Osnabrück Osnabrücker Schüler und die brutale Welt des Internets: Wie Lehrkräfte damit umgehen
Rassistische Bilder, Pornografie, Mobbing im Klassenchat: All das ist Realität im Leben von Osnabrücker Schülern. Wir haben mit Lehrkräften der Ursulaschule darüber gesprochen, wie viel sie davon mitbekommen und was sie dagegen tun.
An der Osnabrücker Ursulaschule gilt zwar ein Handyverbot auf dem Schulgelände, aber das Internet spielt im Leben der Kinder und Jugendlichen trotzdem eine große Rolle. Aus gutem Grund bietet das Gymnasium ab dem kommenden Schuljahr auch smartphonefreie fünfte Klassen an – für Kinder, die privat noch kein Handy besitzen.
Schulleiterin Daniela Boßmeyer-Hoffmann erzählt im Gespräch mit unserer Redaktion von Inhalten auf den Smartphones ihrer Schüler, die so menschenverachtend, brutal und zutiefst rassistisch sind, dass wir sie hier nicht wiedergeben wollen.
Das Problem: Die Kinder würden sich oft nichts dabei denken und solche Bilder einfach weiterleiten. Sie haben sie ja selbst von irgendwoher weitergeleitet bekommen. Nur wenige Vorfälle landen im Büro der Schulleitung. „Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs“, fürchtet Boßmeyer-Hoffmann.
Manchmal gebe es Konflikte oder es komme vor, dass ein Schüler aus Versehen in eine Chatgruppe rutsche, in die er gar nicht hinein soll. Dann erfahren sie und ihr Kollegium von solchen Inhalten. Oder die Eltern schalten sich ein.
Schulsozialarbeiter Maximilian Asbrock gibt zu bedenken, dass eine gewisse Abstumpfung bei den Schülern eingesetzt habe. „Was wir schrecklich finden, nehmen die Kinder gar nicht so wahr.“
Es sei schwer zu sagen, wie verstörende, teils gewalttätige und schwerst pornografische Inhalte auf die Kinder und Jugendlichen wirken, denn es komme selten vor, dass sie sich an Lehrkräfte oder Sozialarbeiter wenden. Schulleiterin Daniela Boßmeyer-Hoffmann macht sich Sorgen: „Was wächst da für eine Generation heran?“
Und über all diesen Gefahren schwebt die sinkende Konzentrationsspanne der Schüler, die es gewohnt sind, diverse Plattformen parallel zu bedienen: Videos gucken, mit Freunden chatten, irgendeiner Infoseite folgen und selbst auch noch Inhalte posten – alles läuft gleichzeitig.
Der Ursulaschule geht es wie jeder Schule in Niedersachsen: Sie versucht für sich allein, irgendeinen Weg zu finden, ihre Schüler zu sensibilisieren, zu schützen und ihnen einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien beizubringen. Einzelne Lehrkräfte und die Schulsozialarbeiter beschäftigen sich verstärkt damit.
„Das Land gibt ab der siebten Klasse iPads in Schülerhände, aber mehr als einen Orientierungsrahmen gibt es nicht“, kritisiert Schulleiterin Boßmeyer-Hoffmann.
Das Internet und digitale Medien böten mit ihrer Wissensfülle und kreativen Anwendungsmöglichkeiten auch Chancen, sagt Lehrer und Medienberater André Hermes. Und nicht nur das: „Das ist deren Welt“, betont Beratungslehrerin Ellen Bodensieck, es sei Teil der Jugendkultur. „Man kann das nicht ausblenden.“
Wer nicht mitmacht in sozialen Netzwerken und sich dort selbst inszeniert, ist schnell ausgeschlossen. Eine Schülerin mit einer kritischen Einstellung dazu habe sich einmal an sie gewandt, berichtet Bodensieck, weil sie nicht wusste, was und wie sie auf Instagram posten sollte. Gemeinsam hätten sie sich herangetastet.
Die Ursulaschule hat das Glück, als Privatschule unter dem Dach der Schulstiftung des Bistums Osnabrück zumindest eine sogenannte „Klassenstunde“ pro Woche zu haben. Die Schüler können mit den Klassenlehrern darin eigene Themen besprechen. De facto nutzt die Schule die Stunden aber vor allem für Medienprävention.
André Hermes hat dafür ein medienpädagogisches Curriculum erarbeitet. Die Vielfalt der Themen lässt erahnen, welche Herausforderungen die Kinder meistern müssen:
„Keiner der Kollegen ist im Studium darauf vorbereitet worden“, gibt Hermes zu bedenken. Und Künstliche Intelligenz (KI) ist noch gar nicht in der Liste enthalten, obwohl sie längst Einzug gehalten hat in den Schulalltag.
Die Schüler würden von sich selbst sagen, dass sie sich der Gefahren im Netz sehr bewusst seien, berichtet Ellen Bodensieck. Aber sind sie das auch wirklich? „Das ist schwer zu überprüfen“, sagt sie. Immerhin sei ihr Eindruck, dass die meisten geschlossene Accounts hätten und private Inhalte nicht öffentlich posten.
Aber es sei schon vorgekommen, dass die Schüler mit Leih-iPads während der Schulstunden heimlich Fotos von Mitschülern und Lehrern gemacht hätten. Ihnen sei gar nicht klar gewesen, dass sie das nicht dürfen. Kein Wunder: Schließlich sei es Alltag, dass Menschen ihre Handys zum Fotografieren zücken, wenn sie etwas Lustiges sehen, sagt Boßmeyer-Hoffmann. „Das machen die Eltern ja auch“, ergänzt Ellen Bodensieck. Für die Eltern hat die Schule eine lange Linkliste erstellt. Bei Elternabenden sind digitale Medien regelmäßig Thema.
Am häufigsten seien das unreflektierte Weiterleiten von Bildern und Videos, sagt Daniela Boßmeyer-Hoffmann. Oder es gebe einen Klassenchat für die 5c und einen „Klassenchat 5c ohne Max und Linda“. „Die menschliche Verletzung ist nicht geringer, wenn etwas digital geschieht“, gibt die Schulleiterin zu bedenken.
Wie sieht es mit sogenannten „Deepfakes“ aus? Das sind mittels KI erstellte Foto- oder Videomontagen, die täuschend echt aussehen. Die psychologischen Folgen für Betroffene von erniedrigenden und pornografischen Montagen können massiv sein. Solche Fälle seien ihr an ihrer Schule bislang nicht bekannt geworden, sagt Daniela Boßmeyer-Hoffmann. „Aber ich bin hundertprozentig sicher, dass es passiert.“