Osnabrück  Große Sorgen: Wie Osnabrücker Lehrer mit antidemokratischen Haltungen umgehen

Sandra Dorn
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Von Sandra Dorn
| 28.01.2026 11:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hinter zahlreichen Beleidigungen, die Schüler sich in Schulen zurufen, stecken antidemokratische Einstellungen, erfuhren Osnabrücker Lehrer jetzt bei einer Schulung zum Thema. Foto: IMAGO/photothek/Thomas Köhler
Hinter zahlreichen Beleidigungen, die Schüler sich in Schulen zurufen, stecken antidemokratische Einstellungen, erfuhren Osnabrücker Lehrer jetzt bei einer Schulung zum Thema. Foto: IMAGO/photothek/Thomas Köhler
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Sorge, Resignation, aber auch Hoffnung teilen Osnabrücker Lehrkräfte, wenn es um antidemokratische Positionen und Einstellungen im schulischen Alltag geht. Bei einer Fortbildung zu dem Thema haben wir uns umgehört. Was ist los auf Osnabrücks Schulhöfen?

Osnabrücks Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter haben zunehmend das Gefühl, dass sie an den Schulen das Fortbestehen unserer Demokratie verteidigen müssen. Diesen Eindruck nimmt unsere Redaktion von einer Pädagogen-Fortbildung zum Umgang mit antidemokratischen Einstellungen mit, die jetzt am Graf-Stauffenberg-Gymnasium (GSG) stattgefunden hat.

Ob sie das Gefühl habe, dass an der Schule etwas entgleite? „Natürlich“, sagt Lehrerin und Mitorganisatorin Maike Kaufmann im Gespräch mit unserer Redaktion, „täglich.“ Kaufmann unterrichtet Französisch und Musik an der Domschule und ist dort Demokratiebeauftragte. Sie habe mit Schülern zu tun, „die nicht darauf achten, was sie sagen“, nennt Kaufmann ein Beispiel. So habe etwa ein Schüler über einen anderen gesagt: „Der ist dumm, weil er fett ist, und das ist ja logisch.“

Es muss nicht gleich der strafrechtlich relevante Hitlergruß sein. Abwertungen anderer sind das, was der Politikwissenschaftler Rico Behrens als gefährlich erachtet: Abwertungen von Menschen mit Behinderung, ohne Wohnung, mit Migrationsbiografie oder Abwertung, weil sie Bürgergeld beziehen. „Menschen werden für ungleichwertig erklärt – und dann können sie diskriminiert werden“, erklärt Behrens. „Wenn Gruppen von Menschen der Gleichwertigkeit entzogen werden, sind das schon antidemokratische Tendenzen.“

Behrens und der Erziehungswissenschaftler Stefan Breuer versuchten, den Pädagogen Tipps zum Umgang damit zu geben und ihren Blick dafür zu schärfen.

Das Bündnis „Osnabrück bunt und solidarisch“ hatte die Fortbildung angeschoben, die Stadt Osnabrück hat sie finanziert. Die Nachfrage war so groß, dass sie die Zahl der Plätze von 20 auf rund 40 erhöhten. Lehrer und Sozialarbeiter von diversen weiterführenden Schulen und Berufsschulen nahmen teil.

Nicht nur Lehrerin Maike Kaufmann erlebt täglich Dinge im Schulalltag, die ihr Sorge bereiten – wobei „Sorge“ in ihrem Fall der falsche Begriff ist. „Es motiviert mich eher, weiterzumachen“, betont sie. Auch Gerald Götz, Lehrer an der Integrierten Gesamtschule (IGS), sagt, dass er täglich antidemokratische Tendenzen erlebe: Beleidigungen, politische Äußerungen, „schwul“ als Schimpfwort. Er nehme eine Zunahme dieser Tendenzen wahr und sei darüber besorgter als vielleicht noch vor zehn bis 15 Jahren.

Die Sozialwissenschaftler Behrens und Breuer zeigen anhand von Umfrageergebnissen, dass diese Zunahme nicht nur ein Gefühl ist. Bei der Shell-Jugendstudie 2024 etwa stimmten 44 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Eine starke Hand müsste mal wieder Ordnung in unseren Staat bringen.“ Behrens: „Das geht ganz klar in eine autoritäre Richtung.“

Alle gesellschaftlichen Konflikte würden auch an Schulen ausgetragen, betont sein Kollege Breuer, alle Krisen seien auch dort präsent – und davon gebe es zurzeit sehr viele, von der Klimakrise bis zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Eine Folge dieser „Multikrise“, so Breuer: „Das Vertrauen in unsere Demokratie scheint immer mehr zu schwinden.“

„Die Gesellschaft driftet in eine komische Richtung“, so beschreibt das Mitorganisator Alex König, der am GSG Sport, Politik und Philosophie unterrichtet. Was er damit meine? „Fake News, Verschwörungstheorien, Rechtsextremismus“, zählt er im Gespräch mit unserer Redaktion nur ein paar Beispiele auf. „Wie geht man damit um, wenn das in der Klasse Thema wird?“ Zumal er in der Klasse eher „sozial erwünschte“ Antworten erhalte und auf dem Schulhof dann ganz andere Töne von den Schülern mitbekomme.

Erziehungswissenschaftler Stefan Breuer hat eine klare Meinung: „Auseinandersetzungen sollten nicht vermieden werden.“ Ziel sei dabei nicht, einen Schüler zu überzeugen, seine antidemokratischen Einstellungen aufzugeben, sondern es gehe darum, den mehr als 20 anderen in der Klasse zu signalisieren: „Es ist mir nicht egal.“

Doch selbst die, die das tun, verzweifeln bisweilen. Eine Osnabrücker Sozialarbeiterin sagt, sie habe das Gefühl, sie arbeite sich unermüdlich an den Schülern ab und versuche zu vermitteln, wie wichtig Würde und Respekt sind. „Aber auf der Straße und in der Politik erfahren sie: Wer als Hero gefeiert wird und das große Geld verdient, sind die, die sich antidemokratisch verhalten.“

Und ein Politiklehrer schildert, wenn er versuche, seinen Schülern Selbstwirksamkeit beizubringen, dann sagten sie: „Ja, aber um uns herum entsteht ja eine Welt, in der unser Wertegerüst zerstört wird.“ Das empfinde er als „extrem bitter“.

Umso wichtiger sei es, solche Sorgen transparent zu machen, erwidert Behrens. Lehrkräfte hätten einen „Empowerment-Auftrag“: Sie sollten die Schüler fragen, was aus ihrer Sicht schieflaufe und mit ihnen besprechen, wie man sich einbringen könne, um etwas zu verändern.

Und wie politisch dürfen Lehrkräfte sein? „Sie dürfen sehr und müssen sehr politisch sein“, findet Breuer. Behrens erinnerte daran, dass Lehrer verpflichtet seien, die Werte des Grundgesetzes zu vertreten. „Die Wahrung der parteipolitischen Neutralität steht dem nicht entgegen.“

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