Osnabrück Wenn der Strafraum zum Kontakthof wird
Eckbälle und Kopfballtore prägten das Fußball-Wochenende, Dortmund traf viermal nach Standards. Auch Werder Bremen setzt mehrere Negativserien fort. Unser Kolumnist hält fest, was am 22. Spieltag auffiel.
Im ZDF-Sportstudio wurde kurzfristig der Studiogast gewechselt, im Pay-TV gab Deutschlands Schiedsrichter-Boss Live-Kommentare und aus Frankfurt den nächsten Spruch Marke Riera. Doch das Thema des Bundesliga-Wochenendes war eines mit Ecken und Kanten: Zwei Dortmunder Treffer nach Eckbällen rückten die Bedeutung dieser unscheinbaren Variante in den Mittelpunkt.
Zwei Eckbälle, ein Freistoß, eine Flanke; alle vier Dortmunder Kopfballtore beim 4:0 gegen Mainz 05 trugen den Absender Julian Ryerson, drei davon nach ruhenden Bällen. Der norwegische Nationalspieler ist der Eckballspezialist der Liga, in den Wochen zuvor hatte er für Nico Schlotterbeck (2) und Julian Brandt Ecken maßgerecht serviert. „Ich muss den Ball auf den Punkt bringen, die anderen müssen dahin laufen“, sagte Ryerson, doch es steckt natürlich viel mehr dahinter – nicht nur in Dortmund stehen Freistöße und Eckbälle mehrfach pro Woche auf dem Trainingsplan, sowohl offensiv als auch defensiv.
Beim BVB – und das ist ein kurioses Detail – trennte sich Trainer Nico Kovac Ende 2025 von Spezialcoach Alex Chapman, den Nuri Sahin bei seinem Amtsantritt 2024 verpflichtet hatte. Zuvor hatte der detailversessene Trainer mehrfach die Unergiebigkeit der Eckballvarianten kritisiert; inzwischen ist dieses Thema Chefsache. Was das bei Kovac heißt, weiß man inzwischen beim BVB: „Natürlich ist auch immer ein bisschen Glück dabei – aber viel Übung hilft viel...“ Acht Dortmunder Tore fielen in dieser Saison nach indirekten Freistößen oder Ecken, gleich dahinter folgen die Bayern (7), bei denen zumeist Top-Assistgeber Michael Olise für die Ecken zuständig ist.
Vor allem bei Eckbällen versuchen die Angreifer häufig mit hohem Körpereinsatz und manchmal unfairen Mitteln, den Torwart so zu blocken, dass er keine Chance hat, den Ball in der Luft zu erwischen. Gegen Mainz 05 ist beim dritten Tor gut sehen, wie Felix Nmecha Schlussmann Daniel Batz ausbremst. Alle reden vom Eckballspezialisten und vom Vollender, doch eine ebenso wichtige Rolle spielt der sogenannte Blocker, den inzwischen die abwehrende Mannschaft ihrerseits zu blocken versucht – rush hour im Fünfmeterraum.
„Der Schiedsrichter muss sieben, acht Pärchen beobachten, die sich beharken – eine große Herausforderung“, sagt Schiedsrichter-Chef Knut Kircher. Der Strafraum wird zum Kontakthof, doch anders als bei einem Zweikampf um den Ball ist in dem Chaos von zehn, zwölf Spielern das Foul kaum zu erkennen – und eine VAR-Prüfung würde viel zu lange dauern.
Übrigens: Der Torwart genießt im Torraum entgegen der verbreiteten Meinung keinen besonderen Schutz, Duell mit dem Gegner werden seit einer Anpassung der Erläuterungen im Regelwerk 2012 genauso bewertet wie Zweikämpfe im Mittelfeld – der Fünfer-Mythos hält sich dennoch.
Eine Einladung ins ZDF-Sportstudio ist für Fußballer und Trainer ein medialer Ritterschlag, Absagen sind selten. Kräftig geworben hatte die Redaktion der 1963 zum Bundesligastart ins TV-Leben gerufenen Kult-Sendung mit dem Besuch einer jungen Trainer-Entdeckung – Merlin Polzin sollte nun selbst erzählen über seinen märchenhaften Weg aus der Fankurve zum Cheftrainer beim Hamburger SV. Doch er sagte nach dem 3:2 gegen Union Berlin wegen einer starken Erkältung beim ZDF ebenso ab wie für die Pressekonferenz und empfahl Nicolai Remberg als Gast.
Ein guter Tausch, denn Remberg entfaltete Unbekümmertheit und Selbstbewusstsein im Gespräch mit Moderator Sven Voss. Nie hat der dynamische Modellathlet ein Nachwuchsleistungszentrum besucht, vor sechs Jahren spielte er noch in der 2. Mannschaft von Preußen Münster. Im Sommer 2025 zahlte der Hamburger SV 2,4 Millionen Euro an Holstein Kiel für Remberg, der sich in Hamburg mit den Worten „Ihr könnt mich Rambo nennen“ vorstellte. Diesen Spitznamen verpasste ihm sein Jugendtrainer bei Eintracht Rheine dem robusten Abräumer.
Auch Merlin Polzin pflegt den unverstellten Auftritt und wird das in Kürze auch im Sportstudio zeigen, wenn er seinen Besuch auf dem Lerchenberg nachholt. Ob er allerdings an der Torwand mit „Rambo“ mithalten kann, ist fraglich: Remberg setzte vier Treffer, drei oben, einen unten, und übertraf seine Prognose: „Zwei sind Minimum...“
Natürlich fliegen Daniel Thioune in Bremen nun die schwarzen Statistiken von allen Seiten um die Ohren. Werder Bremen blieb zum zehnten Mal in dieser Saison torlos und damit schon einmal mehr als vergangene Saison. Das zwölfte sieglose Spiel in Folge ist die zweitlängste Serie der Klubgeschichte (nach 2012/13, 13 Spiele). Bundesligarekord ist zudem die Serie von 16 Heimniederlagen gegen die Bayern; den letzten Punkt holte Werder am 1. März 2009 mit einem 0:0.
Doch für den Trainer zählte nach seiner Heimpremiere im ausverkauften Weserstadion nicht das Ergebnis, sondern der Auftritt. Und der war nicht nur wegen der Mehrzahl der Torschüsse und einiger gute Chancen ein Schritt nach vorn – mental und fußballerisch. „Die Jungs haben Mut und Haltung gezeigt. Das spürten auch die Fans, die noch vor einer Woche ihrem Ärger heftig Luft gemacht hatten, nun aber mit Aufmunterung und Unterstützung das 0:3 gegen den Rekordmeister quittierten. „Es hat uns richtig gutgetan, in die Kurve gehen zu dürfen“, sagte Thioune, der sein Team 90 Minuten lang vom Spielfeldrand aus antrieb, motivierte und animierte. Das sei aber auch ein Auftrag für die nächsten Spiele gegen die Tabellennachbarn St. Pauli und Heidenheim.
Wie eine gut geölte Maschine spulte der Rekordmeister sein Pensum in Bremen ab. Wieder mal stach Harry Kane heraus: Mit 26 Saisontoren nach 22 Spieltagen stellte er den Bundesligarekord von Robert Lewandowski (2021/22) ein, mit 88 Bundesligatoren überholte er die Klublegenden Uli Hoeneß und Franck Ribéry (je 86). Und zum 100. Mal in seiner Karriere verwandelte er einen Elfmeter in einem Erstligaspiel (inklusive Premier League).
Sein Vertrag läuft bis Juni 2027, doch schon jetzt bemüht sich der FC Bayern um eine vorzeitige Verlängerung. Ob an den Spekulationen über Angebote aus Saudi- Arabien etwas dran ist? Am Freitag war die von einigem Theaterdonner und langwierigen Poker-Runden begleitete Einigung mit Dayot Upamecano offiziell verkündet. Der vor fünf Jahren aus Leipzig für 42,5 Millionen Euro verpflichtete Innenverteidiger kassiert ein Handgeld – diese Sonderprämie kommt offenbar wieder in Mode – für die Verlängerung des nun bis 2030 laufenden Vertrages, der eine lukrative Ausstiegsklausel enthalten soll.