Osnabrück  Osnabrücker Schüler stellen die Gretchenfrage: „Sind Sie prorussisch, Herr Sonneborn?”

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 19.01.2026 12:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
An der Ursulaschule hat Martin Sonneborn sein Abitur gemacht. Dem aktuellen Abi-Jahrgang gewährte er Einblicke in sein Selbstverständnis als Politiker. Foto: Sebastian Dannenberg
An der Ursulaschule hat Martin Sonneborn sein Abitur gemacht. Dem aktuellen Abi-Jahrgang gewährte er Einblicke in sein Selbstverständnis als Politiker. Foto: Sebastian Dannenberg
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Martin Sonneborn war mal wieder in Osnabrück. Interessanter als der Auftritt in der Botschaft war sein Besuch der Ursulaschule: Satire ist für Sonneborn keine Kunstform mehr, sondern ein Propagandamittel – der Künstler von einst mutiert zum Populisten. Beobachtungen eines Heimatbesuches.

Freitagmittag, in der Aula der Ursulaschule geht es auf 13 Uhr zu. Zwei Leistungskurse und eine größere Anzahl an Lehrkräften haben fast anderthalb Stunden Martin Sonneborn hinter sich. Der Auftritt des Europapolitikers und Satirikers an seiner alten Schule neigt sich dem Ende zu. Zeit für ein paar letzte Fragen also. „Herr Sonneborn“, fragt die Lehrerin des Politik-LK, „wir haben uns gefragt: Sind Sie eigentlich prorussisch?“

Sonneborn behandelt die Frage ganz im Stile eines Politikers – er setzt zu einer Ausführung an, ohne auf die Frage einzugehen. Der sonst so sichere Redner bricht Sätze ab, murmelt was von „Humanismus“ und ringt sich dann zu dieser Antwort durch: „Das BSW sollte in Deutschland im Bundestag sitzen.“ Bezogen auf die Ausgangsfrage kann das eigentlich nur heißen: Im Prinzip ja.

Eine Antwort, die wie ein Mosaikstein das Bild vervollständigt, das bei Sonneborns Gastspiel in Osnabrück nach und nach entstand. Erste Station in seiner alten Heimatstadt war ein Auftritt in der Botschaft am Donnerstagabend. Der Saal ist gut gefüllt, als Sonneborn erscheint, sich ein Bier an den Tisch tragen lässt und wie eh und je die Leute in „Dings“ begrüßt. 

Es folgen Videoeinspielungen und Kalauer, die jeder lange kennt, der sich mit Sonneborn beschäftigt. Er versteht es, die inhaltliche Leere und die Austauschbarkeit politischer Slogans mit spitzem Humor zu überzeichnen und Widersinnigkeiten des Polit-Betriebs auf komische Art und Weise zu demaskieren. Damit hat er es bis ins EU-Parlament geschafft. Als Chefredakteur des Satire-Magazins „Titanic“ hatte er Memes verantwortet, bevor es das Wort überhaupt gab. 

Sein Talent als Satiriker bringt die Menschen zum Lachen – das zeigt sich auch in der Botschaft. Allein: Satire ist kein Deutungsrahmen mehr, der für Sonneborns Äußerungen gültig wäre. Der 60-Jährige betrachtet sich mittlerweile als Politiker – ein Transparenzhinweis, den er in der Botschaft versäumt und den er erst am nächsten Morgen den Ursulaschülern liefert.

Daraus folgt: Sein Auftritt, seine Äußerungen können eigentlich nicht länger Ausdruck von Kunst sein. Sie sind politische Wortmeldungen und Positionierungen. 

Der Politiker Sonneborn allerdings karikiert den Populismus nicht mehr, er reproduziert ihn. Das gibt er sogar freimütig zu: Er sei ein ziemlich „radikaler“ Populist, erklärt er im Interview mit unserer Redaktion. Entsprechend übernimmt er auch die Arbeitsweise von Populisten: Er referiert Halbwahrheiten, reißt Dinge aus dem Kontext und attackiert lieber Personen, als sich mit ihren Argumenten und Positionen zu befassen. Der Politiker Sonneborn macht sich einen Spaß daraus, Bilder des schlafenden Ex-EU-Politikers Elmar Brok zu präsentieren. Bundeskanzler Friedrich Merz nennt er konsequent „Fotzenfritz“.

Richtiggehend wütend ist er auf die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und auf deren Heimat Estland. Die Menschen dort sorgen sich vor dem russischen Imperialismus. „Ich mag Estland nicht“, sagt er in der Botschaft. Angst vor Russland sei völlig „unsinnig“. Es ist einer der wenigen Sätze ohne ironischen Unterton bei seinem Auftritt in der Botschaft.  

Es ist auch ein Satz, der als Klammer zum Auftritt an der Ursulaschule fungiert. Sonneborn arbeitet sich dort erneut an der „unglaublich dummen und kriegssüchtigen“ Kallas ab. Eher zufällig nimmt seine Tirade ein zentrales Thema des Tages vorweg. In der Diskussion mit den Schülern später wird es viel um Krieg, Frieden und das Erstarken von Despotien gehen. Die Schülerinnen und Schüler haben sich auf Sonneborns Besuch gut vorbereitet.

Gleich zwei Schüler fragen Sonneborn, ob Diplomatie nicht Grenzen habe, ob Europa nicht vielleicht doch auch militärische Stärke brauche, um Trump und Putin etwas entgegensetzen zu können. 

Sonneborn stellt eine Gegenfrage: „Haben Sie Angst, dass Russland im Baltikum einmarschieren könnte?“ „Ja, schon. Es gibt doch genug Warnungen“, entgegnet ein Schüler. Sonneborn reagiert emotional: Das sei alles völliger Quatsch. Er säße im EU-Parlament und habe seine Quellen.

Auf Nachfrage unserer Redaktion erklärte Sonneborn, er beziehe sich dabei auf das ‚Annual Threat Assessment‘ des ‚Office of the Director of National Intelligence‘, wo es heiße, Russland wolle „mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen direkten militärischen Konflikt mit den USA und den NATO-Streitkräften.“ Es ist wieder einer dieser Momente, in denen Sonneborn der ironische Grundton verlässt. 

Den pflege er nicht nur als öffentliche Person praktisch durchgehend, sondern auch privat, erklärt er auf eine andere Schülerfrage. Bei so viel Ironie bleibt freilich oft unklar, wofür Sonneborn tatsächlich steht und welche Regung an ihm authentisch ist. Der Ärger über Kallas und die Esten, er ist es ganz offensichtlich.

Dass bei Sonneborn im Baltikum der Spaß aufhört, könnte an seiner politischen Selbstverortung als „Altlinker“ liegen. Ein Lager, in dem osteuropäische Nationen, die Russland fürchten oder sich gar dem Moskauer Imperialismus widersetzen, traditionell Argwohn erregen.

Das gilt natürlich auch für die Ukraine. Sonneborn erklärt den Schülern, dass die Verantwortung für das anhaltende Sterben auch bei der EU liege. Ein Schüler wendet ein, dass Putin offenbar kein großes Interesse am Frieden habe. Sonneborn weiß darauf wenig zu erwidern. Putins Handeln verurteilt er mit keiner Silbe. Die Befindlichkeiten der Ukraine spielen für ihn erst recht keine Rolle.

Er beschließt seinen Besuch an der Ursulaschule mit einem Bild von Goebbels. Das wirft er überlebensgroß an die Wand. Unterschrieben ist es mit den Worten: „Es gab Zeiten, da wurde man wenigstens noch gefragt, ob man den totalen Krieg überhaupt möchte.“

Hitlerwitze und Bezüge zum Nationalsozialismus waren stets ein zentrales Motiv in Sonneborns satirischer Arbeit. Das Goebbels-Plakat ist sein Statement zur europäischen Aufrüstung. Ein Lacher, der nicht so recht zünden will in einer Zeit, in der vielen in Europa dämmert: Eigene Friedfertigkeit allein reicht vielleicht nicht, um den Frieden zu bewahren.

Sonneborn ist geprägt durch eine Zeit, in der das anders war. Seine Karriere als Satiriker begann in den 1990er-Jahren, in einer „sehr gefestigten Demokratie mit guter Wirtschaftsentwicklung“. Die Jahrtausendwende, die ersten Jahre danach – in Europa sei das vielleicht die stabilste, beste Zeit überhaupt gewesen, sagt er vor den Ursulaschülern.

Sonneborn ist seither immer irgendwie der Alte geblieben. Die Welt allerdings, sie drehte sich weiter. „Sie ist heute anders, es gibt andere Probleme“, sagt er in einem weiteren ganz unironischen Moment an der Ursulaschule. Dann schiebt er noch einen Satz hinterher, der nicht so recht passt zum öffentlichen Sonneborn, der aber für einen Populisten am Ende wohl unvermeidlich ist: „Ich habe keine Lösungsvorschläge dafür.“

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