Osnabrück Der Tod der Tastatur: Warum wir bald aufhören zu tippen – und das traurig ist
Tastaturen gehören für die meisten Menschen zu den selbstverständlichsten Alltagsgegenständen überhaupt. Doch nun prophezeit SAP-Chef Christian Klein das baldige Ende des Tippens. Unser Autor findet das furchtbar – nicht nur aus nostalgischen Gründen.
Eines der auffälligsten Verhaltensmuster von uns Menschen besteht darin, im Falle einer echten Zeitenwende möglichst lange so zu tun, als gebe es sie gar nicht.
Wenn sich dramatische Dinge abzeichnen, eine globale Finanzkrise vielleicht, eine Pandemie oder irgendeine technologische Revolution, zieht unser Unterbewusstsein es vor, die Tragweite des Ganzen erst einmal zu unterschätzen. Psychologen sagen, es liege daran, dass wir spektakulär neue Informationen einfach besser verarbeiten können, wenn wir sie einbauen in unser gewohntes Weltbild. Eine Bewältigungsstrategie der Trägheit also: im Grunde sehr sympathisch.
Ab einem bestimmten Punkt muss man allerdings trotzdem einsehen, dass die Dinge sich für immer verändern. Und ich persönlich nähere mich diesem Punkt gerade an, wenn es um einen der selbstverständlichsten Alltagsgegenstände der allermeisten Menschen auf dieser Erde geht, beziehungsweise um das Ende dieses Gegenstandes. Es ist nämlich so: Anscheinend verschwinden bald die Tastaturen.
Weil viele Menschen das Tippen lästig finden, arbeiten Technik-Designer ja schon lange daran, uns möglichst viele Buchstaben abzunehmen. Schon vor Jahrzehnten gab es spezielle Spracherkennungs-Software zu kaufen, mit der man seinem Computer einen Text diktieren konnte, statt ihn händisch einzugeben. Und in den sozialen Medien kann man ganze Beziehungen führen nur mit Emojis.
Jetzt aber, mit Künstlicher Intelligenz, dürften die Geräte uns schon bald dermaßen zuverlässig verstehen, dass sich alles, was wir mit ihnen machen wollen, genauso gut oder sogar besser mündlich steuern lassen wird statt mit Tasten.
Im Silicon Valley tüfteln sie schon an Computern, die nicht mal mehr einen Bildschirm haben - man ruft ihnen quasi zu, schreib dem Kunden die und die Mail oder bestell mir eine Hose oder organisiere den Junggesellenabschied. Und selbst das wirkt umständlich verglichen mit der Wette von Elon Musk, dass wir mittelfristig eine direkte Verbindung der Computer zu unseren Gehirnen haben werden: Dann müssen wir „Mail an den Kunden“ nicht mal aussprechen, sondern nur noch denken.
Oder wie der Chef des deutschen Software-Konzerns SAP, Christian Klein, es vor ein paar Wochen im amerikanischen Wirtschaftsmagazin „Fortune“ ausdrückte: „Das Ende der Tastatur ist nahe.“ Mit „nahe“ meinte er die nächsten zwei bis drei Jahre. Und wenn das stimmt, fände ich das äußerst schade.
Ich habe Tastaturen immer gemocht. Mir gefällt die Haptik viel besser als das Herumwischen auf einem Smartphone-Display. Und ich mag das zeitlose Design. Egal, wie sich die Technik drum herum verändert hat, in die sie eingebaut wurden: Tastaturen sehen immer noch so aus wie in den Anfängen der Schreibmaschinenzeit.
Als die Anordnung der Buchstaben patentiert wurde, lebte Richard Wagner noch, der aber natürlich weiter nur mit der Hand schrieb, meist mit violetter Tinte. Trotzdem sieht man sogar in modernen Science-Fiction-Filmen wie „Matrix“ die Figuren ganz selbstverständlich noch auf solchen Relikten herumtippen, auch wenn die Handlung im 22. Jahrhundert spielt: Zu unvorstellbar ist es selbst manchen Hollywood-Regisseuren, dass wir unsere Arbeit jemals mit etwas anderem bewältigen könnten.
Tastaturen sind für praktisch jeden von uns längst eine viel natürlichere Art und Weise, Zahlen und Buchstaben aneinanderzureihen, als Stifte und Papier. Es lässt sich kaum ein Lebensentwurf denken, bei dem man das nicht zumindest hin und wieder tut. Und sei es nur, um die Steuerklärung zu machen oder „Brückentage 2026“ zu googeln: Tastaturen sind Heimat.
Und dann ihr Geräusch. Klick, klick, klick: Das klingt schon einzeln so nett und verspielt, und je besser es einer kann, desto cooler natürlich. Mein Bruder kann so schnell tippen, dass die einzelnen Klicks zu einem einzigen leisen Surren verschwimmen: Wie viel ärmer wird unsere Bürokultur sein ohne solches sanfte Virtuosentum?
Wobei mir auch nicht ganz klar ist, wie die Leute künftig im Großraumbüro noch halbwegs diskret irgendeine galante Nachricht an ihren Ehemann oder ihr Airbnb-Passwort eingeben sollen. Sind wir alle dazu verurteilt, demnächst „Herzchen-Smiley Ausrufezeichen“ oder „kleinerracker83#“ in unsere Headsets zu flüstern? Dann kehre ich aber lieber zur violetten Tinte zurück.
Aber wer weiß. Ein Freund sagte mir erst diese Woche, statt Tastaturen auszumustern, gehe der Trend in Informatiker-Kreisen gerade eher zu Luxus-Varianten aus Aluminium für 500 Euro. Und der kennt sich mit Computern wahrscheinlich ungefähr so gut aus wie der SAP-Chef. Ich habe die Hoffnung also noch nicht aufgegeben. Wahrscheinlich Psychologie.