„Villa Bärchen“  Ab Juni Tagesstätte für psychisch Erkrankte in Weener

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 25.02.2026 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eigentümer Anteus Focken (von links), Stefan Scheebaum, Geschäftsführer der Ostfriesischen Gesellschaft für psychische und soziale Gesundheit, und Objektverwalterin Susanne Vogel sind sich einig. Foto: Klaus Ortgies
Eigentümer Anteus Focken (von links), Stefan Scheebaum, Geschäftsführer der Ostfriesischen Gesellschaft für psychische und soziale Gesundheit, und Objektverwalterin Susanne Vogel sind sich einig. Foto: Klaus Ortgies
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Die Fachklinik lässt auf sich warten – doch nebenan wird es konkret: In der „Villa Bärchen“ startet eine Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen. Was dort geplant ist und wer dahintersteht.

Weener - Psychiatrische Großprojekte haben etwas von Wetterlagen: Man beobachtet sie, man hofft, man wartet. Die Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, die aus dem Rheiderland-Krankenhaus einmal werden soll, liegt weiter irgendwo hinter dem Horizont. Doch ein paar Meter entfernt, in einem Haus, das aussieht, als hätte es seine eigenen Geschichten im Gebälk, wird schon gehandelt: In der „Villa Bärchen“ soll ab Juni eine Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen öffnen.

Im Inneren zeigt die geschichtsträchtige Villa schon wieder viel von ihrer alten Pracht. Foto: Klaus Ortgies
Im Inneren zeigt die geschichtsträchtige Villa schon wieder viel von ihrer alten Pracht. Foto: Klaus Ortgies

Die Villa ist nicht irgendein Zweckbau, sondern ein neugotisches Statement aus einer anderen Zeit: turmartiger Erker, hohe Fenster, Ornamente, Verzierungen – ein „Schmuckstück“, das sich in Weener sichtbar abhebt. Und genau hier will die Ostfriesische Gesellschaft für psychische und soziale Gesundheit eine teilstationäre Anlaufstelle etablieren. Die Organisation ist in Ostfriesland bereits an mehreren Standorten präsent, macht Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen und/oder Suchterkrankungen und deren Familien; im Rheiderland bietet sie über den Standort Leer ambulante Versorgung an.

Struktur als Ziel: Warum feste Tagesabläufe psychisch Erkrankten helfen sollen

Was in der Tagesstätte passieren soll, klingt zunächst unspektakulär – und ist gerade deshalb so relevant: Struktur. „Mittels strukturierter Tagesabläufe“ sollen Menschen Unterstützung bekommen, „ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen“, sagt Geschäftsführer Stefan Scheebaum. Das klingt nach Kalender, Küche, Gesprächen, nach Morgen, Mittag, Abend – und nach einer Art Alltag, der nicht überfordert, sondern trägt. Wer heute jung ist, kennt das Wort „Mental Health“ nicht nur aus Ratgebern, sondern aus dem eigenen Umfeld. Scheebaum liefert die große Zahl dazu: Statistisch gesehen sei jeder Dritte in Deutschland im Laufe seines Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen. Auslöser gebe es viele; gerade Depressionen und Angststörungen nähmen zu.

In fast jeden Raum springt die Geschichte der Villa dem staunenden Betrachter ins Auge. Foto: Klaus Ortgies
In fast jeden Raum springt die Geschichte der Villa dem staunenden Betrachter ins Auge. Foto: Klaus Ortgies

Zum Start sollen 20 Plätze bereitstehen. Nicht als Ersatz, sondern als Scharnier zwischen Klinik und Zuhause, zwischen „ich schaffe gar nichts“ und „ich schaffe wieder etwas“. Scheebaum betont, die Tagesstätte stehe nicht gegen eine mögliche Fachklinik im Rheiderland-Krankenhaus, sondern neben ihr, als Ergänzung. Vorstellbar sei, dass Menschen nach einem stationären Aufenthalt nicht in ein Loch fallen, sondern in unmittelbarer Nähe weiter Stabilität aufbauen. Er stehe mit den Verantwortlichen des Krankenhauses „seit Monaten im Dialog“, sagt Scheebaum, der selbst in Wymeer lebt.

Wege zur Psychiatrie werden länger: Zentralklinik Uthwerdum als Faktor

Dass so ein Angebot im Rheiderland gebraucht wird, bezweifelt er nicht. Scheebaum sitzt in der Besuchskommission Weser-Ems Nord, die Bedingungen und Behandlung in psychiatrischen Einrichtungen überprüft. Er kennt die Lage, und er sieht auch die Geografie, die mitentscheidet: Spätestens mit der neuen Zentralklinik in Uthwerdum würden Wege „doch sehr weit“ werden. Nähe ist dann nicht nur bequem, sondern notwendig.

Ob Treppengeländer oder Fenster: Aufwendige Verzierungen prägen die Räume. Foto: Klaus Ortgies
Ob Treppengeländer oder Fenster: Aufwendige Verzierungen prägen die Räume. Foto: Klaus Ortgies

Und die Villa selbst? Sie trägt Vergangenheit wie ein Mantel. Gebaut zwischen 1860 und 1870 für den Viehhändler Jan Hesse, 389 Quadratmeter, zehn Zimmer. Ihren Spitznamen bekam sie von Max Bärchen, der dort bis in die 1960er-Jahre eine Textilfabrik betrieb und Baskenmützen und Wollstrickgarn herstellte. Jetzt sollen im Erdgeschoss Küche sowie Ess- und Frühstückszimmer für gemeinsame Mahlzeiten entstehen, oben Gruppen- und Therapieräume. Ein Haus, das einmal produziert hat, soll künftig stabilisieren.

Denkmalschutz und Umbau: Treppenlift, Küche und Therapieräume in der Villa

Barrierefreiheit in einem Denkmal ist dabei keine Fußnote, sondern praktische Wirklichkeit. „Für die Treppen bekommen wir etwa noch einen Treppenlift“, sagt Scheebaum; mit dem Denkmalschutz sei das besprochen. Die Zusage des Landes liege vor, die Kostenfrage über die Eingliederungshilfe sei geklärt. Und auch mit Eigentümer Anteus Focken und Objektverwalterin Susanne Vogel sei man „Schritt für Schritt“ weitergekommen.

Die Sanierungsarbeiten sollen in wenigen Wochen abgeschlossen werden. Foto: Klaus Ortgies
Die Sanierungsarbeiten sollen in wenigen Wochen abgeschlossen werden. Foto: Klaus Ortgies

Focken wiederum ist so etwas wie der zufällige Hüter dieses Kleinods: Im Vorbeifahren habe ihn das leer stehende Haus in der Neuen Straße angesprungen. Über seine Beteiligungsgesellschaft Venturecare aus Wilhelmshaven kaufte der gebürtige Leeraner die Villa, mistete aus, sanierte innen. Dann kam die Lektion, die Altbauten gern erteilen: Das Dach war schlechter als erwartet. „Wir hätten zuerst das Dach machen müssen. Doch jetzt ist alles dicht. Es stehen nur noch Restarbeiten an.“ Mehr als eine halbe Million Euro stecke inzwischen im Gebäude, sagt Focken und lobt trotzdem den Denkmalschutz: „Die Behörde war immer gesprächsbereit, das muss man ihnen lassen.“ Was noch bleibt: Fassade und Pflaster. Und dann, wenn alles klappt, ab Juni: Alltag als Therapie, in einer Villa, die schon viele Epochen überlebt hat.

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