Berlin  Dicker Hals, schwaches Herz?

Jörg Zittlau
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Von Jörg Zittlau
| 20.01.2026 17:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bei der Kalkulation von Gesundheitsrisiken rückt der Hals in den Fokus. Foto: www.imago-images.de
Bei der Kalkulation von Gesundheitsrisiken rückt der Hals in den Fokus. Foto: www.imago-images.de
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Herz-Kreislauf-Risiken: Forscher sehen im Halsumfang einen möglichen Indikator. Die Messmethode ist jedoch umstritten.

Ob Gewicht, Taillenumfang oder Body-Mass-Index – in der Medizin verwendet man gerne Körpermaße, um die Gesundheitsrisiken eines Menschen zu kalkulieren. Nun rückt dabei ein neues Körperteil in den Fokus: der Hals.

„Bull neck“, so heißt der massive Nacken bei Boxern und Rugby-Spielern. Er wirkt bedrohlich, und das soll er auch. Aber der Stiernacken steht auch für Fitness und kräftige Muskeln, also eigentlich das Gegenteil von Bluthochdruck, Infarkten und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch bei unsportlichen Menschen ist das wohl anders.

„Ihr Halsumfang könnte ein wichtiger Hinweis auf ein hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein“, betont Ahmed Elbediwy von der Kingston University in London.

Der englische Molekularbiologe gehört zu den Wissenschaftlern, die sich in letzter Zeit dafür stark machen, den Halsumfang zu messen, um kardiovaskuläre Risiken besser abschätzen zu können. Ihr Argument: Das Fett am Hals sei ein direkter Indikator für das viszerale Fett, also jenes Fettgewebe, das die inneren Organe der oberen Körperhälfte umgibt.

Es ist dafür bekannt, problematische Fettsäuren, Entzündungsbotenstoffe und Hormone freizusetzen, die bei der Entstehung von Arteriosklerose, Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen mitspielen können. Je dicker also der Hals, umso größer die Wahrscheinlichkeit für Diabetes und Infarkte. „Mit jedem zusätzlichem Zentimeter steigt das Risiko“, warnt Elbediwy.

Eine aktuelle iranische Studie an knapp 6800 Teilnehmern kommt zu dem Schluss, dass der Halsumfang mehr über das Risiko für Herz oder Stoffwechsel verrät als Body-Mass-Index und Körpergewicht. Als kritischen Wert sehen sie 38,6 Zentimetern bei den Männern und 36,9 bei den Frauen, oberhalb davon ginge das Risiko unaufhaltsam nach oben.

Andere Wissenschaftler sind da insbesondere bei den Männern großzügiger, sehen erst ab 43 Zentimeter einen Korrekturbedarf. Doch einig ist man sich darüber, dass der Halsumfang, wie Elbediwy es ausdrückt, „ein einfacher, nicht-invasiver Marker ist, um Herz-Kreislauf-Risiken besser einzuschätzen – unabhängig vom Körpergewicht“.

Tatsächlich ist die Methode ausgesprochen simpel und flott in der Ausführung: ein Maßband an der schmalsten Stelle des Halses anlegen, so dass es eng anliegt – und dann nur noch den Wert ablesen. Keine komplizierten Wurzelberechnungen wie beim BMI und keine kleidungs- oder tageszeitabhängigen Schwankungen wie beim Wiegen des Körpergewichts.

Doch Kardiologe Stephan Achenbach vom Universitätsklinikum Erlangen warnt: „In der Prävention von schweren Krankheiten wie dem Herzinfarkt sollten wir nicht darauf achten, dass eine Messmethode nur 5 Sekunden dauert – es dürfen auch mal 30 sein.“

Das Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung rät ohnehin, nicht zuviel vom Messen des Halsumfangs zu erwarten: „Es ist interessant, aber keine Revolution.“ So zeigen die Studien, dass nur sehr wenige Menschen den Halsumfang erreichen, ab dem er als problematisch eingeschätzt wird. „Bei rund 95 Prozent der Menschen bewegt er sich in einem Rahmen, der gar nichts über die Gesundheitsrisiken aussagt“, betont Achenbach.

Was im Erfassen des Halsumfangs überdies fehlt, sind solche Faktoren wie die Körpergröße: ein 1,90 großer, kräftiger Mann sollte von Natur aus einen dickeren Hals haben, ohne dass er sich gleich Sorgen um seine Gesundheit machen müsste.

Da wirkt der Body-Mass-Index, bei dem das Gewicht durch das Quadrat der Körpergröße (in Metern) geteilt wird, schon ausgeklügelter. Er sei, wie Achenbach betont, ohnehin nicht so schlecht, wie oft behauptet wird: „Sieht man von muskelbepackten Ausnahmen wie Bodybuildern und Gewichthebern ab, liefert er schon solide Aussagen über das Übergewicht.“ Außerdem gelten diese Ausnahmen ja auch für den Halsumfang.

Schließlich besitzt Übergewicht selbst nur eine bedingte Aussagekraft, was die gesundheitlichen Risiken angeht. Egal also, ob per BMI, Waage oder Halsumfang gemessen: Die überschüssigen Fettdepots bekommen erst im Zusammenhang mit auffälligen Blutdruck-, Cholesterin-, Triglycerid- und Zuckerwerten eine Bedeutung für Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System.

„Ganz zu schweigen davon, dass etwa ein hagerer Kettenraucher ein weitaus größeres Risiko haben kann als ein Nichtraucher mit Doppelkinn und voluminösem Hals“, so Achenbach.

Wer also einen dicken Hals hat, sollte nicht in Panik verfallen. Und das gilt auch, wenn er auf seinen Ohrläppchen eine Diagonalfalte sieht, die seit den 1970ern gerne als Frühwarnzeichen für einen Infarkt propagiert wird, weil man sie im ansonsten rege durchbluteten Ohrläppchen als Hinweis auf eine Arteriosklerose interpretieren kann.

Eine jüngere Autopsie-Studie von deutschen Rechtsmedizinern hat dies zwar bestätigen können, allerdings nur bei jüngeren Menschen. Nicht jedoch bei Senioren, die eigentlich besonders infarktgefährdet sind. Denn die haben ihre Falten im Ohrläppchen auch einfach deshalb, weil sie alt sind und ohnehin viele Falten haben.

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