Zürich  Haben wir wirklich löffelweise Mikroplastik im Gehirn? Nein, sagen Forscher

Stephanie Lahrtz
|
Von Stephanie Lahrtz
| 31.01.2026 12:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Viele Plastikprodukte sondern kleinste Teilchen ab. Je kleiner diese sind, umso gefährlicher. Foto: imago images/Jochen Tack
Viele Plastikprodukte sondern kleinste Teilchen ab. Je kleiner diese sind, umso gefährlicher. Foto: imago images/Jochen Tack
Artikel teilen:

In den Medien heißt es oft, unser Körper sei inzwischen voller Mikroplastik – sogar im Gehirn. Aber stimmt das wirklich? Neuere Studien nähren Zweifel an dieser Behauptung.

Mikroplastik ist in der Luft, im Wasser, im Boden – und im Körper. Mehrere Studien präsentierten erschreckende Mengen. Im Gehirn sollen sich Miniteilchen im Umfang von einigen Esslöffeln befinden, im Blut mehrere Milligramm, und dann atme jeder Mensch täglich eine geschredderte Kreditkarte ein, berichten Studien. Doch nun gerieten einige davon in die Kritik. Die Mengen stimmten hinten und vorn nicht, hieß es. Alles halb so schlimm also?

Wissenschaftler bemängelten in Fachzeitschriften sowie an Konferenzen, dass die verwendeten Messmethoden nicht empfindlich genug seien. Somit könne die Menge an ganz kleinen Teilchen im Körper nicht exakt festgestellt werden.

Zudem gebe es zwei große Fehlerquellen, die zu wenig beachtet und daher in Experimenten nicht konsequent eliminiert würden. Erstens könne Mikroplastik aus der Luft oder aus den Behältern zum Aufbewahren eine Probe verunreinigen.

Zweitens könnten Fettmoleküle im Gewebe die Messergebnisse verfälschen. Das Fett gaukele Mikroplastik vor. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass einige der Kritiker Mitarbeiter von großen Chemiefirmen sind, die Plastikprodukte herstellen.

Ein Paradebeispiel für die Probleme sowie die intensive Debatte ist eine im Februar 2025 publizierte Untersuchung. Ein Team der University of New Mexico verkündete, dass im Gehirn bis zu sieben Gramm an Plastikteilchen vorhanden sein könnten. Zudem spekulierten die Wissenschaftler über einen Zusammenhang zwischen Demenz und abgelagertem Mikroplastik.

Denn in den Gehirnen von Demenzpatienten fanden sie nach dem Tod deutlich mehr Mikroplastik als bei Gesunden. Kein Wunder, dass viele Medien die Ergebnisse aufgegriffen hatten.

Doch nach dem öffentlichen Staunen und Unwohlsein folgte die Entrüstung unter Experten. Das Team aus New Mexico habe wichtige Kontrollexperimente weggelassen, werfen ihnen Kollegen vor. Zudem sei Fett fälschlicherweise als Mikroplastik klassifiziert worden. Gerade im Gehirn ist Fett eine große mögliche Fehlerquelle. Denn unser Zentralcomputer besteht zu 60 Prozent aus Fettmolekülen. Sie sitzen zum Beispiel in den Hüllen der Milliarden Nervenzellen.

Plastikforscher weltweit diskutieren derzeit auch intensiv darüber, wie viel Mikroplastik in der Umwelt vorhanden ist. Die Menge an Mikroplastik in der Atmosphäre werde ebenfalls überschätzt, sagt nun eine Gruppe von der Universität Wien. Ihre Berechnungen wurden diese Woche publiziert.

„Unsere Modellierungen haben ergeben, dass die Konzentration von Mikroplastik in der Atmosphäre um den Faktor 100 bis 10.000 geringer sein könnte als bislang angenommen“, erklärt der Gruppenleiter Andreas Stohl. Die Situation sei unbefriedigend. Es gebe viel zu wenig Messdaten zu Mikroplastik in Böden und Gewässern inklusive der Meere. Ebenso wenig wisse man, wie viel davon aufgewirbelt werde.

Aber die neuen Zahlen der Wiener Arbeitsgruppe sind kein Grund für Freude. Denn auch die nun publizierten Zahlen zu den jährlich emittierten Plastikpartikeln machen einen schwindlig. So sollen von allen Landmassen 610 Billiarden Kunststoffteilchen in die Atmosphäre abgegeben werden.

Auch Stefan Krause von der University of Birmingham, Mitglied im Team von Birmingham Plastics Network, sieht keinen Anlass für eine Entwarnung. Auch wenn deutlich weniger Plastikteilchen im Körper wären als bisher angenommen, seien das immer noch viele. Er erforscht seit Jahren Mikroplastik in der Umwelt. Er ist weder einer der nun angegriffenen Wissenschaftler noch Autor einer der veröffentlichten kritischen Stellungnahmen.

Ebenso wie die Kollegen fordert er sorgfältigere Studien sowie verbesserte Messmethoden und einen transparenteren Umgang mit Unsicherheiten. Denn natürlich sei es wichtig zu wissen, wie viel Mikroplastik in einem Organ sei, sagt er im Gespräch. Denn oftmals mache die Dosis das Gift.

Aber er gibt zu bedenken, dass es derzeit noch einen weiteren großen Unsicherheitsfaktor in all den Messungen gebe: ultrakleine Teilchen. Diese sind nur wenige Nanometer klein und werden daher als Nanoplastik bezeichnet. Die tatsächliche Zahl im Körper oder in der Umwelt könne man momentan mit keiner Messmethode zufriedenstellend erfassen, so der Umweltchemiker.

Doch aus zahlreichen Zellkulturversuchen sei bekannt, dass gerade diese Superminis besonders leicht in Zellen schlüpfen könnten. Es könnte also sogar sein, dass sich im Körper insgesamt mehr Plastikpartikel befänden als bisher angenommen. Was Mikro- wie auch Nanoplastikteilchen in Zellen auslösen, darüber herrscht ebenfalls noch keine Klarheit.

Jeder Mensch nimmt natürlich nur einen Bruchteil der Partikel auf, die in der Umgebung vorhanden sind. Aber die Erkenntnisse aus Tierversuchen ebenso wie Zellkulturexperimenten stimmen nicht hoffnungsfroh, dass das alles irgendwie egal ist. Wenn nämlich Miniteilchen in Zellen gelangen, so kann das die Kommunikation von Nachbarzellen stören. Manche Stoffwechselvorgänge geraten außer Takt.

Besorgniserregend ist die Tatsache, dass die Miniteilchen bei Tieren in vielen Organen kleine, chronische Entzündungen verursachen. Bleiben diese bestehen, beeinträchtigt das die Funktion eines Organs. Krankheiten entstehen. Chronische Entzündungen, unabhängig vom Auslöser, gelten als eine der Hauptursachen für Alterserkrankungen und generell frühzeitiges Altern.

Und noch eine weitere Sorge treibt die Plastikexperten um. So enthält fast jedes Plastikprodukt chemische Zusätze. Das können Weichmacher im Spielzeug sein, UV-Stabilisatoren in landwirtschaftlichen Folien, Flammschutzmittel in Möbeln oder Substanzen, die Kleidung, Wasser- und Pizzakartons fettabweisend machen. Und das sind nur einige wenige Beispiele. Mehr als 10.000 Chemikalien werden in Plastikprodukten verarbeitet.

Und von mehreren ist bereits seit Jahren bekannt, dass sie gesundheitsschädlich sind. Sie mindern die Fruchtbarkeit, sind krebserregend oder lösen Entzündungen aus. „Es ist davon auszugehen, dass zumindest manche dieser Chemikalien im Körper aus den Mikroplastikteilchen austreten“, sagt Krause. Denn das passiere auch in der Umwelt beim Verwittern oder in Zellkulturstudien.

Ebenso ist bewiesen, dass viele dieser Chemikalien auch schon in kleinen Mengen schädlich für Tiere und Menschen sind. Selbst wenn sich also bestätigen sollte, dass sehr viel weniger Mikroplastikteilchen als bisher angegeben im Körper vorhanden sind, so könnte trotzdem von ihnen eine echte Gefahr ausgehen. Es ist aber auch möglich, dass unser Körper eine gewisse Menge an Mikroplastik toleriert. Wäre gut zu wissen, welche.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Neue Zürcher Zeitung“.

Ähnliche Artikel