Osnabrück Die Mär von der rechtsextremen Mitte: Wir erhöhen die Gefahr, um uns selbst aufzuwerten
Wird die politische Mitte in Deutschland zunehmend antisemitischer und rassistischer? Das wird zumindest oft behauptet. In unserer „360°-Kolumne“ erklärt Religions- und Kultursoziologe Detlef Pollack warum diese Aussage irreführend und sogar kontraproduktiv ist.
Wussten wir es doch. Der Rechtsextremismus nimmt zu. Er hat inzwischen die Mitte der Gesellschaft erreicht. Doch nicht nur der Rechtsextremismus breitet sich aus, auch der Antisemitismus wächst massiv. Ebenso der Rassismus und der Klassismus.
Seit vielen Jahren erklären uns die Deutungseliten unserer Gesellschaft, dass Vorurteile gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten und Abwertungen aufgrund von Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus in unserer Gesellschaft tief verankert sind und inzwischen auch die demokratische Mitte der Gesellschaft erfasst haben.
Der Zeithistoriker und langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin Wolfgang Benz beklagt „die zunehmende Verrohung der Gesellschaft“, wie sie sich in Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, rechtsextremistischen Gewalttaten, aber auch im privaten Umfeld ausdrücke.
Die ehemalige Staatssekretärin und Philosophieprofessorin Sabine Döring postete kürzlich auf X: „Es gibt eine schweigende Mehrheit, die Antisemitismus toleriert, rechtfertigt, Betroffene und ihre Ängste nicht ernst nimmt, sich nicht mit ihnen solidarisiert. Man schaut gemeinsam weg und ermöglicht damit ein Klima, das solch furchtbare Taten wie den Anschlag von Sydney begünstigt.“
Und Andreas Zick, der das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld leitet, erklärt: „Abwertungen aufgrund von Rassismus, Hetero-/Sexismus, Klassismus oder auch Antisemitismus sind tief verankert in unserer Gesellschaft.“ Die Mitte habe sich „in Teilen auf Distanz zur Demokratie begeben“ und sei „nach rechts gerückt.“
Schaut man sich hingegen die neuesten Studien zum Rechtsextremismus und Antisemitismus an, ist man über die Ergebnisse verwundert. Die jüngste Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung macht in der deutschen Gesamtbevölkerung gerade einmal 3 Prozent aus, die ein verfestigtes rechtsextremes Weltbild aufweisen.
Der Anteil mit gefestigter rechtsextremer Gesinnung hat sich seit der letzten Studie nicht etwa erhöht, sondern verringert. Derselben Studie zufolge lehnen mehr als drei Viertel der Deutschen rechtsextreme Einstellungen ab. Der gerade zitierte Andreas Zick gehört übrigens selbst zu den Autoren dieser Studie.
Die Leipziger Autoritarismus-Studie kommt ebenfalls auf nicht mehr als 4,4 Prozent, die einem geschlossen rechtsextremen Weltbild anhängen. Seit 2002 sei dieser Anteil von 9,6 Prozent auf etwa die Hälfte zurückgegangen. Eine manifeste antisemitische Einstellung lässt sich nach den Angaben dieser Studie bei 4 Prozent der Gesamtbevölkerung nachweisen.
Wie kann das sein, dass der öffentliche Diskurs und die Ergebnisse von repräsentativen Bevölkerungsumfragen so weit auseinanderfallen? Es hat bestimmt nichts damit zu tun, dass wir die gesellschaftliche Bedeutung von Rechtsextremismus und Antisemitismus aufwerten wollen, und schon gar nicht damit, dass wir solche Ungleichwertigkeitsideologien gut finden.
Sondern genau mit dem Gegenteil: dass wir sie abscheulich finden und uns von ihnen distanzieren wollen. Mit der Art und Weise, wie wir uns distanzieren, machen wir allerdings einen Fehler, denn wir übertreiben die Gefahr, weil wir meinen, auf diese Weise umso wirkungsvoller vor ihr warnen zu können, und weil wir meinen, dass es auf uns, gerade auf uns ankommt.
Wir wollen nicht nur eine Botschaft über die Gefahr versenden, sondern uns selbst ins Spiel bringen. Die Botschaft lautet: „Seht her. Ich gehöre zu den Guten. Wir werden immer weniger.“ Da man das aber nicht so einfach sagen kann, ohne sich lächerlich zu machen, sagt man „Seht her, da sind die Bösen, es werden immer mehr.“
Die Übertreibung der Gefahr dient neben allen guten Absichten, die wir mit ihnen verfolgen und die gar nicht bestritten sein sollen, der Selbstaufwertung. Die Gesellschaft benötigt Aufklärung – und schon steht man über ihr. Aus einer berechtigten Sorge wird ein billiger Protest, gegen den niemand etwas haben kann.
Das kostet nichts. Aber es schadet vielleicht sogar. Denn indem man sich auf die Seite der Guten geschlagen hat, vertritt man nun selbst jene Ungleichwertigkeitsideologie, gegen die man doch eigentlich angetreten war.