Kunsthaus in Leer Wo Ostfrieslands Kunst ein Zuhause findet
Von leuchtenden Landschaften bis zu abstrakten Industriemotiven: Das Kunsthaus Leer sammelt, erforscht und zeigt Kunst aus der Region. Ein Blick hinter die Kulissen.
Leer - Ein weites Feld, getaucht in brennendes Orange – die Farbe spiegelt sich im Himmel wider. Ein Haus steht einsam und alleine, nur umringt von Bäumen und Sträuchern. Eine blaue Wolke schwebt über der Landschaft, bringt einen Kontrast zu dem Rapsfeld. Einen Schritt weiter – die Weite weicht einer abstrakten Industrielandschaft. Schwarzweiß. Ein Kran vielleicht. Bahnschienen, Zahnräder? Die Formen vermischen sich, als hätte der Künstler die Ordnung der Dinge neu erfunden.
Diese und viele weitere Werke hängen im Kunsthaus Leer. „Unser Träger ist der Landkreis Leer, die Sparkassen-Stiftung unterstützt uns bei Neuanschaffungen“, erklärt Susanne Augat, die Leiterin des Kunsthauses. Die Finanzierung ist immer wieder Thema in der Politik – zuletzt schlug die FDP im Finanzausschuss vor, das Kunsthaus in die Evenburg zu integrieren. Doch was macht das Kunsthaus eigentlich aus? Wie kommen die Kunstwerke hierher, und wie funktioniert die Arbeit hinter den Kulissen?
Ostfriesische Kunst im Fokus
Die Ausstellung „Sammlungspräsentation – Neue Werke II“, die Anfang Januar 2026 im Kunsthaus zu sehen war, zeigte Werke, die die Einrichtung im Jahr 2024 übernommen hat. Es sind nur etwa 50 Stück von 6123 Werken, die das Kunsthaus inzwischen inventarisiert hat. „Dazu kommen noch kleinere Zeichnungen und Skizzen“, erläutert Susanne Augat. So unterschiedlich die Werke sind, sie alle tragen ein Stück Ostfriesland in sich. „Wir haben drei Kriterien, nach denen wir die Werke aussuchen: Der Künstler muss in Ostfriesland geboren worden sein, das Thema des Werkes muss ostfriesisch sein oder der Künstler lebt oder arbeitet in Ostfriesland“, sagt die Leiterin.
Ein Beirat – bestehend aus Kunsthistorikern, einem Künstler, dem Leeraner Landrat und dem Vorsitzenden der Sparkassen-Kulturstiftung Leer-Wittmund – entscheidet gemeinsam über die Neuanschaffungen des Kunsthauses. Wenn das Kunsthaus neue Werke aufnimmt, dann in der Regel mehrere Werke von einem Künstler oder einer Künstlerin, so Augat. Seit das Kunsthaus 2012 eröffnet hat, sind die Sammlungen des Kunsthauses stetig gewachsen. Gegründet haben das Kunsthaus der damalige Landrat Bernhard Bramlage und der Kunsthistoriker Heiko Jörn. Gemeinsam setzten sie sich für einen Ort ein, an dem ostfriesische Kunst bewahrt und erforscht werden kann. Die Wahl fiel letztendlich auf ein Haus im Turnerweg, mitten in Leer. Für die Kunstwerke ist dort längst nicht mehr genug Platz. Was nicht gerade ausgestellt, inventarisiert oder wissenschaftlich untersucht wird, lagert in einem externen Magazin.
Wie die Kunst ins Kunsthaus kommt
Doch wie bekommt das Kunsthaus überhaupt die Kunstwerke? Augat erklärt, dass viele über Nachlässe in den Besitz übergehen, also die Kunst direkt an das Kunsthaus vererbt werden. „Oft sprechen uns auch Nachfahren an“, sagt Susanne Augat. Aber in den vergangenen Jahren machen sich immer mehr Künstlerinnen und Künstler Gedanken, was nach ihrem Tod mit ihrer Kunst passiert. Ein Grund, weshalb viele schon zu ihren Lebzeiten an das Kunsthaus herantreten, um ihre Werke in sicheren Händen zu wissen, erzählt Augat.
„Inzwischen stammt etwa die Hälfte der Sammlungen aus diesen Vorlässen“, so Augat. Ein Vorteil an diesen sogenannten Vorlässen sei, dass die Künstlerinnen und Künstler oft selbst noch zu Veranstaltungen kämen und über ihre Kunst selbst reden könnten. Im Nordwesten ist das Kunsthaus Leer eine der wenigen Adressen, die Nachlässe aufnehmen – in Ostfriesland ist es einzigartig. Die Sparkassen-Kulturstiftung unterstützt das Kunsthaus, wenn es um die finanzielle Seite bei den Anschaffungen geht, so Augat.
Die Aufgaben des Kunsthauses
Neben dem Sammeln ostfriesischer Kunst ist es Aufgabe des Kunsthauses, ebendiese wissenschaftlich zu erforschen und das kulturelle Erbe der Region zu sichern. Die Arbeit beginnt beim Vermessen und Fotografieren der Werke, dem Erforschen der Entstehungsgeschichte und reicht bis zu wissenschaftlichen Arbeiten.
Zum Beispiel von Kunsthistorikerin Susanne Augat. Eine der Publikationen, die sie am Kunsthaus geschrieben hat, ist „Zwischen Jade und Dollart“. Die Ausstellungen im Kunsthaus, aber auch an anderen Orten in Leer – wie dem Heimatmuseum oder dem Klottje-Huus – oder in Rastede, sind eine weitere Säule ihrer Arbeit: ostfriesische Kunst zugänglich zu machen.
Das Haus ist nicht dauerhaft geöffnet, sondern nur während der Ausstellungen. „Ich probiere, drei Ausstellungen pro Jahr zu organisieren“, sagt Augat.
Ihr Lieblingswerk? „Ich habe viele Lieblingswerke – von jedem Künstler und jeder Künstlerin eines“, sagt Augat. Ihr Ziel für die Zukunft ist noch viele Kunstwerke aufzunehmen und das Kunsthaus als lebendigen Begegnungsort für Kunstinteressierte zu erhalten. „Die Arbeit hier ist sehr erfüllend und macht auch viel Spaß“, sagt sie und lacht.