Osnabrück  Staubsauger, Pingpong-Bälle, Gießkanne: Osnabrücker Ensemble wagt Klangexperiment

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 27.01.2026 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Gieskanne und Radkreuz werden in Moritz Eggerts Symphonie 4.0 zu Musikinstrumenten. Foto: Swaantje Hehmann
Gieskanne und Radkreuz werden in Moritz Eggerts Symphonie 4.0 zu Musikinstrumenten. Foto: Swaantje Hehmann
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Es quietscht und dröhnt zum Gotterbarmen, und verstanden hat man Ende gar nichts – so lautet das gängige Vorurteil über klassische Musik unserer Tage. Das die aber richtig Spaß machen kann, beweist das Ensemble für zeitgenössische Musik der Uni Osnabrück am Donnerstag.

Eigentlich studiert Joschka Ackermann Klarinette. An diesem Montagabend bedient er hingegen Staubsauger, Kaffeemühle, Saftmixer. „Und die Trillerpfeife!“ Malte Julitz wiederum spielt ein Instrument namens Flaschenspiel: 13 Getränkeflaschen, dank exakt bemessener Füllung mit Wasser fein säuberlich in Halbtönen gestimmt, hängen vor ihm in einem Gestell. Elif Karadeniz schließlich bedient einen Fernsehbildschirm, so wie zwei Kommilitonen links und rechts von ihr. Und alle zusammen proben sie Moritz Eggerts Symphonie 4.0 mit dem Beinamen „Fernsehballett“ für ein Konzert am Donnerstag, 29. Januar.

Moritz Eggert, einer der profiliertesten deutschen Komponisten unserer Zeit, hat dieses Werk komponiert. Hier im Musiksaal im zweiten Stock des Schlosses studiert das Ensemble für zeitgenössische Musik der Uni unter der Leitung von Musikprofessor Christoph Louven das etwa siebenminütige Stück ein. Und so kurios das Instrumentarium wirkt – eine Studentin spielt ein Radkreuz und eine Gießkanne –, entsteht echte Musik. Rhythmusbetont. Kraftvoll. Witzig.

Um Musik zu machen, braucht es nicht immer eine Stradivari und einen Steinway. Jedes Kind weiß das: Wenn es auf Töpfen herumtrommelt (Töpfe gehören übrigens auch zum Instrumentarium in Eggerts Symphonie), erschließt es sich spielerisch die Welt des Rhythmus und damit der Musik.

„Zeitgenössische Musik hat den Nimbus, sperrig und schwer zugänglich zu sein“, sagt Louven. Dieses Stück von Eggert ist es definitiv nicht. Im Gegenteil: Es macht Spaß, zu erleben, wie Ackermann den Staubsauger einschaltet, streng nach Noten und exakt im Rhythmus. Oder wenn Julitz gefühlvoll auf seine Glasflaschen einhämmert. „Das ist ziemlich schwierig“, sagt er, „weil ich meinen Part auswendig kennen muss.“ Auf die Noten schauen und gleichzeitig die richtigen Flaschen zu treffen, ist fast unmöglich.

Mitten im Musiksaal steht ein weiteres ungewöhnliches Musikinstrument; Louven nennt es den „Cage-Tisch“, denn an ihm erklingt die „Livingroom Music“ von John Cage aus dem Jahr 1940. Gespielt wird es auf „Gegenständen, die man im Wohnzimmer findet“, sagt Louven – Hausmusik der besonderen Art.

Zur Einordnung: Cage ist jener Komponist, der mit „4:33“ die absolute Stille komponiert hat. Der Amerikaner war ein wichtiger Impulsgeber für die Avantgarde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden – unter anderem hat er Frank Zappa maßgeblich beeinflusst.

In Osnabrück trifft Cage auf Kompositionen von Moritz Eggert. Was die beiden verbindet: Ihre Kompositionen hinterfragen den klassischen Musikbetrieb. Denn wenn Eggert „Symphonie“ über sein Werk schreibt, weckt das natürlich Erwartungen: Der größte Teil der westlich geprägten Menschheit verbindet mit dem Begriff Symphonie das berühmte „Ta-ta-ta taaa“, das markante Eingangsmotiv aus Ludwig van Beethovens fünfter Symphonie.

Mit diesen Erwartungshaltungen spielt Cage, wenn Kaffeetassen zu Musikinstrumenten werden oder wenn er für vier Minuten und 33 Sekunden die Konzertbesucher auf den Ursprung allen Musizierens zurückführt: die Stille. Und wie Cage zeigt auch Eggert, dass Neue Musik keineswegs immer staubtrocken und bierernst sein muss. Wenn in einem weiteren Werk des Abends Bonbon-Papierchen rascheln und Pingpong-Bälle ins Publikum fliegen, hat das schon einen hohen Spaßfaktor.

Wer noch genauer wissen will, was es mit zeitgenössischer Musik im Allgemeinen und Eggerts Zugang im Speziellen zu tun hat, der sollte aber schon um 18 Uhr in den Musiksaal des Schlosses kommen: Da gibt es ein „Forschungsforum“ mit Moritz Eggert persönlich. Und zum Konzert um 20 Uhr ist er natürlich auch da.

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