Hebammen und Kapitäne Jheringsfehn ringt um Straßennamen
Für die Straßen in einem Neubaugebiet in Jheringsfehn werden Namen gesucht. Es gibt zwei Vorschläge – die lösen eine Kontroverse im Ortsrat aus. Hebammen oder Kapitäne?
Jheringsfehn - Volles Haus bei der Ortsratssitzung in Jheringsfehn. „Ich glaube, so viele Zuhörer hatten wir noch nie“, verkündet Ortsbürgermeister Johann Hartema (SPD). Auffallend viele Frauen sitzen dicht gedrängt in dem Raum im Gasthuus, wo der Ortsrat tagt. Schnell wird klar, was der Grund für die gute Beteiligung ist: Der Tagesordnungspunkt 10, die Benennung von Straßennamen im Baugebiet an der Westerwieke.
Zwischen den Häusern rund um die Sebastian-Eberhard-Straße und dem neuen Feuerwehrgerätehaus sollen weitere Bauplätze entstehen. Bereits jetzt will sich der Ortsrat damit befassen, wie die Wege dort heißen sollen. Voraussichtlich sechs Straßennamen sollen gefunden werden. Aber das ist gar nicht so einfach, wie es scheint. Denn es gibt zwei Vorschläge dafür, und die lassen eine hitzige Debatte in dem kleinen Saal aufkommen.
Hebammen-Idee: Frauen aus der Ortshistorie sollen sichtbarer werden
Zunächst stellt Angelika Beuing (Grüne) ihre Idee vor: Danach könnten sechs Hebammen aus der Gemeinde Moormerland als Namenspatinnen für das Neubaugebiet gewählt werden. Es sind historische Persönlichkeiten, die vor gut 100 Jahren dafür sorgten, dass kleine Moormerländer gesund zur Welt kamen. Die im vergangenen Jahr verstorbene ehemalige Gleichstellungsbeauftragte Helene Palm hatte diese Frauen vor vielen Jahren in einer Ausstellung gewürdigt.
Beuing macht deutlich, warum sie die Hebammen gerne mit der Straßenbenennung würdigen möchte: „Sie hatten alle ein schweres Leben. Ihre Namen sind so gut wie vergessen.“ Oft seien die Frauen verwitwet und mit Kindern auf sich selbst gestellt gewesen. Ihre eigene Großmutter habe als Hebamme bei Hausgeburten rund 8000 Kindern auf die Welt geholfen. „Sie haben das mit Liebe gemacht“, betont Beuing.
Kapitäne und Ehefrauen: Seeschifffahrt als prägendes Kapitel Jheringsfehns
Doch es gibt noch einen anderen Vorschlag zur Benennung der Straßen, den Herbert Buß (CDU) vorträgt. Dieser sei in einer Arbeitsgruppe zur Orts- und Familiengeschichte Jheringsfehns entstanden. Hier stehen die Namen von Kapitänen und ihren Frauen im Mittelpunkt. „Die lange Bedeutung der Seeschifffahrt ist kaum noch bewusst“, sagt Buß. Dabei habe Jheringsfehn ehemals den vierten Platz im ostfriesischen Seeverkehr gehabt.
„Es war eine gefahrenvolle Arbeit auf See“, betont er. Neben den Namen von drei Kapitänen aus Jheringsfehn oder Boekzetelerfehn sollen die von drei Ehefrauen stehen, denn diese hätten zu Hause alleine die Erziehung der Kinder übernommen und hart arbeiten müssen. Um zu den Namen Erläuterungen zu geben, könnten an den Pfosten der Straßenschilder QR-Codes angebracht werden, über die man Informationen abrufen könnte – so wie es bereits auf historischen Friedhöfen in Moormerland funktioniert.
Ortsrat findet keine Einigung – Debatte um Lokalbezug und Würdigung
Beide Seiten versichern, den Vorschlag der jeweils anderen „nicht schlecht“ oder „spannend“ zu finden. Ansonsten gibt es jedoch wenig Einigkeit. „Die Kapitäne waren privilegiert und konnten mit ihrem Vermögen Land kaufen“, bewertet Angelika Beuing die Idee mit den Kapitänsnamen: „Die Hebammen konnten das nicht.“ Herbert Buß hält dagegen, dass die Hebammen nicht alle in Jheringsfehn gelebt hatten, sondern über das gesamte Gemeindegebiet Moormerlands verstreut waren. Die Kapitäne seien hingegen vor Ort zu Hause gewesen.
Das ist auch Tanja Veentjer (MWG) wichtig. „Ich fand es wichtig, den Frauen ein Gesicht zu geben“, beginnt sie, aber auf der anderen Seite sei Jheringsfehn eine historische Kulturlandschaft, die mit ihren Menschen gewachsen sei. „Das würde ich eher mit den Namen von Jheringsfehntjern in Verbindung bringen“, sagt Veentjer. Thomas Buß (SPD) wehrt sich gegen die Unterstellung, alle Kapitäne seien vermögend gewesen: „Mein Vater war auch Kapitän, aber nicht reich.“
Kompromiss denkbar: Straßen teilen – und die Diskussion geht im Saal weiter
Zu einer Entscheidung kommt es nicht, die wird auf den nächsten Sitzungstermin verschoben. Angedeutet wird, dass es einen Kompromiss geben könnte, zum Beispiel drei Straßen nach Kapitänen und drei Straßen nach Hebammen zu benennen. Allerdings ist noch nicht einmal klar, ob es wirklich sechs Straßen geben wird. Ein Vertreter der Verwaltung verweist darauf, dass die Planung für die Erweiterung des Neubaugebietes noch nicht so weit vorangeschritten ist. Es sei auch möglich, dass am Ende weniger Wege zu taufen sind. „Es wird vielleicht weitere Erweiterungen geben“, versucht Ortsbürgermeister Hartema zu vermitteln.
Doch die Diskussion brandet erneut auf, als die Einwohnerfragestunde eher zu einer Einwohnerinnenmitteilungsrunde gerät. Die Zuschauerinnen machen deutlich, dass sie für den Hebammen-Vorschlag sind. Mehrere Frauen unterstreichen die Bedeutung für die Geburtshilfe bei den Fehntjern, die vor rund 100 Jahren oft in bescheidenen bis armen Verhältnissen lebten. „Diese Frauen hatten keine Chance, die Geschichte zu beeinflussen“, sagt eine Zuhörerin. Eine andere fragt: „Wenn jetzt erst die Kapitäne kommen, wann sind dann die Frauen dran?“ Ein Zuhörer merkt an, dass „alle großen Männer von Frauen geboren werden“.