Prozess in Oslo Missbrauch, Gewalt, Drogen: Høiby vor Gericht unter Druck

Julia Wäschenbach und Jan Mies, dpa
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Von Julia Wäschenbach und Jan Mies, dpa
| 03.02.2026 05:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Marius Borg Høiby (29) wird unter anderem vorgeworfen, eine Frau vergewaltigt zu haben, während sie sich wegen Schlafes oder Rausches nicht zur Wehr setzen konnte. Foto: Ane Hem/NTB Scanpix Pool/AP/dpa
Marius Borg Høiby (29) wird unter anderem vorgeworfen, eine Frau vergewaltigt zu haben, während sie sich wegen Schlafes oder Rausches nicht zur Wehr setzen konnte. Foto: Ane Hem/NTB Scanpix Pool/AP/dpa
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Einer der größten Skandale Norwegens wird in Oslo verhandelt. Dem Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit wird unter anderem Vergewaltigung vorgeworfen. Vor Gericht wirkt Marius Borg Høiby immer nervöser.

Zum Start der Verhandlung am Morgen wirkt Marius Borg Høiby gefasst. Leise, aber mit fester Stimme antwortet er auf die Frage, ob er die Strafschuld wegen Vergewaltigung annimmt: „Nein.“ Der Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit trägt Brille und einen dunklen Pullover. Immer wieder spielt der 29-Jährige mit einer Kette, die er in den Händen hält. 

Die Vorwürfe gegen den Norweger wiegen schwer: In 38 Punkten ist Høiby angeklagt, darunter wegen vier Vergewaltigungen nach norwegischem Recht - eine davon mit Geschlechtsverkehr. Außerdem soll er die Frauen gefilmt haben. Der Norweger bestreitet die schwersten Vorwürfe. Laut seiner Verteidigerin hatte er nach eigener Einschätzung mit allen Frauen einvernehmlichen Sex. 

Der Anklage zufolge sollen die mutmaßlichen Opfer in einer Situation gewesen sein, in der sie sich „durch Schlaf und/oder Rausch“ nicht zur Wehr setzen konnten. Das zu klären, wird eine der zentralen Fragen in den kommenden Wochen sein. Zahlreiche Zeugen, Videoaufnahmen, Fotos, SMS und Daten von Fitnessuhren sollen Licht ins Dunkel bringen.

Neben den mutmaßlichen Opfern sagen Freunde, Nachbarn und Bekannte der verschiedenen Seiten sowie Experten aus. Um die Frauen zu schützen, finden viele der Aussagen hinter verschlossenen Türen statt. Auch Høiby darf weder fotografiert noch gefilmt werden.

Staatsanwalt Sturla Henriksbø trifft am ersten Tag des Prozesses gegen Marius Borg Høiby im Gericht ein. Foto: Ole Berg-Rusten/NTB/dpa
Staatsanwalt Sturla Henriksbø trifft am ersten Tag des Prozesses gegen Marius Borg Høiby im Gericht ein. Foto: Ole Berg-Rusten/NTB/dpa

Staatsanwalt schildert Vorwürfe detailliert

Das Medieninteresse an dem Fall ist gewaltig: Rund 200 Journalisten verfolgen den ersten Prozesstag vor Ort mit. Verteidigerin Ellen Holager Andenæs spricht von einer Hetzjagd der Medien auf Høiby in den vergangenen eineinhalb Jahren: „Kein Versuch, an den Anstand der Medien zu appellieren, hat meiner Meinung nach gefruchtet.“

Ihr Klient habe es auch deshalb sehr schwer gehabt. Jemand, der über so lange Zeit einer solchen Flut von öffentlicher Aufmerksamkeit ausgesetzt sei, könne das Gefühl bekommen, dass er die Kontrolle über sein Leben verliere. Er habe Angst, chancenlos zu sein. Aber: „Wie alle anderen ist er so lange unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist.“

Detailliert hatte Staatsanwalt Sturla Henriksbø zuvor geschildert, wie die Sexualstraftaten abgelaufen sein sollen. Høiby soll eine der Frauen in der Residenz des norwegischen Kronprinzenpaares, Schloss Skaugum, missbraucht haben. Dorthin hatte er sie den Angaben zufolge nach einer Party mit mehreren anderen Freunden eingeladen. „Auf der Toilette sollen sich die beiden geküsst haben“, sagt Henriksbø. Danach sei es demnach zum Vorspiel gekommen, das die Frau aber nach kurzer Zeit abgebrochen habe.

Auf Høibys Handy stellten Ermittler später vier Videoclips und Fotos sicher, die vor Gericht hinter verschlossenen Türen abgespielt werden sollten. Eine andere Frau soll der Norweger während eines Aufenthalts auf den Lofoten, einer Inselgruppe in Norwegen, im Schlaf vergewaltigt haben: Sie soll demnach von seinen Handlungen aufgewacht sein. Zuvor sollen die beiden aber mehrfach einvernehmlichen Sex gehabt haben. 

Rund 200 Journalisten sind für den Prozess gegen den Sohn der norwegischen Kronprinzessin akkreditiert. Foto: Julia Wäschenbach/dpa
Rund 200 Journalisten sind für den Prozess gegen den Sohn der norwegischen Kronprinzessin akkreditiert. Foto: Julia Wäschenbach/dpa

Høiby ohne Mutter Mette-Marit im Saal

Während der Staatsanwalt über die möglichen Tathergänge spricht, sinkt der 29-Jährige auf der Anklagebank immer mehr in sich zusammen. Er wirkt nervös und unruhig, lässt die Kette in seiner Hand nicht los und starrt auf den Tisch vor sich.

Henriksbø schildert vor Gericht auch, wie der Angeklagte eine frühere Freundin wiederholt gewürgt, geschlagen und angeschrien haben soll. Neben den Vergewaltigungen nach norwegischem Recht werden Høiby etwa auch häusliche Gewalt, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Verstöße gegen ein Kontaktverbot, Drogen- und Verkehrsdelikte vorgeworfen. 

Gegenüber einer Ex-Freundin soll er mehrfach Gewalt angewendet haben. Ein Vorfall in ihrer Wohnung hatte die Ermittlungen gegen den Sohn von Mette-Marit aus einer früheren Beziehung im August 2024 ins Rollen gebracht. Dort soll Høiby unter Drogeneinfluss gewalttätig geworden sein, ein Messer in die Wand geschmettert und die Wohnung verwüstet haben. Vorwürfe in diesem Zusammenhang räumte er am Dienstag vor Gericht ein.

Im Gerichtssaal hat der 29-Jährige seine berühmte Familie nicht an seine Seite. Kronprinzessin Mette-Marit kündigte eine private Reise an. Kronprinz Haakon hatte im Vorfeld erklärt, er habe Termine. Für die Royals ist der Prozess nicht der einzige Skandal, der das Königshaus in diesen Tagen schwer belastet.

Königsfamilie auch wegen Epstein-Akten unter Druck

Denn der Name der Kronprinzessin taucht Hunderte Male in den gerade veröffentlichten Dokumenten zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auf. E-Mails zwischen Mette-Marit und Epstein sollen von einem engen Kontakt der beiden über Jahre zeugen. Der Fall hat das Vertrauen vieler Norweger in die künftige Königin erschüttert.

„Das Problem ist, dass das alles zeitlich zusammenfällt“, sagt der norwegische Königshaus-Experte Ole-Jørgen Schulsrud-Hansen. Bislang habe man die Vorwürfe gegen Høiby, der zwar zur Familie, aber nicht zum Königshaus gehört, getrennt betrachten können. „Aber jetzt, wo alles gleichzeitig ans Licht kommt, geht das nicht mehr.“

Würde Høiby verurteilt, könnten ihm zehn Jahre Haft drohen, sagt Royal-Experte Schulsrud-Hansen. Für die Königsfamilie wäre das ein weiterer, schwerer Schlag.

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