Osnabrück  Globalisierung am Ende – oder sortiert sie sich nur neu? Eine Standortbestimmung

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 04.02.2026 09:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Düstere Zeiten für die Globalisierung? Man sollte den freien Verkehr von Waren, Kapital und Dienstleistungen nicht vorzeitig abschreiben. Foto: IMAGO/YAY Images
Düstere Zeiten für die Globalisierung? Man sollte den freien Verkehr von Waren, Kapital und Dienstleistungen nicht vorzeitig abschreiben. Foto: IMAGO/YAY Images
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Güter, Dienstleistungen und Kapital kursieren weltweit und grenzenlos. Doch Donald Trumps brachiale Deal-Politik setzt die Globalisierung unter Druck. Steht sie vor dem Aus? Eine Standortbestimmung.

Für US-Handelsminister Howard Lutnick besteht kein Zweifel: Die Zeit der Globalisierung sei vorbei, die in sie gerichteten Erwartungen hätten sich nicht erfüllt – zumindest nicht für die USA und den Westen. Das sagte Lutnick kürzlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und schockte die Zuhörerschaft. Hat die Globalisierung ihren Zenit überschritten? Oder macht es sich der enge Vertraute von Präsident Donald Trump zu einfach?

Tatsächlich haben nicht erst die jüngsten Zoll-Turbulenzen mit den USA und einschneidende politische Veränderungen Zweifel daran aufkommen lassen, ob die Globalisierung und die damit verbundenen Vorteile Bestand haben werden. Schon die Corona-Pandemie hat die weltweite Arbeitsteilung und Vernetzung besonders deutlich in den Fokus gerückt und Abhängigkeiten sowie Schwachstellen bei Lieferketten und industriellen Vorprodukten sichtbar gemacht.

Und auch die mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine von Russland selbst gewählte Isolierung vom Westen ist ein Beleg dafür, wie einst funktionierende Wirtschaftsbeziehungen plötzlich an Grenzen stoßen.

So wird in manchen Kreisen der Ruf nach einer Rückkehr ins Regionale immer lauter. Kriege, Zukunftsängste und wirtschaftliche Unsicherheiten befeuern das Unwohlsein über einen grenzenlos erscheinenden Wirtschaftsraum. Ist die Globalisierung ein Auslaufmodell? Oder durchläuft sie doch nur einen Wandel?

„Ich würde den Abgesang auf die Globalisierung nicht zu früh anstimmen. Trotz des umgreifenden Protektionismus zeigte sich die Weltwirtschaft zuletzt erstaunlich robust. Das liegt am dynamischen Wachstum in den Schwellenländern, aber auch, weil sich Handelsströme neu orientieren“, sagt Thomas Obst, Senior Economist für Auslandskonjunktur und gesamtwirtschaftliche Analysen beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), dieser Redaktion.

Tatsächlich erschüttert das an Mafia-Methoden erinnernde transaktionale Deal-Making von Donald Trump das Welthandelssystem derart, dass sich transatlantische Freunde nach neuen Geschäftspartnern umschauen. Macht, Märkte und Allianzen sortieren sich als Gegenbewegung zum handelspolitischen Trumpismus neu.

Auch Chinas selektive Exportkontrollen bei kritischen Rohstoffen schwächen das bisherige Modell einer offenen, von Kosteneffizienz getriebenen Globalisierung und lassen europäische Abnehmer auf die Suche nach alternativen Förder- und Verarbeitungsstandorten gehen.

Dass die EU über Jahrzehnte laufende Verhandlungen über Handelsabkommen mit südamerikanischen Staaten (Mercosur) und mit Indien nun zum Abschluss gebracht hat, kommt also nicht von ungefähr. Und ist es nicht auch ein Beleg dafür, dass die Globalisierung längst nicht tot ist?

Sich aus einzelnen Abhängigkeiten zu lösen und Risiken zu streuen, bedeutet nicht automatisch, sich von der Globalisierung zu verabschieden. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte in seiner Regierungserklärung vom 29. Januar die Wichtigkeit freier Handelswege: „Wir wissen aus Erfahrung, dass nur offene Märkte der richtige Weg für Wohlstand und die Sicherheit der Nation sind.“

Wurden Konzentrationsrisiken (z. B. bei der Rohstoffversorgung) in der Vergangenheit unterbewertet, diversifizieren Unternehmen nun dort, wo es wirtschaftlich sinnvoll erscheint. Ähnlich läuft es bei Staaten, respektive deren Volkswirtschaften.

Trotz neuer Handelsbarrieren würden vielerorts liberalisierende Reformen eingeleitet, so IW-Ökonom Obst. Zudem integrierten sich die Kapitalmärkte zusehends, zudem die internationale Vernetzung durch neue Technologien.

Tatsächlich sind neben der Neuorientierung der Handelsströme noch drei weitere Entwicklungen entscheidend.

„Globalisierung verschiebt sich vom Handel zum Kapitalverkehr“, beschreibt Rolf J. Langhammer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) die Entwicklung gegenüber unserer Redaktion. „Immer mehr Länder, vor allem die großen Drei – EU, China, USA – wollen weniger Importe als vielmehr Direktinvestitionen in ihrem eigenen Land zur Versorgung des heimischen Marktes. Ausländische Direktinvestitionen wachsen daher schneller als der Welthandel.“

Und auch die Arbeitsmärkte werden nach Ansicht des ehemaligen IfW-Vizepräsidenten globaler. Diesen Faktor der Globalisierung hätten wenige auf dem Schirm, sagt Langhammer und betont: „In Freihandelsverhandlungen wie zwischen Indien und der EU, spielt die Öffnung von Arbeitsmärkten in den reichen Ländern eine immer größere Rolle“. Migration werde zunehmend zu einem „temporären oder saisonalen Thema und nicht mehr wie vor 150 Jahren zu einer lebenseinmaligen Entscheidung“.

Und, besonders bedeutsam: Der Welthandel verschiebt sich vom Güter- zum Dienstleistungshandel. „Diese Verschiebung wird unterstützt vom technischen Fortschritt, der dank der Informationstechnologie Dienstleistungen immer mehr über Grenzen – auch über Sprachgrenzen – hinaus handelbar macht“, so Langhammer. Da der Handel mit Dienstleistungen aber viel schwerer zu erfassen sei als der Güterhandel, blieben große Teile des Dienstleistungshandels statistisch unerfasst.

Das Fazit: „US-Handelsminister Howard Lutnick hat eine verengte Sicht auf Globalisierung. Er versteht darunter im Wesentlichen nur den Güterhandel. Da liegt er falsch“.

Tatsächlich wächst der Güterhandel seit etwa zwei Jahrzehnten nicht mehr schneller als die Weltproduktion, so wie noch am Ende des 20. Jahrhunderts. Das habe zyklische wie trendmäßige Gründe, erläutert Ökonom Langhammer: „Zyklisch, weil bei langsamerem Wachstum protektionistische Kräfte stärker werden, trendmäßig, weil aus technischen und wirtschaftlichen Gründen Lieferketten nicht beliebig verlängert werden können und weil in demografisch alternden Gesellschaften und mit steigendem Wohlstandsniveau mehr Dienstleistungen als Güter nachgefragt werden“.

Überdies: Jahrzehnte gewachsene Strukturen lassen sich nicht von heute auf morgen und ohne Weiteres entflechten. Gleichwohl funktioniert das Zusammenspiel nur dann, wenn sich alle Teilnehmer an die Spielregeln halten. Nationale Egoismen sind im internationalen Konzert von Wirtschaft und Recht kaum wegzudenken; es wäre wohl lebensfremd anzunehmen, dass Staaten ihre eigenen Interessen ausschließlich zum Nutzen der Staatengemeinschaft verfolgen.

Das ist das weltweite Grundproblem: Hinsichtlich Grundfragen wie der nach Freiheit oder Grenzen gibt es keinen Konsens. So geht es bei der Globalisierung also nicht nur ums Recht – sondern auch darum, wer welche Regeln durchsetzen kann. Wird 2026 dabei zu einem globalen Schlüsseljahr? Ende März wird es beim Ministertreffen der Welthandelsorganisation in Kamerun darum gehen, die WTO trotz der internationalen Spannungen mit Hilfe von Reformen zukunftsfester zu machen.

„Ich sehe eine zunehmend vernetzte Welt, in der der globale Handel weiterhin im Mittelpunkt des Wohlstands steht. Aber es wird nicht der globale Handel sein, den wir bisher kannten“, schreibt Guy Miller, Chef-Marktstratege und Ökonom der Versicherungsgruppe Zurich Insurance, in einer Analyse zum Weltwirtschaftsforum. Miller sieht die Globalisierung in einem Prozess organischen Wandels: „Der Handel ist das Herzstück des globalen Wohlstands, und die Marktkräfte werden dafür sorgen, dass dies auch so bleibt.“

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