Osnabrück Sechs Tage ohne fließendes Wasser: Ausnahmezustand für Mieter in Osnabrück
Kein Wasser zum Kochen, Waschen oder für die Klospülung: Am Osnabrücker Haster Weg herrschte für 36 Mietparteien ab Silvester sechs Tage lang Ausnahmezustand. Ein Bericht über Selbsthilfe und Krisenmanagement, das diesen Namen nicht verdient.
Es ist der Morgen des 31. Dezembers, Silvester. Der Morgen, an dem eigentlich letzte Vorbereitungen für den Abend getroffen werden. Vorfreude ist angesagt. Doch die gewohnte Routine, um in den Tag zu kommen, endet schon im Badezimmer. Das Rauschen der Toilettenspülung bleibt aus. Auch am Waschbecken und in der Küche das gleiche Bild: Es kommt kein Tropfen aus dem Hahn.
Was sich im ersten Moment anfühlt wie ein schlechter Scherz – aber nein, dies ist kein Test, und wir sind hier auch nicht bei „Verstehen Sie Spaß?“. Für die Bewohner des Gebäudekomplexes Haster Weg 101 a-c und Widerhall 2 war genau das die bittere Realität. Zwei Tage lang saßen sie komplett auf dem Trockenen, dann gab es bis zum 5. Januar ein Provisorium im Keller. Die Pläne für den Jahreswechsel waren am Silvestermorgen Geschichte. Ein tagelanger Kraftakt begann – einmal zurückgeschaut und Kopfkino an:
Die zivilisatorische Grundversorgung ist gekappt. Ohne Wasser gibt es keinen Kaffee, keine Suppe, kein Händewaschen, keine Dusche, keine Versorgung von Katze und Hund und die Wäsche bleibt auch dreckig. In 36 Wohnungen herrscht ein Ausnahmezustand – bei der jungen Mutter mit Säugling und ebenso bei der Rentnerin, die ohnehin nicht mehr so gut zu Fuß ist.
Wer kann, flüchtet zu Freunden, wer bleiben muss, ist auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen. Die Zeit läuft ab, schnell, so lange die Geschäfte noch geöffnet sind, werden die Wasservorräte aus den Regalen leergeräumt. An Neujahr werden von Freunden, Bekannten und Verwandten mit dem Auto Wasserkanister zur Wohnung transportiert.
So geht es bis zum 2. Januar. Dann gibt es ein Provisorium in einem Kellerraum. Ein notdürftig angeschlossener Wasserschlauch steht zur Verfügung, mit dem kaltes Wasser in Eimer gefüllt wird. Eimer und Kanister muss jeder selbst mitbringen, wer keine hat, hat Pech gehabt.
Wer seine Wohnung auf der anderen Seite des U-förmigen Komplexes hat, muss zunächst draußen um das Gebäude laufen und geschätzt 70 Meter zurücklegen – auf dem Rückweg dann natürlich links und rechts mit zwei vollen Eimern Wasser in den Händen. Für diejenigen im dritten Stock kommen noch mal rund 60 Stufen dazu.
Werfen wir einen Blick auf das Wetter: Nieselregen, Schneeschauer, Glätte. Berücksichtigen wir den durchschnittlichen Wasserverbrauch pro Kopf und Tag: 125 Liter – für den Grundbedarf wird der notwendige, mehrfache Gang zum Schlauch bei Wind und Wetter zur körperlichen Tortur.
Die Folgen: Heftiger Muskelkater, einige Bewohner beklagen Schmerzen und Sehnenscheidenentzündungen. Für einige Senioren ist es körperlich unmöglich Wasser zu holen – wieder helfen die Nachbarn.
„Wir waren komplett auf uns selbst gestellt“, erinnert sich eine Bewohnerin Ende Januar an die Tage des Stillstands. Zwar fließt das Wasser seit dem 5. Januar wieder, doch der Ärger über das Krisenmanagement, das diesen Namen nicht verdiente, sitzt tief. Mehrere Versuche, den zuständigen Notdienst zu erreichen, liefen ins Leere; die im Flur ausgehängten Notfallnummern erwiesen sich als nutzlos.
Widersprüchliche Aussagen und am Telefon gemachte Versprechungen, die nie eingehalten wurden, prägten das Bild. „Wir fühlen uns für dumm verkauft“, machen die Mieter ihrem Ärger Luft – enttäuscht von einem Vermieter, der es in der gesamten Zeit nicht einmal hinbekommen hat, einen für alle Bewohner einsehbaren Aushang über die aktuelle Lage anzubringen.
Das ist die Industria mit Sitz in Frankfurt am Main. Auf Anfrage der Redaktion gibt sich das Unternehmen, das den 47 Jahre alten Komplex für einen anonymen Investmentfonds verwaltet, zerknirscht. Man bedauere „ausdrücklich“, dass die Mieter fünf Tage ohne Wasser waren. Die Schuld schiebt man jedoch von sich: Ein „Versagen des Notdienstes“ und eine „Zusammenballung von Feiertagen und einem Wochenende“ seien die Gründe gewesen.
Dass das Wasser abgestellt wurde, lag an einem Rohrbruch in der Hauptwasserleitung. Die Notlösung sei notwendig geworden, weil für die Reparatur benötigte Ersatzteile nicht zur Verfügung standen.
Auch dass es vor Ort keinerlei Aushänge oder Informationen gab, bestätigt die Industria. „Der Notdienst hat versäumt, den Aushang im Objekt anzubringen.“ Gleichzeitig verweist die Verwaltung darauf, dass sich die Mieter bei Fragen an die Notfalltelefonnummer hätten wenden können. Wenn das kein Paradebeispiel ist für einen argumentativen Zirkelschluss? Im Nachhinein wird den Bewohnern indirekt vorgehalten, dass sie sich genau an den Dienstleister hätten wenden können, dessen komplettes Versagen die Industria zuvor als Grund für das tagelange Chaos angeführt hat.
Indes ist der Wasserschaden und seine Folgen für die Bewohner nur ein Beispiel dafür, beim Vermieter nicht das nötige Gehör zu finden. Die Mieter berichten von jahrelangem Schimmelbefall, hingegen spricht die Industria von einem Einzelfall, bei dem die Ursachenfindung „schwierig“ gewesen sei. Immerhin: Die Ursache ist bereits lokalisiert, ein Leck im Flachdach, für dessen Reparatur aber über mehrere Tage Plusgrade notwendig sind.
Die Mieter haben zudem die Sorge über erhöhte Legionellenwerte im Wasser. Auch hierzu bestätigt die Industria zwar eine Belastung, betont jedoch, dass die gemessenen Werte „weit unterhalb der kritischen Grenze“ von 10.000 KBE pro 100 Milliliter liegen würden – ein Wert, ab dem das Gesundheitsamt von einer akuten Gefahr ausgeht.
Erste Schritte aus der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsanalyse seien bereits umgesetzt. Ob die Maßnahmen gefruchtet haben, bleibt jedoch vorerst offen: Die Industria wartet derzeit auf das Ergebnis einer Nachbeprobung. Sollte der Befall wider Erwarten nicht vollständig beseitigt sein, müssten weitere technische Schritte eingeleitet werden. Zusammengefasst aus Mietersicht: Das Wasser läuft wieder aus dem Hahn, in welcher Qualität ist aber noch unklar.
Als Reaktion auf den massiven Versorgungsausfall kündigte die Industria eine vollständige Mietminderung von 100 Prozent für den betroffenen Zeitraum an. Zusätzlich räumt das Unternehmen den Bewohnern die Möglichkeit ein, entstandene Mehrkosten geltend zu machen.
Der Jahreswechsel 25/26 wird den Mietern jedenfalls in Erinnerung bleiben. Was aus dem verloren gegangenen Vertrauen wird, liegt in weiten Teilen bei der Industria und ihrem zukünftigen Umgang mit den Menschen am Haster Weg 101 a-c und Widerhall 2.