Musik & Julischka  „Gustl“ Meyer-Heine blickt auf ihr Schausteller-Leben

Pia Pentzlin
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Von Pia Pentzlin
| 22.01.2026 06:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
70 Jahre Altersunterschied und doch dieselbe Person. Foto: Pia Pentzlin
70 Jahre Altersunterschied und doch dieselbe Person. Foto: Pia Pentzlin
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Sie wurde im Wohnwagen geboren und brachte den Julischka nach Ostfriesland. Heute lebt „Gustl“ Meyer-Heine in einer kleinen Seniorenwohnung und schwelgt in Erinnerungen.

Ostfriesland - „Früher hatte ich hunderte Menschen um mich herum. Heute ist mein Leben ruhig“, sagt Auguste Meyer-Heine. Die 89-Jährige kommt aus einer der ältesten Schausteller-Familien in Ostfriesland. Mittlerweile führen ihre Kinder und Enkel die Geschäfte weiter, die sie einst aufgebaut hat. „Gustl“, wie Meyer-Heine genannt wird, lebt inzwischen in einer kleinen Seniorenwohnung in Aurich – ihr Wohnwagen steht in einer Lagerhalle.

Viel ist von dem wuseligen und bunten Leben, das Meyer-Heine all die Jahre geführt hat, nicht übrig geblieben. Die Redaktion wollte wissen, was das mit ihr macht – und ob Schausteller überhaupt in Rente gehen können. Denn: In nur wenigen Berufen verwachsen die Arbeit und das Privatleben so sehr wie bei Schaustellern.

Wollte Eltern nicht im Stich lassen

„Ich bin 1936 in einem Wohnwagen geboren“, sagt Meyer-Heine direkt zu Beginn des Gesprächs. Wenige Tage später sei sie mit ihren Eltern schon losgezogen. Ihr Vater Kalli Meyer ist vielen Ostfriesen wegen seines Kult-Karussells in Erinnerung. In einer Zeit, in der es noch keine Discos in der Region gab, „sind die Menschen zu meinem Vater gekommen“, so die 89-Jährige. Da wurden die damals angesagtesten Schallplatten aufgelegt.

„Ich hätte einen Beruf lernen können, ich wollte früher Designerin werden“, sagt Meyer-Heine. Aber sie wollte ihre Eltern nicht im Stich lassen. Immerhin ist das Schausteller-Dasein etwas, das man über Generationen weitergibt. Mit ihrem bereits verstorbenen Ehemann Stefan Heine war also auch sie als Schaustellerin auf Märkten unterwegs. Bekannt war sie lange Zeit für die Wikingerschaukel. Bis nach Norwegen ist sie damit gereist.

2013 und mit 77 Jahren stand "Gustl" Meyer-Heine noch hinter dem Tresen. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
2013 und mit 77 Jahren stand "Gustl" Meyer-Heine noch hinter dem Tresen. Foto: Klaus Ortgies/Archiv

Schausteller-Leben war nicht immer leicht

Wenn man Meyer-Heine heute danach fragt, was ihre Buden so besonders gemacht hat, sagt sie: „Es ist die Ausstrahlung“. Ihre Familie und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien immer eine große Familie gewesen. Sie alle eint eine Gemeinsamkeit: dass Außenstehende oft nicht nachempfinden können, was es bedeutet, Schausteller zu sein. „Es ist ein Job, in den man wirklich hineingeboren werden muss“, zeigt sich Meyer-Heine überzeugt. Sobald die Lichter auf den Märkten leuchten, würden alle anderen sehr schnell vergessen, wie viel Arbeit darin steckt. „Wir planen oft ein oder zwei Jahre im Voraus“, sagt die 89-Jährige. Jeder Tag sei ein neuer Tag und immer wieder passiere etwas Unerwartetes.

Seit ihrer Kindheit ist Meyer-Heine viel herumgereist – früher noch in einem Wohnwagen. Immer wieder musste sie die Schule wechseln, weil sie mit ihren Eltern selten lange Zeit am Stück am selben Ort war. Irgendwann habe sie dann einen Privatlehrer gehabt. „Es war nicht leicht für mich, Kontakte zu knüpfen. Wenn sich die Kinder aus meiner Klasse nachmittags verabredet haben, habe ich meinen Eltern geholfen. Es gab immer was zu tun“, erinnert sich Meyer-Heine. Umso schwieriger sei es, heute das Loslassen zu lernen. Den Druck von damals spüre sie auch heute noch. „Du muss, du musst“ – das höre sie von ihrer inneren Stimme immer wieder.

Gustl Meyer-Heine hat sämtliche Zeitungsberichte über sich aufbewahrt – und sogar laminiert. Foto: Pia Pentzlin
Gustl Meyer-Heine hat sämtliche Zeitungsberichte über sich aufbewahrt – und sogar laminiert. Foto: Pia Pentzlin

„Das Karussell wird sich weiterdrehn“

Vor allem das Musik-Karussell ihres Vaters hat sie in ihrer Arbeit über all die Jahre geprägt. Ein Grund, weshalb auch sie bei ihrer Arbeit oft ein Mikrofon in der Hand hatte? „Ich habe einfach gerne geschallert, das war mein Leben“, sagt sie heute. Viele Künstler verlassen irgendwann die Bühne und so fühle auch sie sich. „Ich habe die Bühne verlassen“, sagt sie. Ihren Wohnwagen hat sie gegen eine kleine Wohnung eingetauscht. Das Leben aber gehe trotzdem weiter.

Die Schaustellerin fängt an zu strahlen, schaukelt mit dem Oberkörper und summt eine Melodie. Vicky Leandros‘ Lied „Ich liebe das Leben“ von 1975. Am Ende des Liedes stehen diese Zeilen:

„Was kann mir schon gescheh’n? Glaub mir, ich liebe das Leben Das Karussell wird sich weiterdreh’n“

Meyer-Heine stimmt Sängerin Leandros zu. Das Karussell, das Leben, würde sich immer weiter drehen. „Da bekomme ich Gänsehaut“, sagt sie und umklammert ihren Oberkörper. Schon ihre Oma habe immer auf Platt gesagt: „Es muss wiedergahn“. Also: Es muss weitergehen.

„Ich habe immer alle gefördert“

„Ich bin auch so stolz auf meine Kinder, dass sie das jetzt machen“, sagt die 89-Jährige. Mit ihrem Mann Stefan hat Meyer-Heine nicht nur drei Kinder, sondern mittlerweile schon zwölf Enkelkinder und Urenkelkinder. „Die packen alle mit an“, sagt sie. Wegen gesundheitlicher Probleme steht sie selbst heute nicht mehr hinter dem Tresen. Am Geschehen teilnehmen möchte die 89-Jährige aber trotzdem. Nur eben anders als früher. Mit ihrer Familie hält sie mitunter digital Kontakt – über ein Tablet. Ihre Kinder und Enkel dokumentieren alles genau und schicken es ihrer Mutter und Oma. Es sind Bilder von einem neuen Wohnwagen, vom Aufbau des Riesenrads oder vom Stand auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. „Ich bin froh, dass ich so dabei sein kann“, sagt Meyer-Heine.

Ihre Kinder hätten auf ihre Existenz aufgebaut und würden nun ihr eigenes Ding machen. Aber: „Ich habe immer alle gefördert“, sagt Meyer-Heine. Es scheint ihr wichtig zu sein, das zu betonen. Sie wiederholt es im Gespräch mit der Redaktion einige Male.

Ohne Julischka geht auf dem Gallimarkt in Leer nichts. Verantwortlich dafür: "Gustl" Meyer-Heine. Foto: Klaus Ortgies
Ohne Julischka geht auf dem Gallimarkt in Leer nichts. Verantwortlich dafür: "Gustl" Meyer-Heine. Foto: Klaus Ortgies

Julischka ist ein „Gottesgeschenk“

Wie stolz sie auf das ist, was sie geschaffen hat, und auf das, was ihre Kinder nun machen, zeigt sich auch am Julischka. Denn: Meyer-Heine war es, die den Julischka nach Ostfriesland brachte. Das ist ein kroatischer Likör, der aus dem Pflaumenbrandwein Slivovitz und dem Birnenlikör Kruskovac zusammengemischt wird. Eines der Highlights auf Ostfrieslands größtem Volksfest, dem Gallimarkt in Leer. „Ist das nicht schön, sich so einen Namen aufzubauen?“, fragt die Schaustellerin. Dass ihr das gelungen ist, beschreibt sie selbst als ein „Gottesgeschenk“.Auf den Likör sei sie durch eine Freundin aufmerksam geworden, die aus Kroatien kommt. Meyer-Heine war auf der Suche nach einem Getränk, das besonders ist – und unbekannt. „Meine Freundin hat mir dann einen 10-Liter-Kanister mit Julischka mitgegeben, weil der in Kroatien gerne getrunken wird.“ Die Schaustellerin habe dann angefangen, den Likör in kleinen Flaschen in Ostfriesland zu verkaufen. Mit großem Erfolg. Lange Zeit war klar: Bei den Heines gibt es Julischka.

Auch heute spielt der Verkauf vom kroatischen Likör in der Familie eine große Rolle. Tochter Stefanie Glöss betreibt seit Jahren den kultigen Julischka-Stand auf dem Gallimarkt. Und auch ihr Sohn Stefan Heine verkauft mit seiner Frau Peggy auf mehreren Märkten und Festen im Jahr den kroatischen Likör. Der Julischka-Verkauf in Ostfriesland zeigt gut, wie das Schausteller-Leben funktioniert. Die Traditionen werden von Generation zu Generation weitergegeben. Umso schöner, wenn die Jüngeren von den Älteren lernen können. „Meine Kinder brauchen mich“, sagt die 89-Jährige. Sie habe die jahrzehntelange Erfahrung und könne mit Ratschlägen zur Seite stehen. „Die rufen mich oft an und stellen Fragen“, so Meyer-Heine.

„Ich muss weiter unter Menschen“

Mit Menschen in Kontakt sein, mit ihnen zusammenarbeiten, das war jahrzehntelang Hauptbestandteil von Meyer-Heines Leben. „Das fehlt mir“, gesteht sie und kämpft mit den Tränen. „Ich wäre am liebsten noch immer dazwischen“, so die 89-Jährige. Heute bleiben ihr die Erinnerungen an ihre Zeit als Schaustellerin. Und die kleinen Hilfestellungen in der Familie. „Rente gibt es bei Schaustellern nicht“, ist Meyer-Heine überzeugt. Das loszulassen, was sie ihr Leben lang um sich hatte, ist schwer. Obwohl Meyer-Heine nicht mehr auf den Märkten und Festen in Ostfriesland arbeiten kann, hat sie eine Sache beibehalten. „Ich muss weiter unter Menschen“, sagt sie. Es sei für sie die beste Medizin. „Nützt ja nichts“, so Meyer-Heine.

Wenn es der gesundheitliche Zustand wieder zulässt, möchte sie ihre Kinder und Enkelkinder unbedingt wieder an ihren Ständen auf einem der Märkte besuchen. Und auf den „Ossiball“, den Schaustellerball, der jedes Jahr stattfindet, freut sie sich schon. „Da möchte ich unbedingt hin, das gehört doch dazu“, sagt die 89-Jährige. Das Outfit dafür liegt schon bereit.

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