Ibbenbüren Wer nicht stillt, ist eine schlechte Mutter? Zwei junge Mamis berichten von ihren Erfahrungen
Stillen. Kaum ein Thema spaltet Mütter so sehr. Die Frauen Lisa und Leah haben unterschiedliche Entscheidungen getroffen – und können es gefühlt doch keinem recht machen. Warum fällt die Akzeptanz für das Stillen mit der Flasche so schwer?
Stillen oder Flasche? In Kommentarspalten im Netz wie auch im echten Leben prallen dabei oft harte Urteile aufeinander. Manche meinen sogar, wer nicht stillt, sei eine schlechte Mutter. Lisa Leismann aus Ibbenbüren und Leah Mahner aus Recke (beides Kommunen im Münsterland) haben das bereits erlebt. Die beiden Mütter erzählen, wie sie sich entschieden haben – und warum sie sich wünschen, dass mehr Verständnis und Offenheit unter Müttern herrschen.
Lisa ist frischgebackene Mutter – ihre Tochter Kira ist erst vier Monate alt. „Für mich war von Anfang an klar, dass ich stillen möchte“, sagt die 32-Jährige. Gerade weil Kira ein Frühchen war, war es ihr besonders wichtig, dass ihre Tochter die wertvollen Nährstoffe der Muttermilch bekommt. Gleich nach der Geburt wurde Kira angelegt – doch es lief nicht nach Plan.
„Das Kolostrum, die erste Muttermilch, enthält die meisten Nährstoffe für das Kind“, erklärt Lisa. „Aber es musste mit einer Spritze aufgefangen werden, weil das Anlegen nicht richtig funktionierte.“ Zuhause versuchte sie es weiter – doch auch hier gab es Probleme.
Lisa hat Multiple Sklerose. „Mein bisheriges Medikament vertrug ich plötzlich nicht mehr“, erzählt sie. Ein neues Präparat kam in Frage – doch es war nicht auf Stillverträglichkeit geprüft. Das war der 32-Jährigen zu heikel. Gemeinsam mit der Tatsache, dass sie nur wenig Muttermilch produzierte und abpumpen musste, entschied Lisa schweren Herzens, auf Pre-Nahrung umzusteigen.
„Ich fühle mich auch jetzt noch traurig darüber, dass es nicht geklappt hat“, sagt Lisa ehrlich. Das Gefühl des Stillens sei unbeschreiblich gewesen. „Es verbindet und mir kamen dabei die Tränen, weil es so schön war.“ Zwar habe die junge Mutter dabei auch Schmerzen gehabt, aber ohne die anderen Umstände hätte sie das definitiv in Kauf genommen, sagt sie.
Lisa ist froh, dass es heutzutage so gute Pre-Nahrung gibt, doch da Tochter Kira eine Milcheiweißallergie hat, „wäre Muttermilch das Beste gewesen“. Doch sie steht hinter ihrer Entscheidung. „Auch, wenn es nichts Schlimmeres gibt, als zu erzählen, dass man nicht stillt.“ Bei einem Arztbesuch mit ihrer Tochter sei sie stark hinterfragt worden, wieso sie nicht stillt. „Und in den sozialen Medien sehe ich es andauernd. Da wird getan, als wenn man seinem Kind etwas Böses will, wenn man nicht stillt“, schildert Lisa.
Gerade deswegen sei es ihr ein großes Anliegen, Müttern mit auf den Weg zu geben, dass jede ihren eigenen Weg gehen soll. „Auch, wenn ich das Stillen als wunderschön empfunden habe und denke, dass Muttermilch das Beste ist, möchte ich betonen, dass ich nie eine Mutter für ihre Entscheidung verurteilen würde“, verdeutlicht die 32-Jährige. „Es geht niemanden etwas an, warum sich eine Mutter für oder gegen das Stillen entschieden hat.“
Im Gegensatz dazu entschied sich Leah Mahner aus Recke bewusst gegen das Stillen. Sie hat zwei Kinder: einen bald dreijährigen Sohn und eine Tochter, die anderthalb Jahre alt ist. Und bei beiden wusste sie von Anfang an: „Ich möchte nicht stillen.“ Und dafür hat sie ihre persönlichen Gründe.
„Alle zwei Stunden aufstehen, zusehen, dass Milch kommt, mit Schläuchen zum Abpumpen auf dem Sofa sitzen“, das konnte sich die 27-Jährige nicht für sich vorstellen. Trotzdem legte sie beide Kinder einmalig im Kreißsaal an – wegen des Kolostrums. „Danach wusste ich genau, dass Stillen nichts für mich ist.“
Leah betont die Vorteile ihrer Entscheidung: „Durch das Fläschchen konnte ich genau sehen, wie viel getrunken wurde. Mein Mann und ich konnten uns abwechseln, und ich konnte mich hin und wieder ausruhen. Einkaufen war viel einfacher, weil die Kinder nicht direkt auf mich angewiesen waren.“
Gleichzeitig könne die 27-Jährige aber auch jede Mutter verstehen, die Stillen als etwas total Schönes empfinde. Und das freue sie für jede, bei der es klappt. Auch sie ist der Meinung: Jede Mutter soll für sich selbst entscheiden. Doch auch die Reckerin hat in Bezug auf diese Thematik leider eher negative Erfahrungen gemacht.
„Ich bin Krankenschwester. In meiner Ausbildung sagte man uns, dass Flaschenkinder dümmer als Gestillte seien.“ Sie lacht: „Das kann man natürlich nicht so sagen.“ Außerdem hat Leah das Gefühl, man müsse sich rechtfertigen, nicht zu stillen. Aber wieso, fragt sie sich. „Jede Mutter weiß selbst, was gut für ihr Kind ist.“
Die Anfeindungen im Netz sind auch ihr aufgefallen. „Ich muss generell sagen, dass Social Media als frischgebackene Mama ganz schlimm ist“, meint sie, „alles wird so rosig, so perfekt dargestellt, sodass man sich selbst ganz schlimm hinterfragt.“ Und konkret, wenn es um das Stillen geht, „zerfleischen sich die Mütter in den Kommentaren“. Sie schüttelt den Kopf. „Eigentlich müssten wir Mamas doch ein großes Team sein. Wir sitzen doch schließlich alle im selben Boot. Warum machen wir es uns gegenseitig so schwer?“
Lisa und Leah haben beide eine Entscheidung getroffen – basierend auf ihren persönlichen Gründen. Und beide stehen hinter ihren Entscheidungen. Ihr Wunsch: Akzeptanz und Respekt für alle Wege. „Am Ende zählt nur eins: dass unsere Kinder satt und glücklich sind – egal ob Stillen, Flasche oder Sonde“, sagt Leah.
Dieser Artikel erschien zuerst bei der „Ibbenbürener Volkszeitung“.