Osnabrück Stellte die Stadt Osnabrück ein Knöllchen von 1938 zu? Hintergrund eines Facebook-Hits
Bald 90 Jahre ist es her, dass Paula Allerdissen in der Cloppenburger Straße falsch geparkt hat. Der Bußgeldbescheid der Stadt Osnabrück lag nun beim Enkel im Briefkasten, heißt es in einem Facebook-Post. Tatsächlich ist an dieser Darstellung alles falsch. Berichtenswert ist sie dennoch.
Auf einer karierten Tischdecke verteilen sich Brötchenkrümel, eine Tasse Kaffee steht in der Ecke. Im Zentrum des Bildes: ein vergilbtes Schreiben aus dem Jahr 1938, das einen Stempel mit dem Osnabrücker Stadtwappen trägt. Paula Allerdissen soll am 29. November 1938 in der Cloppenburger Straße in Osnabrück im Halteverbot gehalten haben, heißt es in dem Schreiben.
Und nun, im Januar 2026, ist der Bußgeldbescheid über eine Reichsmark bei ihrem Enkel eingegangen. Diese Geschichte erzählt ein Facebook-Post, doch praktisch nichts an ihr ist wahr. Und dennoch taugt sie als ein Lehrstück in Sachen Künstliche Intelligenz (KI), Fake News und Social Media.
Immerhin ein Aspekt der Geschichte, nämlich, fußt dann doch in der Realität: „Omma Paula“ hat es wirklich gegeben, sagt Rolf Allerdissen, ihr Enkel. Allerdings: „Wer sie kannte, weiß, dass sie nicht einmal Fahrrad fuhr.“ Und dennoch hat der 60-Jährige den Post über den fiktiven Bußgeldbescheid auf seinem Facebook-Profil verbreitet – samt eines KI-generierten Bildes, das den Bescheid zeigen soll.
Dass es nicht authentisch ist, sondern künstlich erzeugt, springt beim Betrachten schnell ins Auge. Doch gilt das auch für die Geschichte dahinter? „Ich wollte da bewusst nicht ganz eindeutig sein und habe ein Szenario gewählt, das eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat“, sagt Allerdissen im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich wollte, dass die Leute eine Irritation verspüren und sich näher mit der Sache befassen.“
So konstruierte er mittels KI eine Behördenposse, die auf Spott und Empörung zielt. Der Post und seine Tonalität fügen sich ein in eine Vielzahl von KI-generierten Inhalten, die Social-Media-Plattformen wie Facebook fluten.
„Was wahr ist und was falsch, bleibt in der Masse an Inhalten kaum noch nachvollziehbar“, beschreibt Allerdissen. Er habe mit seinem Post seiner Followerschaft einen Impuls geben wollen, die Sache auf Stichhaltigkeit und Authentizität zu prüfen.
Viele derer, die sich mit Allerdissens Post auseinandersetzen, haben genau das offensichtlich getan. Von Kommentatoren hagelt es überwiegend Kritik für die mutmaßliche Falschnachricht. Facebook hingegen honoriert sie. Noch nie habe ein Beitrag von ihm eine derartige Reichweite erzielt, sagt Allerdissen. Vermeintlicher Behördenirrsinn, eine nette KI-Illustration – Faktoren, auf die der Algorithmus des Netzwerks offenbar in diesem Fall angesprungen ist. Bis zum Mittwochabend (3. Februar) habe sein Post 470.477 Aufrufe mit 43.155 Interaktionen erzielt, teilt Allerdissen mit. Für seine Verhältnisse ist das einsame Spitze.
Dabei hat der gebürtige Ostwestfale, der mittlerweile in Leipzig lebt, eine gewisse Prominenz. Allerdissen arbeitet unter anderem als Autor und Redakteur. In früheren Jahren zeichnete er für die Organisation zahlreicher Weltrekordversuche verantwortlich. 2018 strebte das SPD-Mitglied zudem an, gegen Andrea Nahles für den Parteivorsitz zu kandidieren.
Daraus wurde letztlich nichts. Auf Facebook folgen ihm derzeit nicht ganz 3000 Nutzer. Eine „überschaubare Bubble“, so nennt er es. Er serviere ihr ab und an satirische und humoristische Posts, seit einiger Zeit oft mit KI-generierten Bildern und Texten. Wer ihm folgt, wisse schon, was er von Allerdissen zu erwarten habe.
„Ich bin aufgewachsen in einer Welt, in der man Bildern noch vertrauen konnte“, sagt Allerdissen. „Das ist heute anders, dafür will ich Bewusstsein schaffen.“
Eine Hinführung zur Quellenkritik gewissermaßen, die Allerdissen für dringend geboten hält. „Ich halte künstliche Intelligenz grundsätzlich für etwas Gutes. Aber es braucht dringend mehr Kompetenz in der Beurteilung von Inhalten, die mit KI erzeugt sind“, sagt er. „Es kursiert so viel Unsinn im Netz, man kann nur die Hände zusammenschlagen. Und doch hat das alles einen Effekt: Die Grenze zwischen Fakt und Fake verschwimmt. Beim schnellen Durchwischen scheint alles irgendwie möglich.“
Um die Möglichkeit des Bußgeldbescheides gegen Paula Allerdissen sicher ausschließen zu können, helfen am Ende nur die Fakten. Die liefert die Stadt Osnabrück: 1938 gab es im Stadtgebiet Osnabrück keine „Cloppenburger Straße“ – heute gibt es sie im Stadtteil Dodesheide –, dazu gebe es keine nicht abgeschlossenen Bußgeldfälle aus jener Zeit, teilt ein Sprecher der Verwaltung mit. Und wären rein hypothetisch noch irgendwelche Uralt-Schreiben unterwegs, fielen sie längst unter die Verjährungsfrist. Die liegt bei drei Monaten.