Arbeitszeit  Ostfriesland streitet über „Lifestyle-Teilzeit“

| | 26.01.2026 19:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
In den Kitas arbeiten viele Fachkräfte nur noch Teilzeit. Oft ginge es für die Teilzeitkräfte dabei auch um den Schutz der eigenen Gesundheit, so der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen. Foto: Monika Skolimowska/dpa
In den Kitas arbeiten viele Fachkräfte nur noch Teilzeit. Oft ginge es für die Teilzeitkräfte dabei auch um den Schutz der eigenen Gesundheit, so der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen. Foto: Monika Skolimowska/dpa
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Die Arbeitgeber fordern Einschränkungen für die Teilzeit-Regelung – Gewerkschaften und Verbände warnen. Sie befürchten Auswirkungen auf Kitas, Schulen und Gesundheitsversorgung.

Berlin/Ostfriesland - Weil Fachkräfte fehlen, will der Wirtschaftsflügel der Union den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken. Der entsprechende Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), deren Vorsitzende die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (Hesel) ist, trägt den Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“. „Der Begriff selbst ist unglücklich. Er polarisiert. Das tut mir leid. Denn er überlagert eine Debatte, die wir zwingend führen müssen“, räumt Connemann ein. Aktuell seien bundesweit 1,2 Millionen offene Stellen gemeldet. „Deshalb muss der einseitige Rechtsanspruch auf einen nachträglichen Wechsel in Teilzeit ohne triftigen Grund entfallen“, fordert sie. Man wolle nicht die Teilzeit an sich abschaffen. „Teilzeit muss möglich bleiben“, so Connemann, aber „nicht aus Freizeitgründen“. Und die Teilzeit solle „einvernehmlich“ zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geregelt werden müssen.

Gitta Connemann (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium und Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT). Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Gitta Connemann (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium und Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT). Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Ihr Bundestagskollege Johann Saathoff (SPD, Pewsum) findet den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ an sich „geradezu diffamierend“. Er erinnert daran, dass das entsprechende Gesetz „2018 in der Großen Koalition beschlossen“ worden sei. Es sei eine Errungenschaft vor allem für Frauen, findet Saathoff, der auch Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit ist. „Dass Frau Connemann dieses Recht nun abschaffen will, halte ich für einen Vorschlag aus der gesellschaftspolitischen Mottenkiste. Die Menschen haben in der Regel gute Gründe, Teilzeit zu arbeiten.“

Teilzeitquote steigt: Arbeitgeber sehen Fachkräftemangel verschärft

2024 haben in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 29 Prozent der Erwerbstätigen in Teilzeit gearbeitet, 2025 überschritt die Teilzeit-Quote erstmals 40 Prozent. Demnach arbeitete mit 49 Prozent fast jede zweite Frau in Teilzeit, bei den Männern waren es zwölf Prozent. In dem Antrag der MIT heißt es: „Die Solidargemeinschaft darf nicht die Work-Life-Balance von Aufstockern finanzieren.“ Allerdings gibt es auch Modelle, in denen Mitarbeiter ihre Stunden reduzieren, damit der Arbeitgeber eine weitere Stelle schaffen kann.

Jörg Thoma, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Ostfriesland. Foto: ZGO-Archiv
Jörg Thoma, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Ostfriesland. Foto: ZGO-Archiv

Für die Arbeitgeber in Ostfriesland sind die Teilzeit-Jobs aber durchaus ein Problem. „Der Arbeitgeber hat immer das Problem, diesen Ausfall zu managen“, erklärt Jörg Thoma, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Ostfriesland. Der Anteil an „Lifestyle-Teilzeit“ sei auch in der Region „durchaus hoch“. „Wir haben in der arbeitsrechtlichen Beratung häufig mit Fällen zu tun, in denen es keinen triftigen Grund für Teilzeit gibt.“

Mit dem Vorstoß, das Recht auf Teilzeit einzuschränken, könne man „durchaus einen erheblichen Teil des Problems lösen“, ist Thoma überzeugt.

Arbeitgeberverband Ostfriesland: „Jux und Tollerei“ soll kein Grund sein

Es gehe den Arbeitgebern dabei nicht darum, jemandem, der „einen triftigen Grund für Teilzeit hat, wie etwa Kinderbetreuung“ diese Möglichkeit zu verweigern, betont er ausdrücklich. „Aber wer einfach keine Lust mehr auf seine beispielsweise 35-Stunden-Woche hat, kann nach derzeitiger Rechtslage auch einfach nur noch 20 Stunden arbeiten. In Zeiten des Fachkräftemangels ist es aber für Arbeitgeber geradezu unmöglich, einen Ersatz für die fehlenden 15 Stunden zu finden.“ Darauf nehme aber das Teilzeitgesetz keine Rücksicht. „Wir würden es gerne dahingehend entschärfen, dass der Arbeitnehmer einen gesetzlich geregelten Grund für seinen Teilzeitanspruch braucht“, so Thoma. Arbeitnehmer sollten „nicht mehr aus Jux und Tollerei oder weil sie geerbt haben“ einfach auf Teilzeit gehen können.

Anspruch auf Teilzeit

Bisher hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland grundsätzlich das Recht auf Teilzeitarbeit. Im Teilzeit- und Befristungsgesetz ist der Anspruch auf Teilzeitarbeit verankert. Das Gesetz wurde 2018 von einer Großen Koalition beschlossen. Voraussetzung für den Anspruch: Das Arbeitsverhältnis muss seit mehr als sechs Monaten bestehen und der Arbeitgeber muss in der Regel mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigen.

Der gesetzliche Anspruch auf Teilzeit erlaubt es Arbeitnehmern unter bestimmten Voraussetzungen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Arbeitgeber können den Antrag nur aus gewichtigen betrieblichen Gründen ablehnen. Bei vorübergehender Teilzeit kehren sie anschließend automatisch zur vorherigen Stundenzahl zurück.

Tatsächlich liegen bei einer Mehrheit der Teilzeitbeschäftigten äußere Gründe für die Teilzeit vor: Knapp die Hälfte der betroffenen Frauen betreut Kinder oder pflegebedürftige Angehörige, bei Männern sind es knapp 20 Prozent der Teilzeitbeschäftigten. Etwa zehn Prozent der Teilzeitbeschäftigten würden zudem gerne mehr arbeiten, finden aber keine entsprechende Stelle.

Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung liegt die Teilzeitquote in Deutschland zwar tatsächlich auf Rekordniveau. Aber deshalb ist das Arbeitsvolumen insgesamt gar nicht gesunken. Denn: Teilzeitbeschäftigte arbeiten demnach heute mehr Stunden als in früheren Jahren, zuletzt im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden.

Zudem sind im Jahr 2023 insgesamt 1,3 Milliarden Überstunden registriert worden – von Menschen in Voll- oder Teilzeit.

Zudem sei die steigende Zahl an Teilzeit-Stellen auch ein gesellschaftlich-soziales Problem. Es sei „unsozial“, quasi grundlos auf einer Teilzeitstelle zu bestehen, findet Thoma. „Je mehr Teilzeitkräfte wir kriegen, desto weniger wird in die Sozialkassen eingezahlt“, rechnet er vor. Trotzdem hätten aber auch Teilzeitkräfte bei den Krankenkassen den vollen Anspruch auf Versorgung. „Es ist insofern nicht sozial zu sagen, ich hab keine Lust, Vollzeit zu arbeiten“, sagt Thoma. Auch wenn man sich das vielleicht persönlich leisten könne. „Wir sind schon eine Generation der Erben.“

Handwerk bleibt gelassen: Vier-Tage-Woche ist teils schon Realität

Für die Handwerksbetriebe in Ostfriesland ist Teilzeit „nix Verwerfliches“, sagt Albert Lienemann, Präsident der Handwerkskammer Ostfriesland. „Darin sehe ich keine große Geschichte. Wir haben auch im Handwerk durchaus schon eine Vier-Tage-Woche. Die Arbeitszeit liegt ja in der Vereinbarung zwischen dem Betrieb und seinem Mitarbeiter. Das regelt jeder individuell“, sagt Lienemann, der einen Betrieb für Heizung und Sanitär in Holtrop hat. Je nach Gewerk sei der Anteil der Teilzeitstellen auch unterschiedlich.

Besonders hoch ist die Teilzeitquote bei den Lehrkräften in Deutschland – sie lag bei über 43 Prozent im Schuljahr 2023/24. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Besonders hoch ist die Teilzeitquote bei den Lehrkräften in Deutschland – sie lag bei über 43 Prozent im Schuljahr 2023/24. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Beim Landkreis Leer arbeiten derzeit 540 Teilzeitkräfte. Die Mehrheit von ihnen hat Kinder unter 18 Jahren – neun Mitarbeitende sind in Altersteilzeit. „Wir möchten darauf hinweisen, dass es auch ansonsten vielfach Gründe gibt, die nichts mit ,Lifestyle‘ zu tun haben. Viele Stellen sind aus der Natur der Aufgabe heraus in Teilzeit besetzt, etwa Schulsekretariate, Musikschullehrkräfte oder Aufsichtskräfte. Es gibt zudem Fälle, in denen auch die weite Entfernung zum Wohnort ein Grund sein kann, weniger Tage zu arbeiten“, teilt Landkreissprecher Philipp Koenen mit. „Schwieriger ist es für die öffentliche Hand, wenn auf einer Vollzeitstelle später eine Reduzierung der Arbeitszeit erfolgt.“

Für GEW-Chef ist Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ ein „schräges Framing“

Besonders hoch ist die Teilzeitquote bei den Lehrkräften in Deutschland – sie lag bei über 43 Prozent im Schuljahr 2023/24, 50 Prozent davon waren Frauen. Die jungen Kollegen und Kolleginnen hätten oft Probleme, die Betreuung der eigenen Kinder zu organisieren und die älteren litten oft an der hohen Arbeitsbelastung, weiß der Leeraner Stefan Störmer, Landesvorsitzender der GEW Niedersachsen. „Viele Kollegen haben eine Teilzeitstelle, arbeiten aber quasi Vollzeit, weil sie die Stundenzahl am Ende ganz erfüllen“, sagt Störmer. „Was wir brauchen, vor allem auf dem Land, sind Bedingungen, die es ermöglichen, Familie und Beruf besser zu vereinbaren“, sagt Störmer, der selbst als Lehrer am Teletta-Groß-Gymnasium Leer tätig war. Für ihn ist der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ der „Versuch eines schrägen Framings“. „Wir wissen ja überhaupt nicht, wie viele Leute sich das wirklich leisten können. Ich glaube nicht, dass das die breite Masse ist“, sagt er. Es gebe auch Menschen, die „einfach das Gefühl haben, dass sie ihren Beruf und ihren Alltag nicht bewältigen können“, erklärt Störmer. Wer dann beruflich kürzer trete, sei ja kein „Lifestyle-Teilzeitler“.

Kitas und Kliniken warnen: Wegfall von Teilzeit könnte Abwanderung verstärken

Kritik am Vorstoß aus dem CDU-Wirtschaftsflügel kommt auch vom Kita-Fachkräfte-Verband Niedersachsen Bremen. „Wir kritisieren diese Position scharf, denn dadurch wird die Belastung der Fachkräfte noch höher und es kann die Abwanderung verstärken“, erklärt die 1. Vorsitzende Melanie Krause. Sie leitet selbst eine Kita in Leer. Oft ginge es für die Teilzeitkräfte auch um den Schutz der eigenen Gesundheit. „Die Wissenschaft plädiert für mehr Teilzeit, um die Zufriedenheit zu stärken. Sind Fachkräfte zufriedener, verstärkt sich die Produktivität der Mitarbeiter und dadurch sind sie ,bereiter‘, auch Dienste außerhalb ihres Dienstplanes zu übernehmen“, so Krause.

Der Marburger Bund sagt: „In den Kliniken ist Teilzeit oft die einzige Notbremse, um der permanenten Überlastung und dem Burnout zu entgehen.“ Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa
Der Marburger Bund sagt: „In den Kliniken ist Teilzeit oft die einzige Notbremse, um der permanenten Überlastung und dem Burnout zu entgehen.“ Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Mit deutlicher Kritik reagiert auch der Marburger Bund Niedersachsen: „Was unter dem Deckmantel der Fachkräftesicherung diskutiert wird, droht gerade im Gesundheitswesen zum Brandbeschleuniger für den ärztlichen Personalmangel zu werden“, heißt es. Eine solche Maßnahme würde die ohnehin prekäre Situation in den niedersächsischen Kliniken massiv verschärfen. „Für viele Mediziner sei Teilzeit kein Komfort, sondern eine Notwendigkeit zur Selbsterhaltung“, schreibt der Ärzteverband. „Die Forderung nach einer Abschaffung des Rechts auf Teilzeit ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die das Gesundheitssystem unter Aufbietung ihrer letzten Reserven aufrechterhalten. In den Kliniken ist Teilzeit oft die einzige Notbremse, um der permanenten Überlastung und dem Burnout zu entgehen. Wer diese Bremse löst, nimmt sehenden Auges in Kauf, dass noch mehr Kolleginnen und Kollegen den Arztkittel ganz an den Nagel hängen und der Gesundheitsversorgung dauerhaft verloren gehen,“ erklärt Hans Martin Wollenberg, Erster Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen.

Ärzte: Teilzeit motiviert Kollegen – ist aber auch ein Problem

Zustimmung kommt auch von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN): „Das Wort ,Lifestyle-Teilzeit‘ ist ein Unwort. Der Wunsch nach Teilzeit ist ein durchaus berechtigtes Anliegen“, teilt Pressesprecher Detlef Haffke mit. Auch er warnt: „Würde die Möglichkeit der Teilzeit wegfallen – also nur noch ganze Versorgungsaufträge vergeben werden – wären noch weniger Ärztinnen und Ärzte bereit, eine Kassenzulassung zu beantragen. Dies würde die Versorgung noch nachhaltiger negativ beeinflussen.“ 27 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte in Niedersachsen (4.559) arbeiten in Teilzeit – haben also keinen vollen Kassenarztsitz. Das sei auch ein Grund dafür, weshalb immer mehr Medizinische Versorgungszentren (MVZ) entstehen würden. In einem MVZ arbeiten im Durchschnitt sechs Mediziner in Teilzeit, meist als Angestellte.

Die Heseler Hausärztin Mareike Grebe ist auch Vorsitzende im Bezirk Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: OZ-Archiv
Die Heseler Hausärztin Mareike Grebe ist auch Vorsitzende im Bezirk Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: OZ-Archiv

Für einen freien Kassensitz können Ärzte derzeit auch eine Zulassung auf 75, 50 oder 25 Prozent der Arbeitszeit beantragen. „In Ostfriesland haben wir keinen niedergelassenen Arzt, der nur ,Lifestyle-Teilzeit‘ praktiziert. Die anteilige Vergabe eines Kassensitzes ist für viele Ärzte viel mehr eine Chance, nach einer Auszeit wieder in den Beruf zurückzukehren. Würden wir das nicht anbieten, gäbe es noch weniger Ärzte in Ostfriesland“, ist auch Dieter Krott, Geschäftsführer des KVN-Bezirks Aurich, überzeugt.

Kritischer sieht das die Heseler Hausärztin Mareike Grebe. „Da wir zu wenig Mediziner haben und in den nächsten Jahren zu wenig Nachwuchs und dazu im Schnitt ein teilzeitangestellter Arzt weniger abarbeitet als ein selbstständiger Arzt, ist die zunehmende Tendenz zur Teilzeitarbeit auch ein Problem für die Gesundheitsversorgung“, ist die Vorsitzende des KVN-Bezirks Aurich sicher.

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