Osnabrück  Mythos „Lifestyle-Teilzeit“? Eine Arbeitspsychologin macht den Faktencheck

Lena Schwarz
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Von Lena Schwarz
| 13.02.2026 10:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Viele Menschen arbeiten in Teilzeit, weil sie Kinder betreuen müssen. Aber ist das der einzige Grund? Foto: IMAGO / Westend61
Viele Menschen arbeiten in Teilzeit, weil sie Kinder betreuen müssen. Aber ist das der einzige Grund? Foto: IMAGO / Westend61
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Deutschland diskutiert – angestoßen von der CDU – über Arbeitszeitmodelle. Im Fokus: die Teilzeit. Arbeiten wir wirklich zu wenig? Sind es vor allem Jüngere, die Stunden reduzieren? Das sagt eine Arbeitspsychologin.

„Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ – mit diesem zugespitzten Slogan hat die Mittelstandsunion vor Kurzem eine Debatte zur Arbeitszeit angestoßen. Darin formuliert: den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken und „anlasslose Lifestyle-Teilzeit“ eindämmen.

Der CDU/CSU-Verband sieht darin den Schlüssel gegen Fachkräftemangel und wirtschaftliche Stagnation. Doch wer sich die Gründe für Teilzeit genauer anschaut, erkennt: Die Realität ist komplizierter, als das Schlagwort suggeriert.

„Eigentlich ist Vollzeit in vielen Branchen weiterhin der Karriere- oder Einkommensstandard. Man braucht eine Vollzeitstelle, um gut über die Runden zu kommen“, sagt die Arbeitspsychologin Simone Kauffeld von der Technischen Universität Braunschweig.

Gleichzeitig seien die hohen Teilzeitquoten kein Ausdruck von Bequemlichkeit: „Die Teilzeitquoten in Deutschland sind so hoch, weil immer mehr Menschen auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind: Frauen, die oft nicht Vollzeit arbeiten, solange sie ihre Kinder betreuen, viele Studenten, die neben dem Studium arbeiten, oder auch Ältere, die zunehmend länger am Arbeitsmarkt partizipieren, aber gegebenenfalls nicht mehr in Vollzeit.“

Betreuungsaufgaben betreffen jedoch nicht nur Kinder, sondern auch zunehmend die Pflege von Eltern. Diese „Care-Arbeit“, so formuliert es die Psychologin, „ist in der Regel unbezahlt und wird zumeist nicht in die Teilzeitüberlegungen miteinbezogen.“

Genau dieser blinde Fleck mache die „Teilzeit-Debatte“ so problematisch. Gezählt werden die Arbeitsstunden, nicht die Stunden mit Kindern, kranken Eltern, im Warteraum des Pflegedienstes oder im Formulardschungel der Behörden.

Wer Teilzeit arbeite, reduziere selten Arbeitszeit; er verschiebe sie, so die Arbeitspsychologin. Für viele bedeute das eine Doppel- oder Dreifachbelastung.

Die Psychologin beschreibt, dass die 40 Wochenarbeitsstunden einer klassischen Vollzeitstelle in Deutschland nicht das Problem seien. „Problematisch ist eher eine mangelnde zeitliche Flexibilität für Mitarbeitende, die man damit sozusagen verbindet.“​

Ökonomisch ist das Bild differenzierter als die politische Zuspitzung. „Vollzeit ist nach wie vor wichtig, aber Teilzeit trägt zum Beschäftigungswachstum im Moment extrem bei“, betont Kauffeld.

Die Zahl der in Teilzeit arbeitenden Erwerbstätigen erreichte 2025 einen Höchststand mit über 40 Prozent. Teilzeit sei damit nicht das Gegenteil von Erwerbsarbeit, sondern ein zentraler Baustein dafür, dass Menschen überhaupt im Job bleiben könnten. Etwa, wenn sie ihre Stunden an Kita-Öffnungszeiten, Schulferien oder Pflegezeiten anpassen. Ohne Teilzeit könnten viele Frauen, beide Elternteile oder auch Studenten gar nicht erst arbeiten gehen, meint Kauffeld.

Aber nicht nur Frauen stehen bei der Teilzeitdebatte im Fokus, sondern auch die Arbeitsmoral in verschiedenen Generationen. Das Klischee: Ältere arbeiten in Vollzeit, während die Jüngeren Arbeitsstunden reduzieren. So eindeutig ist es laut Kauffeld nicht.

Es sei vielmehr ein genereller Mentalitätsumschwung zu beobachten. Viele wünschten sich grundsätzlich flexiblere Arbeitszeiten; je nach Lebensphase und aus ganz verschiedenen Gründen wolle man seine Arbeitszeit anpassen. Das Alter sei dabei gar nicht entscheidend.

Jüngere Arbeitnehmer könnten in dieser Hinsicht mehr Forderungen stellen, da sie aufgrund des demografischen Wandels deutlich wichtiger für den Arbeitsmarkt sind, als dies beim Berufseinstieg der Boomer – sie waren immer viele – der Fall war.

Die Entwicklung der Arbeitszeit bestätigt diesen Trend. „Generell ist es so, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit langfristig gesunken ist“, sagt Arbeitspsychologin Kauffeld. Der Arbeitstag sei heute zeitlich deutlich zersplitterter. Modelle wie Teilzeit, Homeoffice, Gleitzeit oder projektbezogene Arbeit seien viel verbreiteter als noch vor 20 Jahren.

Und wie sieht die Zukunft aus? „Wir werden die klassische Vollzeit weiterhin haben, aber wir werden auch verschiedene Teilzeitmodelle haben sowie mehr projektbasiertes Arbeiten“, prognostiziert Kauffeld.

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