Osnabrück  Papa, darf ich zu Karneval als „Indianer“gehen? Nein, bestimmt nicht

Christian Ströhl
|
Von Christian Ströhl
| 07.02.2026 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Mel Brooks spielt in der Komödie „Der wilde wilde Westen“ von 1974 einen Indianerhäuptling. Der Film erzählt von einem schwarzen Sheriff und setzt sich gezielt mit Rassismus und der Stellung der Afroamerikaner in den USA auseinander. Die Rolle der Indianer wurde damals nicht hinterfragt. Foto: imago images/Cinema Publishers Collection
Mel Brooks spielt in der Komödie „Der wilde wilde Westen“ von 1974 einen Indianerhäuptling. Der Film erzählt von einem schwarzen Sheriff und setzt sich gezielt mit Rassismus und der Stellung der Afroamerikaner in den USA auseinander. Die Rolle der Indianer wurde damals nicht hinterfragt. Foto: imago images/Cinema Publishers Collection
Artikel teilen:

Früher normal, heute ein No-Go: das „Indianerkostüm“ im Karneval. Doch wer jetzt laut „Woke-Wahnsinn“ ruft, macht es sich zu einfach. Als Vater von zwei Töchtern finde ich: Es geht nicht um Verbote, sondern um Anstand.

Ich wünsche mir, dass Karneval für Kinder ein Fest bleibt: laut, bunt, frei. Genau deshalb sage ich: keine „Indianerkostüme”.

Jedes Jahr zur Karnevalszeit stellt sich die Frage nach der richtigen Verkleidung. Bisher waren bei uns Anna und Elsa hoch im Kurs. Was es bei uns nicht geben wird: ein „Indianerkostüm“. Und zwar nicht, um einem Trend hinterherzulaufen oder besonders „woke“ zu wirken, sondern aus Respekt und Verantwortung – auch meinen Kindern gegenüber.

Natürlich kenne ich die Argumente der Gegenseite. „Das haben wir früher auch gemacht“, heißt es oft, oder: „Man darf heute gar nichts mehr.“ Es ist ein Reflex, neue soziale Standards als Angriff auf die eigene Kindheit zu werten. Doch nur weil etwas früher okay war, bedeutet das nicht, dass es heute noch richtig ist. Wir haben früher auch im Auto geraucht oder uns nicht angeschnallt – wir haben dazugelernt.

Das Problem bei Kostümen, die ethnische Gruppen oder unterdrückte Minderheiten darstellen, ist die sogenannte kulturelle Aneignung. Indigene Völker sind keine Fantasiegestalten wie Zauberer oder Drachen. Sie sind Menschen mit einer Geschichte, die von Unterdrückung, Vertreibung und dem Verlust ihrer Kultur geprägt ist. Wenn wir ihre (oft sakralen) Symbole wie Federschmuck als Party-Gag tragen, degradieren wir eine ganze Kultur zum bloßen Accessoire.

Ich möchte meinen Töchtern beibringen, dass Empathie wichtiger ist als das Recht, jedes beliebige Klischee bedienen zu dürfen. Es geht nicht um ein Verbot aus Lust an der Bevormundung, sondern um die schlichte Erkenntnis, dass die Gefühle betroffener Gruppen schwerer wiegen als unser Spaß an einer Verkleidung. Wer das als „unmodischen Woke-Wahnsinn“ abtut, macht es sich zu einfach. Es ist schlicht Anstand.

Dass der Handel diese Kostüme immer noch massenhaft anbietet, macht die Diskussion mit den Kindern übrigens nicht leichter. Doch im Wettbewerb regiert oft der reine Pragmatismus: Diese Kostüme sind günstig in der Produktion, benötigen keine teuren Lizenzen (wie etwa Disney-Figuren) und verkaufen sich durch die Macht der Gewohnheit weiterhin gut.

Die Lösung liegt nicht im Verzicht auf Karneval, sondern in der Kreativität. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich zu verkleiden, ohne dabei die Würde anderer zu verletzen. Ob als Naturphänomen, historische Entdeckerin, Fantasiewesen oder als Anna und Elsa – die Freude am Verkleiden bleibt.

Ähnliche Artikel