Hamburg Schlechtes Image, große Wirkung? Wie wirksam die Elektrokonvulsionstherapie wirklich ist
Bei schweren Depressionen gilt sie als hochwirksam: die Elektrokonvulsionstherapie. Dennoch ist das Verfahren von Ängsten und Vorurteilen geprägt. Was steckt wirklich hinter der kontrovers diskutierten Methode?
Der Patient liegt bewusstlos auf einer schmalen Liege, Gurte sichern Arme und Beine. Über einen venösen Zugang werden ihm Narkose- und Muskelentspannungsmittel verabreicht. An der Stirn haften zwei Elektroden. Zusätzlich überwachen Messgeräte Herzaktivität, Sauerstoffsättigung und Hirnströme. Die Anästhesistin gibt dem Patienten über eine Maske Sauerstoff.
Dann erfolgt für wenige Sekunden eine kontrollierte elektrische Stimulation. Im Gehirn kommt es zu einem kurzzeitigen epileptischen Anfall. Die Gesichtsmuskulatur spannt sich an. Nach etwa 30 bis 60 Sekunden endet der Anfall von selbst, und der Körper des Patienten liegt wieder ruhig.
Was für Außenstehende bedrohlich wirkt, folgt in der Klinik einem standardisierten, streng überwachten medizinischen Protokoll. Die Elektrokonvulsionstherapie greift gezielt von außen in die Hirnaktivität ein. In der evidenzbasierten Psychiatrie ist sie heute ein Verfahren bei schweren, therapieresistenten Depressionen und wird auch bei Manie, Psychosen und Katatonie eingesetzt.
Der psychiatrische Effekt beruht auf einem seit Langem bekannten Prinzip. „Durch einen kurzen Stromimpuls wird ein epileptischer Anfall ausgelöst“, erklärt Jan Alexander Schwesinger, Oberarzt in der Akutpsychiatrie und Leiter des Zentrums für Neurostimulation an der Asklepios Klinik Hamburg-Ochsenzoll. „Dieser Anfall kann bei bestimmten psychischen Erkrankungen zu einer deutlichen Linderung führen.“ Entscheidend ist dabei nicht der Strom selbst, sondern die neurobiologische Reaktion des Gehirns auf den Anfall.
Während der Behandlung überwacht ein interdisziplinäres Team jeden Schritt, darunter auch ein Psychiater. Alles ist auf wenige Minuten präzise getaktet. Der elektrische Stimulus dauert wenige Sekunden. Er löst einen kontrolliert herbeigeführten epileptischen Anfall aus.
Der Körper reagiert sofort: Herzfrequenz und Blutdruck steigen kurzzeitig an. Manchmal zeigen sich Gänsehaut und Tränenfluss, erklärt Schwesinger. Entscheidend ist jedoch die kontinuierliche Überwachung des Gehirns mittels EEG, also der Aufzeichnung der elektrischen Hirnaktivität. Sie zeigt Beginn, Verlauf und Ende des Anfalls.
Eine Durchführung ohne Narkose gilt heute als medizinisch und ethisch nicht vertretbar. Schwesinger betont: „Ohne Narkose käme es zu starken motorischen Reaktionen.“ Diese hätten früher nicht selten zu Verletzungen geführt, etwa zu Frakturen bei älteren Menschen. Moderne Verfahren verhindern das. „Die Patientinnen und Patienten bekommen vom Anfall überhaupt nichts mit.“
Die Narkose ist zentraler Bestandteil der Behandlung. Sie verhindert Schmerzen und schützt die Patienten vor unkontrollierten Muskelbewegungen. Ein Muskelrelaxans sorgt dafür, dass sich der Anfall fast ausschließlich im Gehirn abspielt. Äußerlich bleibt er kaum sichtbar. Medizinisch angestrebt wird ein Anfall von etwa 20 bis 30 Sekunden.
Von besonderer Bedeutung ist der sogenannte Abbruch des Anfalls. „Wir gehen davon aus, dass die Wirkung unter anderem dann entsteht, wenn der Körper diesen Zustand selbst beendet“, sagt Schwesinger. Im EEG zeige sich dann ein abrupter Übergang von hochchaotischer Aktivität in einen geordneten Ruherhythmus. Die Qualität dieses Übergangs gilt als zentral für den therapeutischen Effekt.
Studien belegen, dass medikamentös abgebrochene Anfälle keine vergleichbare Wirkung entfalten. Nach dem spontanen Abbruch folgt eine Phase tiefer Ruhe. Der Patient wacht erst aus der Narkose auf, wenn der epileptische Anfall längst vorbei ist. Nach etwa 20 Minuten ist der Patient wieder orientiert, nach einer Stunde kann er entweder am Stationsalltag teilnehmen oder nach Hause gehen.
Vor der ersten Behandlung erfolgt eine umfassende medizinische Abklärung. Dazu zählen Herz- und Lungenuntersuchung sowie Kontrolle des Zahnstatus. Ein Beißschutz ist obligatorisch, denn der Kaumuskel kann sich trotz Muskelrelaxation kurz zusammenziehen. Schwesinger erläutert: „Auch mit Beißschutz muss der Zahnstatus so sein, dass keine Zähne locker sind.“ Ziel sei es, Zahn- oder Zungenverletzungen zuverlässig zu vermeiden.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen vorübergehende Gedächtnisstörungen. Vor allem das Kurzzeitgedächtnis kann beeinträchtigt sein. Hinzu kommen mögliche Folgen der Narkose wie Übelkeit oder Kopfschmerzen.
Warum die Elektrokonvulsionstherapie wirkt und was dabei genau im Organismus geschieht, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Medizinisch belegt ist jedoch: Die Heilwirkung entsteht nicht durch den Strom selbst. Vielmehr reagiert das Gehirn auf den Anfall mit einer Phase erhöhter neuronaler Plastizität. Neue synaptische Verbindungen bilden sich, bestehende Netzwerke verändern sich.
Auch Veränderungen im Neurotransmittersystem gelten als wahrscheinlich. Schwesinger verweist darauf, dass sich „diese positiven Effekte im klinischen Alltag täglich beobachten lassen, insbesondere bei schwer erkrankten Patienten.“
Die Elektrokonvulsionstherapie erfolgt sowohl stationär als auch ambulant und erstreckt sich über mehrere Wochen. Sie wird gezielt bei klar definierten Krankheitsbildern eingesetzt. Am wirksamsten ist sie bei schweren Depressionen. Je ausgeprägter die Erkrankung, desto höher sind die Erfolgsaussichten. „Wir wissen auch, dass je älter der Patient ist, desto besser wirkt das Verfahren“, so Schwesinger.
Sicherheit und Wirksamkeit der Elektrokonvulsionstherapie sind durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt. Je nach zugrunde liegender psychischer Erkrankung und individueller Ausgangslage erreichen 50 bis 95 Prozent der behandelten Patientinnen und Patienten eine deutliche Besserung.
Als Therapieerfolg gilt dabei eine Halbierung der Beschwerden. Konkret nehmen Symptome wie anhaltende Niedergeschlagenheit, Verlust von Freude und Antrieb, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Schlaf- und Appetitstörungen deutlich ab.
Die Erfolgsquote bei unipolaren Depressionen liegt bei etwa 70 Prozent. Rund 30 Prozent der Behandelten sprechen nicht auf das Verfahren an. Besonders gut wirkt die Therapie bei älteren Menschen mit wahnhafter Depression. Bei Schizophrenie kann sie Symptome deutlich lindern, wenn Medikamente allein nicht ausreichen.
Typisch ist bei depressiven Patienten eine Zunahme von Antrieb und emotionaler Resonanz. Bei schizophrenen Erkrankungen können sich zentrale Symptome deutlich abschwächen. „Patienten mit Verfolgungswahn fühlen sich weniger überwacht und beginnen, diese Sorge zu hinterfragen“, sagt Schwesinger. „Bei akustischen Halluzinationen nimmt häufig die Intensität oder die Häufigkeit der Stimmen ab, im besten Fall verschwinden sie ganz.“
Bei Depressionen reicht oft eine Behandlungsserie, um eine deutliche Besserung zu erzielen. Manche Erkrankte benötigen anschließend keine weitere medikamentöse Therapie. Bei Schizophrenie dagegen hält die Wirkung häufig nur ein bis zwei Monate an. Dann kann eine erneute EKT notwendig werden.
Allerdings bietet die EKT eine Alternative zu den „harten“ Neuroleptika, die viele unangenehme Nebenwirkungen verursachen. Psychische Erkrankungen verlaufen häufig episodisch: In Stress- oder Belastungsphasen können Symptome wieder aufflammen, sodass ein erneuter stationärer Aufenthalt erforderlich ist.
Die Idee der Elektrokonvulsionstherapie, Menschen mit schizophrenen, psychotischen und depressiven Symptomen durch kontrollierte Krampfanfälle zu behandeln, entstand in den 1930er-Jahren. Ab den 1950er-Jahren setzte sich die Anwendung unter Kurznarkose durch. Erst damit begann der Übergang von einer riskanten Intervention zu einem kontrollierten medizinischen Verfahren.
Trotz ihrer nachgewiesenen Wirksamkeit haftet der EKT bis heute ein negatives Image an. In Hollywoodfilmen wie „Einer flog über das Kuckucksnest“ wurde sie in den 1970er-Jahren zum Sinnbild psychiatrischer Gewalt. Die Behandlung galt als brutal, unmenschlich, als Methode der Bestrafung.
Dieses Bild hat die öffentliche Wahrnehmung über Jahrzehnte geprägt, resümiert Schwesinger, „um Emotionen hervorzurufen“. Dadurch sei ein verzerrtes oder vielleicht sogar ganz falsches Bild der EKT entstanden – mit der Folge, dass ihm viele Patienten von Angst und Stigmatisierung berichten würden, selbst wenn sie in modern ausgestatteten Kliniken behandelt werden.
„Strom, Krampf, Zwang – das ist das Bild, das viele im Kopf haben“, so Schwesinger, „mit der heutigen Behandlung hat das wenig zu tun.“ Der Medizinhistoriker und Institutsdirektor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Heiner Fangerau betont, dass die pop- und filmkulturelle Darstellung die Therapie über Jahrzehnte diskreditiert habe. „Die EKT wurde nicht als Therapie, sondern als grausame Strafe inszeniert“, sagt er. Für viele Menschen sei sie dadurch nicht mehr vermittelbar gewesen, obwohl sie in der Fachwelt weiter als sinnvolles Verfahren galt.
Historisch betrachtet geriet die EKT zwischen die Fronten von Psychiatrie, Politik und Gesellschaft. Antipsychiatrische Bewegungen verstärkten diese Kritik. Ärzte wurden als „Schocktherapeuten“ diffamiert, Patienten als Opfer dargestellt.
Mit der routinemäßigen Anwendung von Vollnarkose und Muskelrelaxation wandelte sich das Bild jedoch grundlegend. In der modernen Psychiatrie gilt die EKT heute als evidenzbasiertes Verfahren für schwere Krankheitsverläufe und als wichtiger Baustein moderner psychiatrischer Therapie.
Viele Ärzte wie Jan Alexander Schwesinger berichten von einem sogenannten „EKT-Moment“. Ein Patient gilt als austherapiert – und spricht plötzlich an. Symptome verschwinden, Lebensqualität kehrt zurück. Vorbehalte lösen sich auf. „Das ist eine Erfahrung, die wir ganz häufig machen.“
Die Behandlungskosten übernehmen in Deutschland die gesetzlichen Krankenkassen. Die EKT umfasst rund drei Sitzungen pro Woche über etwa einen Monat. 2024 führte Schwesingers Team rund 1200 EKT-Sitzungen durch, 2025 waren es bereits 2000. Damit zählt die Asklepios Klinik Hamburg-Ochsenzoll zu den größten Zentren in Deutschland.
International ist die Elektrokonvulsionstherapie weit verbreitet. In den USA, in Großbritannien und in Skandinavien wird sie teilweise ambulant durchgeführt. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich nicht. Behandelt werden junge Erwachsene ebenso wie Hochbetagte. Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt es hinsichtlich der Behandlung und Wirksamkeit nicht, sagt Schwesinger. Sein ältester Patient war über 90 Jahre, der jüngste etwa 20.
Wer nimmt diese Behandlungsform in Anspruch? Ein sozialer Zusammenhang ist erkennbar, bilanziert Schwesinger. Schwere psychische Erkrankungen betreffen häufiger sozial benachteiligte Menschen. Auch unter EKT-Patienten spiegelt sich diese Ungleichheit. „Gesellschaftliche Stellung und psychische Erkrankung hängen leider oft zusammen“, so Schwesinger.
Menschen mit geringen sozioökonomischen Ressourcen seien häufiger schwer erkrankt. Zugleich betont er, dass die Therapie keineswegs auf bestimmte Gruppen beschränkt sei: Psychische Störungen, unabhängig von ihrer Schwere und Intensität, sind ein universales Phänomen und machen auch vor finanziell gut gestellten Patienten und Patientinnen nicht halt.
Noch immer gilt die Elektrokonvulsionstherapie als letzte Option. Für viele Patienten markiert sie einen Wendepunkt. Zwischen Angst und Evidenz entscheidet am Ende nicht das Image, sondern die klinische Wirkung.