Düsseldorf  Gruselort Bahnhof: Jeder nutzt ihn, keiner möchte dort sein

Karsten Krogmann
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Von Karsten Krogmann
| 03.02.2026 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Anziehungspunkt für hunderttausende Menschen täglich: Hauptbahnhof Düsseldorf. Foto: picture alliance / imageBROKER | Stefan Ziese
Anziehungspunkt für hunderttausende Menschen täglich: Hauptbahnhof Düsseldorf. Foto: picture alliance / imageBROKER | Stefan Ziese
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Drogenhandel und Betrunkene, Taschendiebstahl und Gewalt, es ist voll, schmutzig, laut – Bahnhöfe sind für viele Reisende oft regelrechte Gruselorte. Warum ist das so, und was lässt sich dagegen tun? Ein Bahnhofsbummel mit einem, der sich auskennt.

Rund 20 Millionen Bahnhofsbesucher zählt die Bahn jeden Tag in Deutschland, mehr als 250.000 sind es allein hier in Düsseldorf, darunter zigtausend „Personen ohne Reiseabsicht“, wie sie bei der Bahn heißen. Einer davon ist heute Tim Lukas: schwarze Outdoorjacke, Rucksack, offenes Gesicht, er wartet in der Bahnhofshalle. „Gehen wir ein Stück“, sagt er.

Lukas ist 49 Jahre alt und Soziologe, er forscht an der Bergischen Universität in Wuppertal zu Themen wie „Urbane Sicherheit“ und „(Über)Leben im Risikoumfeld“. Ihn fragt man, wenn man wissen möchte: Warum sind Bahnhöfe eigentlich solche Gruselorte? Die jeder nutzt, aber keiner mag?

„Naja“, sagt Lukas, wir stehen jetzt auf dem Bahnhofsvorplatz: „Das erste Problem sehen Sie gleich hier: Menschen, die am Wochenende zum Saufen in die Altstadt kommen.“ Haha, lautes Gelächter ein paar Meter weiter, eine Gruppe junger Leute stößt mit Dosenbier auf den Freitagabend an.

Dies ist der Hauptbahnhof Düsseldorf, aber es könnte auch jeder andere deutsche Großstadtbahnhof sein: Frankfurt, München, Berlin-Ostkreuz. Hamburg ist der meistbesuchte Bahnhof im Land mit mehr als 500.000 Besuchern pro Tag, Düsseldorf zählt mit geschätzt halb so vielen zu den Top 10. Lukas wohnt hier in der Stadt, vier Straßenbahnstationen entfernt.

„Wir gehen da vorn mal geradeaus“, schlägt er vor, er zeigt in Richtung Karlstraße.

Vor einigen Jahren haben Lukas und seine Forscherkollegen in Düsseldorf Menschen befragt: Wie sicher fühlen Sie sich ohne Begleitung im Bahnhofsviertel? 63 Prozent der Befragten antworteten, sie fühlten sich im Dunkeln eher unsicher oder sogar sehr unsicher. 25 Prozent sagten „teils/teils“. Sicher fühlen sich nur zwölf Prozent; bei Tageslicht sind es immerhin 45 Prozent.

Bahnhofsviertel, das bedeutet: Personen mit Reiseabsicht, Anwohner mit Einkaufstüten, Imbissbuden und Restaurants, kleine Theater und die Zentralbibliothek. Es bedeutet aber auch: Dosenbier und offener Drogenhandel, schlafende Trinker, aufdringliche Bettler, Obdachlose mit Einkaufswagen, „lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt“.

Die Bahn nennt ihre 5700 deutschen Bahnhöfe „Teil eines offenen Systems“ und erklärt: „Im Bahnhof und im Bahnhofsumfeld werden all jene Konflikte ausgetragen, die auch auf Plätzen, in Parkanlagen, in öffentlichen Einrichtungen und auf Straßen überall in Deutschland stattfinden.“

Lukas stoppt am Immermannhof, ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt. Auf einem kleinen Platz hat die Stadt zwei offene Container aufgestellt: Klappstühle, ein umgekipptes Plüschsofa, Dixi-Klos, ein Spritzenabwurfbehälter. Im Container ziehen zwei Männer und eine Frau an einer Crack-Pfeife.

Früher, sagt Lukas, habe hier die Trinkerszene gesessen. Es gab Probleme mit Anwohnern, die Stadt gestaltete den Platz neu, tauschte Grün gegen Beton, machte ihn unwohnlich. Die Trinkerszene zog weiter zum Worringer Platz, dort gab es Probleme mit der Hartdrogenszene. Die Stadt gestaltete auch den Worringer Platz um, riss Sichtschutze nieder, es wurde auch dort unwohnlich. Die Drogenszene sammelte sich vor der Zentralbibliothek, wieder gab es Probleme. Die Stadt stellte die Container hinter dem Immermannhof auf; wo sonst getrunken wurde, wird nun Crack geraucht, es gibt neue Probleme mit den Anwohnern. „Szeneverlagerung“ nennen das die Fachleute. So ein offenes System kann kompliziert sein.

Möglicherweise wirken Bahnhöfe auf soziale Probleme magnetischer als die anderen Plätze überall in Deutschland. Bahnhöfe liegen verkehrsgünstig, es gibt keine besser erreichbaren Orte in Städten. Die Infrastruktur ist gut, es gibt alles für den täglichen Bedarf, Menschen ohne Geld und mit Suchtproblemen finden hier viele andere Menschen zum Anbetteln, vielleicht auch Gelegenheiten zum Taschendiebstahl. Es herrscht Anonymität, und die Dealer sind auch hier.

„Vorsicht“, warnt Lukas, unter einer Unterführung haben sich Urinlachen gebildet, im Dunkeln liegen Schlafsäcke.

In der Zentralbibliothek wacht ein Sicherheitsdienst, an der Glastür klebt das blaurotweiße „Sibu“-Plakat, „Sicherheit im Bahnhofsumfeld“: „Dreimal täglich gereinigt. Für mehr Sauberkeit und Aufenthaltsqualität“. Auf dem Platz vor der Bibliothek sammelt ein Stadtmitarbeiter mit Warnweste Spritzbestecke und Flaschen ein. An der Straße hält ein Bus.

„Es geht nicht anders, wir brauchen Plätze für die suchtkranken Menschen“, sagt Lukas. Ist das Resignation? „Nein“, sagt er, „das ist Pragmatismus.“

Der Punkt ist: Die Personen mit Reiseabsicht sind hier im Bahnhofsumfeld, die Anwohner sind es, Restaurant- und Theaterbesucher, Obdachlose, Drogenabhängige, betrunkene Wochenendbesucher. Und irgendwie müssen alle miteinander auskommen.

Die Bahn und die Bundespolizei erheben Daten, bundesweit und in Düsseldorf. 2024 hat die Polizei 27.160 Gewaltdelikte an deutschen Bahnhöfen registriert, 2019 waren es 18.003. In Düsseldorf waren es 422 Gewalttaten in 2024, 2019 lag die Zahl bei 369 Delikten.

Auch die Bahn verzeichnet wachsende Zahlen in ihrer Statistik, so stiegen die Übergriffe auf Mitarbeiter in den Jahren 2019 bis 2024 von 2550 auf 3320. Stärker noch nahm die Zahl der Hausrechtsverstöße zu: von 16.500 auf 44.014.

„Anspannung und Respektlosigkeiten in der Gesellschaft nehmen zu“, erklärt eine Bahnsprecherin auf Anfrage. „Wir beobachten ebenso wie die Behörden eine kontinuierlich sinkende Hemmschwelle für Gewalt.“ Oftmals werde schon der Hinweis auf ein Rauchverbot im Bahnhof mit körperlicher Gewalt gegen Mitarbeiter quittiert.

Bahn und Polizei reagieren auf die gesellschaftliche Veränderung mit Personal, Technik und Geld. Waren 2019 mehr als 5000 Bundespolizisten und rund 4000 DB-Sicherheitskräfte an Bahnhöfen im Einsatz, gab es 2024 schon 6000 Polizisten und 4500 Sicherheitsleute. Die Bahn verweist darauf, dass sie in den vergangenen fünf Jahren rund 180 Millionen Euro in Videotechnik investiert habe, insgesamt 11.000 Kameras gebe es mittlerweile an deutschen Bahnhöfen. Für 2025 habe die Bahn das Budget für Sicherheitskräfte noch einmal um 21 Millionen Euro erhöht.

Gemessen an der Zahl von 5700 Bahnhöfen und 20 Millionen Besuchern sei das Risiko, am Bahnhof Opfer einer Straftat zu werden, „sehr gering“, so die Bahnsprecherin. Auch die Bundespolizei sieht deutsche Bahnhöfe „im Allgemeinen weiterhin als sichere Orte“ an.

Tim Lukas sagt, es seien zumeist gar nicht „wir“, die Opfer von Straftaten seien. Besonders häufig treffe es „die“: die Abgehängten, die Obdachlosen, die Drogenabhängigen. Die Forscher haben Menschen aus der Szene befragt und sie mit Einwegkameras ausgestattet, um herauszufinden: Was sind eigentlich deren Angsträume? Lukas fasst das Ergebnis zusammen: „Wir machen einen Bogen um den Worringer Platz, die sind darauf angewiesen. Wir haben Angst, Gewalt zu erleben, die erleben sie tatsächlich.“

Alle sollen miteinander auskommen? Die Stadt Düsseldorf hofft, wie andere deutsche Städte auch, auf das „Zürcher Modell“. Dessen vielleicht wichtigster Leitsatz lautet: „Eine suchtfreie Gesellschaft ist nicht realistisch.“ Nach diesem Modell zeigen die Behörden null Toleranz gegen Kriminalität an öffentlichen Orten, schaffen aber gleichzeitig Räume, wo Drogenkonsum und der Handel mit kleinen Mengen geduldet werden.

Wir gehen vorbei an der Drogenhilfe mit ihrem Konsumraum, vorbei an Dealerei unter der Eisenbahnbrücke, vorbei an Decken und Schlafsäcken. Aktuell plant die Stadt Düsseldorf ein neues Drogenhilfezentrum; Ziel ist es, den Crack-Konsum und -Verkauf von der Straße in das Gebäude zu verlagern. Fast 2000 Menschen haben bereits eine Petition gegen den Plan unterschrieben.

Wenige Tage nach unserer Runde baut die Stadt die Container beim Immermannhof wieder ab. Die Zahl der Drogenabhängigen auf dem Platz vor der Zentralbibliothek gegenüber dem Hauptbahnhof nimmt daraufhin zu.

Die Bahn hat nun ein bundesweites Sofortprogramm für mehr Sicherheit und Sauberkeit an Bahnhöfen gestartet: mehr Sicherheitskräfte, zusätzliche Reinigungen, schnelle Reparaturen. Los geht es mit zunächst 25 Bahnhöfen, Hamburg, Hannover, Bremen sind dabei, Düsseldorf noch nicht. Die Polizei vermeldet aber für die Stadt „einen stetigen Personalzuwachs“, von dem auch der Hauptbahnhof profitiere. Und die Stadt erklärt, sie habe 150 zusätzliche Einsatzkräfte im städtischen Ordnungsdienst geschaffen, insgesamt seien es nun 225. Sie habe das mobile Streetworker-Angebot ausgebaut und die „Beleuchtungssituation“ verbessert.

„Da sind wir wieder“, sagt Tim Lukas nach zwei Stunden Rundgang durchs Bahnhofsviertel. Am Hauptbahnhof wird es voller, Fußballfans singen ihre Lieder, Zweitligaspieltag.

Kann man, muss man sich an den Gruselort Bahnhof gewöhnen?

Lukas erinnert an seine Umfrage „Wie sicher fühlen Sie sich ohne Begleitung im Bahnhofsviertel?“. Die Forscher haben nicht nur Besucher gefragt, sondern gezielt auch Menschen, die im Bahnhofsviertel wohnen und täglich an Bahnhof, Immermannhof, Worringer Platz und Zentralbibliothek unterwegs sind. Immerhin 31 Prozent gaben an, sich im Dunkeln hier sicher zu fühlen.

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