Online-Aufruf  Was Leser von Connemanns „Lifestyle-Teilzeit“ halten

Pia Pentzlin
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Von Pia Pentzlin
| 27.01.2026 13:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gitta Connemann findet den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ mittlerweile unglücklich. Die Debatte darüber läuft aber munter weiter. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Gitta Connemann findet den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ mittlerweile unglücklich. Die Debatte darüber läuft aber munter weiter. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
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Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) will das Recht auf Teilzeit einschränken. Ganz vorne mit dabei: Gitta Connemann. Von den Lesern dieser Zeitung gibt es starke Kritik.

Ostfriesland - Seit dem vergangenen Wochenende wird bundesweit über die Teilzeitarbeit diskutiert. Der Grund: Der Wirtschaftsflügel der Union möchte den Rechtsanspruch darauf einschränken. Auf dem CDU-Parteitag soll ein Antrag dazu beschlossen werden. Dieser trägt den Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“.

Im Fokus dieser Debatte steht Gitta Connemann. Die gebürtige Leeranerin ist Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion. Und damit maßgeblich an diesem Vorstoß zur Teilzeitarbeit beteiligt. Mittlerweile hat sie gegenüber dieser Zeitung eingeräumt, dass der Begriff „Lifestyle-Teilzeit unglücklich ist. „Er polarisiert. Das tut mir leid“, so Connemann. Und er überdecke eine Debatte, die geführt werden müsse. An dieser Debatte beteiligen sich die Leserinnen und Leser dieser Zeitung rege. In einem Online-Aufruf hat die Redaktion dazu aufgerufen, Connemann die Meinung zu sagen.

„Der Arbeitnehmer ist nicht dein Feind“

Eine Nutzerin beginnt ihren Kommentar ganz persönlich und direkt an die Politikerin gerichtet. „Liebe Gitta“, schreibt „Elli Nator“. „Die meisten Menschen arbeiten nicht aus Gründen der Work Life Balance in Teilzeit, sondern weil wahlweise betreut oder gepflegt werden muss“, so die Nutzerin. Connemann solle „mal wieder“ in der Bevölkerung nach Ursachen suchen und nicht immer neue Feindbilder kreieren. „Der Arbeitnehmer ist nicht dein Feind“, heißt es in dem Kommentar. Auch Heribert Schadendorf greift in seinem Kommentar das Thema Betreuung auf. „‚Lifestyle-Teilzeit‘ sagt eine Kinderlose den Müttern, die es jetzt schon schwer haben, alles unter einen Hut zu bekommen.“

Statt Kitas, Pflege und Ganztagsangebote auszubauen und so Vollzeit überhaupt möglich zu machen, greife die CDU lieber das Teilzeitrecht an, schreibt ein anderer Nutzer. Jan Klostermann ist der Meinung, dass unter dem Etikett Lifestyle-Teilzeit die Lebensrealität von Millionen Beschäftigten kurzerhand zur Bequemlichkeit erklärt werde. „Wer wirklich mehr Vollzeit will, sorgt für Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, so Klostermann. Eine weitere Nutzerin verweist auf die vielen Teilzeit-Kräfte in der Pflegebranche. „Nicht gerade sehr christlich und unüberlegt“, bezeichnet sie daher den Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union.

„Mit dieser Aussage ins Aus manövriert“

Andreas Tränapp äußert seine Kritik etwas grundsätzlicher: „Es ist mittlerweile bezeichnend für Frau Connemann und die MIT, dass sich die konjunkturellen Probleme unseres Landes in ihrem Weltbild offensichtlich allein durch Beschneidung von Arbeitnehmerrechten heilen lassen.“ Als Beispiele nennt Tränapp die Aufhebung des Arbeitszeitgesetzes, die Streichung von Feiertagen, die Einschränkung von Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und die jetzige Beschneidung von Anrecht auf Teilzeit.

Leserin Yvonne Neumann berichtet in ihrem Kommentar von ihrer persönlichen Teilzeit-Erfahrung. Auch sie übt Kritik. „Mit dieser Aussage hat sie sich in meinen Augen ins Aus manövriert“, so Neumann über Connemann. „Arbeite seit Jahren in Teilzeit. Zuerst wegen der Kinder und jetzt, weil es kaum Jobs gibt, wo man Vollzeit arbeiten gehen kann“, heißt es in dem Kommentar. Neumann berichtet, sie habe sich vor ein paar Jahren auf eine Teilzeit-Stelle in einer Fleischerei beworben. Nach einem Probearbeiten habe sie gutes Feedback erhalten. Möglich sei aber nur ein Minijob gewesen.


„Die CDU, wie wir sie kennen“

Weitere Leserinnen und Leser gehen in ihrer Kritik noch weiter. „Wenn ich den ganzen Tag nicht körperlich arbeite, kann ich solche Reden schwingen“, schreibt etwa Anja Füssel. Sie findet: „Es gibt Menschen, die können aus gesundheitlichen Gründen keine Vollzeit mehr arbeiten und das hat nichts mit Lifestyle zu tun.“ Ein anderer Nutzer, Carsten Willems, ergänzt thematisch. Menschen mit chronischen Erkrankungen, psychischer Belastung oder hohem Stresslevel würden ihre Arbeitszeit nicht flexibel reduzieren können. „Beschäftigte, die zu mehr Arbeitszeit gezwungen werden, sind oft unzufriedener, häufiger krank und weniger leistungsfähig“, so Willems.

Neben direkter Kritik an der Idee, den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken, liest man in den Kommentaren aber auch jede Menge grundsätzliche Kritik an der CDU und der derzeitigen Politik der Partei. Jens Völker schreibt zum Beispiel: „Das ist die CDU, wie wir sie kennen. In die Selbstbestimmtheit der Menschen eingreifen so stark es geht.“ Hauptsache, es werde eine polemische Forderung rausgehauen. Eva Klock findet, „die CDU ist in allen Bereichen so dermaßen rückschrittlich, das ist erschreckend“. Ein weiterer Nutzer meint, die CDU müsse endlich ihre Hausaufgaben machen und nicht den jahrzehntelangen Abgreifkurs weiterfahren. „Die Wirtschaft liegt brach, weil nicht zukunftsorientiert reformiert wurde“, so der Kommentator. Stephan Bünting drückt sich deutlich direkter aus. Er findet: „Das ist politisches Kettengerassel, unrealistisch und im Zweifelsfall sogar verfassungswidrig. Schämt euch, liebe CDU!“ Ausbildung und Arbeit müssen sich wieder lohnen, findet Bünting. Anreize sollen geschaffen werden und das Versprechen der Aufstiegsgesellschaft wieder greifbar gemacht werden.

Unter dem Aufruf dieser Zeitung sind mehr als 170 Kommentare von Leserinnen und Lesern zusammengekommen. Manche Personen berichten von persönlichen Erlebnissen, andere äußern ihre Kritik allgemeiner. Aber was sie alle eint: Von dem Vorstoß der Mittelstands- und Wirtschaftsunion unter Leitung von Gitta Connemann halten sie alle nichts. In den Kommentaren äußerte sich bisher keine einzige Person, die eine Einschränkung des Teilzeitrechts gut findet.

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