 14. Mal ohne Gegentor.

Man kann dieser Mannschaft dabei zusehen, wie sie an ihren Aufgaben wächst und sich weiterentwickelt - ohne dabei aber ihre Grundlagen zu vergessen. Sie bewältigt Herausforderungen in unterschiedlicher Schwierigkeit und mit unterschiedlichen Voraussetzungen mittlerweile mit einer fast beängstigenden Selbstverständlichkeit, weil sie elementare Erfolgsfaktoren beherzigt, die vom Trainer vorgegeben werden.

Zum Beispiel, dass jeder Spieler wichtig ist. In der letzten Woche lebte Schultz dies mit der Einwechslung von Bashkim Ajdini vor, dem er damit zu seinem ersten Saisoneinsatz und dem 200. für den VfL verhalf. In dieser Woche brachte er David Kopacz in die Startelf für den gesperrten Lars Kehl, nachdem Kopacz fünf Wochen in Serie nicht mal zum Kader gehörte. Und der Deutsch-Pole hatte nicht nur mit dem technisch herausragenden eigenen Treffer zum 2:0 per Hacke seine Aktien am Sieg, sondern war auch an der Einleitung des ersten Tores durch Goalgetter Robin Meißner beteiligt, das Ismail Badjie stark vorbereitete.

Schultz hätte auch andere Möglichkeiten gehabt, Kehl zu ersetzen: Winter-Leihgabe Julian Kania etwa, oder auch Sturmtalent Bernd Riesselmann. Vielleicht auch Kevin Wiethaup oder Tony Lesueur. Er wählte aber Kopacz - und lag richtig. Auch das gehört zum VfL-Höhenflug: ein Trainer, der momentan mit jeder einzelnen Entscheidung Recht behält.

Es begann schon im ersten Spiel des Jahres, als Bryan Henning überraschend starten durfte und in Aachen zweimal traf. Weiter ging es mit Wiethaup, der im Mittelfeld gleich mehrfach das Vertrauen bekam und mit ordentlichen bis guten Leistungen zurückzahlte. Genauso wie Robin Fabinski, nachdem er den Jahresstart verpasste, zum richtigen Zeitpunkt zurückkehrte und gleich wieder eine defensive Säule ist. Gegen Rostock (2:2) und Essen (3:0) wechselte Schultz mit Riesselmann und Kai Pröger zweimal Torschützen ein - und mit Tony Lesueur in Aue gleich den Matchwinner, der ein Tor und eine Vorlage produzierte.

Schultz lobte dahingehend, wie sich Spieler mit wenig Einsatzzeit im Training anbieten und sich für die Gemeinschaft einsetzen. Eine tiefergehende Erklärung für seinen verrückten Lauf hatte er aber nicht parat. Jedenfalls stärkt diese Serie an guten Entscheidungen das Vertrauen der Mannschaft in ihren Trainer weiter. Was soll denn schon passieren, wenn der Mann an der Seitenlinie offenbar immer eine richtige Lösung parat hat? Es ist aber eben nicht nur der Erfolg, der zusammenschweißt, sondern auch das gemeinsame Ziel. Schultz wird nicht müde zu betonen, wie lang der Weg noch ist. Und vor allem, wie viel harte Arbeit immer noch nötig ist, um es zu erreichen.

Die Spieler haben das verinnerlicht - auch weil es ihnen nicht anders erlaubt würde: Fast pedantisch wird beim VfL auf physische Parameter geachtet, vor allem von Sebastian Schwermann, dem Leiter der medizinischen Abteilung, und Athletiktrainer Tim Schütte. Gerade in der Englischen Woche ist Regeneration ein essenzieller Aspekt des Profifußballerlebens. Und so standen die VfL-Kicker am Dienstagabend alle mit Kakao-Trinkpäckchen bewaffnet im Kabinentrakt: Die Kohlenhydrat- und Eiweißspeicher müssen nun mal aufgefüllt werden.

Danach ging es ans Auslaufen. Dort wo eine halbe Stunde zuvor noch die gefestigte Tabellenführung gefeiert wurde, wurden bereits die Grundlagen gelegt, um den nächsten Ritt auf der Erfolgswelle zu absolvieren - denn am Samstag (16.30 Uhr) geht es schon weiter mit dem Auswärtsspiel beim formstarken SSV Jahn Regensburg.

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