Osnabrück Arbeitszeit der Deutschen: Für diese Jobs befürwortet Carsten Maschmeyer die Vier-Tage-Woche
Viele Politiker und Ökonomen fordern, die Deutschen müssten länger arbeiten. Ist das sinnvoll? Star-Investor und „Höhle-der-Löwen“-Juror Carsten Maschmeyer spricht im Arbeitszeit-Interview über „Fake Work“ im Büro, seinen eigenen Burnout und Strategien zum Runterkommen.
Wie faul sind die Deutschen wirklich? Seit Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner ersten Regierungserklärung gefordert hat, die Menschen müssten „wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, ist die Diskussion um die angemessene Arbeitszeit allgegenwärtig.
Als Geschäftsmann und Investor ist Carsten Maschmeyer eher unverdächtig, übertrieben oft in der Hängematte zu liegen. Wir haben ihn gefragt, wie er auf die Work-Life-Debatte in Deutschland blickt – und auf welches Arbeitspensum pro Tag er so kommt.
Frage: Herr Maschmeyer, Bundeskanzler Friedrich Merz findet, dass die Deutschen zu wenig arbeiten. Hat er recht?
Antwort: Wir haben in Deutschland sicher auch Menschen, die arbeiten könnten, aber nicht wollen, und der Sozialstaat lässt sie gewähren. Wir haben aber auch viele Leistungsträger, die gern noch viel mehr arbeiten würden, wenn der Staat sie nicht nach Kräften dabei hemmen würde, vor allem mit der zu früh einsetzenden hohen Steuerprogression.
Antwort: Ich habe Mitarbeiter, die mir sagen: „Es ist toll, dass ich 300 Euro mehr brutto bekommen kann, aber davon bleibt mir kaum etwas übrig. Da arbeite ich lieber fünf Stunden weniger.“ Andere würden gerne mehr arbeiten, können aber nicht, weil Kinderbetreuungsplätze fehlen. Wenn Friedrich Merz will, dass die Deutschen mehr arbeiten, sollte er weniger auf die Faulen schimpfen, sondern die Fleißigen entlasten.
Frage: Wie lange müssten die Deutschen im Durchschnitt arbeiten, damit die Wirtschaft wieder anzieht?
Antwort: Die Wirtschaft wird nur anziehen, wenn wir endlich damit aufhören, den Wert der Arbeit nur in Stunden zu berechnen.
Frage: Wie denn sonst?
Antwort: Vor allem in Ergebnissen. Kein Konzern würde jemals in seinem Geschäftsbericht schreiben: „Unsere Mitarbeiter waren früh morgens immer pünktlich da, sind besonders lange geblieben und keiner war im Homeoffice.“ Da geht es nur um Umsatz und Zielerreichung. Deshalb sollten wir weniger darüber reden, wie lange jemand in der Firma sitzt, sondern wie er in seiner Zeit möglichst viel schafft. Wir können mit KI, Robotik und Automatisierung viel produktiver werden.
Frage: Aber selbst wenn ich in einer Arbeitsstunde demnächst dank KI mehr schaffe als bisher, wäre es doch für die Volkswirtschaft förderlich, ich würde von diesen neuen Super-Arbeitsstunden auch möglichst viele machen.
Antwort: Wenn wir Maschinen wären, dann ja. Menschliche Arbeitsleistung wird aber mit mehr Stunden nicht besser. In manchen Berufen ist es gar nicht zumutbar, zu lange hart zu arbeiten. Ich denke an die Pflege: Da fände ich sogar eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich angemessen. Das wäre eine längst überfällige Anpassung der Bezahlung für eine so wertvolle Dienstleistung.
Antwort: Wenn eine Pflegekraft kündigen will, weil der Job mental und physisch zu anstrengend ist, stellt sich nicht mehr die Frage „fünf oder vier Tage“, sondern „vier oder null Tage“. Auch in anderen Bereichen ist weniger Arbeitszeit manchmal mehr. Wer vier 14-Stunden-Tage hintereinander absolviert, ist nicht mehr kreativ und leistungsfähig. Ob der Mitarbeiter einer Werbeagentur für den Spruch „Geiz ist geil“ jetzt elf Stunden überlegt hat oder ob ihm das beim Spazierengehen einfällt, kann seinem Chef doch egal sein. Es geht um Ergebnisse. Sie zahlen einem Fußballspieler ja auch kein Kilometergeld, sondern Siegprämien.
Frage: Über Bürotätigkeiten haben Sie mal gesagt, dort würden die Menschen stundenlang „Fake Work“ machen, also Arbeitssimulation. Was soll das sein?
Antwort: Wenn das Ziel nur darin besteht, morgens aufzustehen und abends müde zu sein, kriegt man das auf vielfältige Weise hin. Wenn das Ziel aber ein Ergebnis oder Erfolg ist, wird man schnell merken, welche Arbeitsstunden gut investiert sind und welche man mit sinnlosen E-Mail-Verteilern oder irgendwelchen Endlos-Sitzungen verschwendet.
Antwort: In meiner Firma habe ich zum Beispiel für Meetings die Regel eingeführt, dass hinter jedem Tagesordnungspunkt drei Häkchen stehen müssen: Hilft dieses Thema dem Umsatz? Senkt es die Kosten? Ist es ein Muss-Thema, also die Anpassung an ein neues Gesetz oder andere Vorgaben? Wenn bei einem Thema nichts davon zutrifft, kommt es nicht auf die Agenda. Zudem braucht jedes Meeting eine klare Zeitvorgabe. Ein guter Trick ist, Meetings auf 16 Uhr zu legen. Dann wird nicht bis 21 Uhr geredet. Morgens um neun hingegen denkt man oft: „Wir haben ja Zeit bis zum Mittagessen.“
Frage: Sie selbst haben früher so viel gearbeitet, dass Sie zwischenzeitlich in eine Schlaftablettensucht abgerutscht sind. Woran erkennt man, dass es im Job gerade zu viel wird?
Antwort: Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit psychischen Erkrankungen und bin auch selbst an mehreren Firmen für mentale Gesundheit beteiligt. Paradoxerweise reagiert unser vegetatives Nervensystem auf zu große Belastungen damit, dass wir immer schlechter schlafen. Wer zu lange unter Hochdruck steht, kann nicht mehr abschalten. Wenn man bis zum Einschlafen News liest oder auf TikTok noch ein Video nach dem anderen schaut, sind das Warnzeichen. Die nächste Stufe sind oft der soziale Rückzug und Antriebslosigkeit, das sind Vorboten eines Burnouts. Bei mir war es so, dass ich irgendwann niemanden mehr sehen wollte. Ich wollte nur noch arbeiten und in der wenigen Restfreizeit allein sein. Dafür habe ich Freunde und Hobbys vernachlässigt. Dann braucht man professionelle Hilfe, die ich mir damals auch geholt habe.
Frage: Wie kommen Sie heute nach einem harten Arbeitstag runter?
Antwort: Ein guter Tag beginnt am Abend vorher. Ich mache abends Sport, um Adrenalin abzubauen: Fahrrad, Rudern oder Stepper. Diese monotone Bewegung hat etwas Meditatives. Oft fällt mir dabei die Antwort auf eine schwierige Frage ein, oder ich gewinne den nötigen Abstand dazu: Man löst entweder das Problem oder löst sich vom Problem. Die letzte Stunde vor dem Schlafen ist digitalfrei: kein Streaming, kein Handy. Zum Einschlafen lese ich, aber kein Fachbuch, sonst will ich sofort wieder wichtige Stellen unterstreichen. Ich lese Romane von Harris, Follett oder Grisham. Dann bin ich in einer anderen Welt und schlummere einfach weg.
Frage: Und wie viele Arbeitsstunden werden es dann am nächsten Tag normalerweise?
Antwort: Mein persönliches Limit liegt mittlerweile bei zwölf Stunden am Tag – danach spüre ich, wie meine Leistungsfähigkeit nachlässt, und ich ahne, dass die folgende Nacht schlecht wird. In dieser Woche, in der ich viel unterwegs bin, werde ich diese Marke leider ein paar Mal reißen. Aber im Durchschnitt sind es an guten Tagen zehn Stunden, würde ich sagen. Reicht auch.