Atemwegserkrankung  Infektionswelle überrollt Ostfriesland

| | 16.01.2026 07:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wer einen Erkältungsvirus oder gar die Grippe hat, der braucht vor allem Ruhe, sagen Hausärzte. Foto: Philip Dulian/dpa
Wer einen Erkältungsvirus oder gar die Grippe hat, der braucht vor allem Ruhe, sagen Hausärzte. Foto: Philip Dulian/dpa
Artikel teilen:

In diesem Jahr hauen Erkältungs- und Grippeviren besonders viele Menschen so richtig um. Warum das so ist, erklären ostfriesische Hausärzte und warnen vor „Super-Infektionen“.

Leer - Heftige Gliederschmerzen, totale Erschöpfung, starker Husten – derzeit hat es auch sehr viele Ostfriesen niedergestreckt. Fünf Millionen Personen pro Woche erkranken an neu aufgetretenen akuten Atemwegserkrankungen (ARE), berichtet das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem GrippeWeb-Wochenbericht – das entspricht 6000 ARE pro 100.000 Einwohnern. ARE steht für Akute Respiratorische Erkrankungen und bezeichnet unter anderem die typischen Erkältungsanzeichen wie Husten, Schnupfen und Fieber, aber auch Bronchitis, Halsentzündung und Lungenentzündung. Auch in Ostfriesland sind Praxen und Notaufnahmen derzeit voll mit Patienten, die unter ARE leiden. „Der Januar ist grundsätzlich ein Monat mit vielen Infektionserkrankungen. Dies spüren wir auch mit einer hohen Belegung im internistischen Bereich“, erklärt beispielsweise Stephan Rogosik, Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses Wittmund.

Zahl der Grippefälle steigt

Mehr als 40 Prozent aller erfassten ARE rund um den Jahreswechsel gehen laut RKI auf Influenzaviren zurück. Auch in Niedersachsen hat die Zahl der Grippe-Erkrankungen zu Beginn des Jahres deutlich zugenommen. In der zweiten Kalenderwoche wurden dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA) zufolge 1124 laborbestätigte Influenzafälle übermittelt. „Die Influenza-Welle ist in vollem Gange“, sagte NLGA-Präsident Fabian Feil.

Schon seit Wochen verzeichnet auch das RKI „einen deutlichen Anstieg“ von Influenza. Während Atemwegsinfektionen wie Schnupfen oder Covid-19 demnach über die Feiertage zurückgegangen sind, breitete sich die Grippe weiter aus.

Neue Virus-Variante auf dem Vormarsch

Verantwortlich dafür dürfte auch eine neue, besonders ansteckende Virus-Variante sein. Die neue Influenza-Subvariante K macht den Gesundheitsbehörden Sorgen. Sie gehört zur auch „Super-Grippe“ genannten H3N2-Gruppe. Erste Studien zeigen, dass der neue Subtyp ansteckender ist als andere Influenza-Virusstämme. Forscher rechnen daher mit einer um rund 20 Prozent erhöhten Fallzahl gegenüber einer durchschnittlichen Grippewelle.

Für eine Grippeschutzimpfung ist es noch nicht zu spät. Foto: Fabian Sommer/dpa
Für eine Grippeschutzimpfung ist es noch nicht zu spät. Foto: Fabian Sommer/dpa

Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Subklade K gefährlicher ist als andere Grippe-Virenstämme. Dennoch kann es, wie bei allen echten Grippeinfektionen, auch zu schweren Verläufen kommen. Die Symptome der neuen Variante gleichen jenen der bisherigen Grippe: hohes Fieber, starker Husten und Muskelschmerzen.

Ärzte warnen vor „Super-Infektionen“ und Komplikationen

Deshalb ist Hausarzt Sandro Cotterli aus Detern auch wenig überrascht, von den steigenden Zahlen. „Wir wussten ja, dass das so kommt. Das haben im Sommer ja schon die Infektionszahlen in Australien gezeigt“, sagt er. Es sei klar gewesen, dass Europa eine heftige Grippesaison drohte und zudem seien auch noch Adenoviren unterwegs. In Großbritannien häufen sich derzeit Medienberichte über eine entsprechende Krankheitswelle.

Doch egal, ob Grippe- oder Andenovirus: „Das Virus haut die Leute um. Die sind dann einfach platt und liegen bestimmt fünf bis sieben Tage im Bett. Der Körper braucht dann einfach Ruhe und viel Flüssigkeit“, sagt Cotterli. Adenoviren können ähnliche Symptome wie eine Grippe auslösen aber auch fieberhafte Rachenentzündungen mit geschwollenen Lymphknoten, die sogar in eine Lungenentzündung übergehen können.

Grippe-Welle

Das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) untersucht regelmäßig zufällig ausgewählte Proben von Patienten mit Erkältungskrankheiten. Dazu testet das Labor des Landesgesundheitsamts Rachenabstriche von zufällig ausgewählten Patienten mit Atemwegserkrankungen.

In der zweiten Kalenderwoche sind der Behörde zufolge bei 36 Prozent dieser Proben Influenzaviren nachgewiesen worden. Von einer Influenza-Welle spricht man, wenn mehr als 20 Prozent dieser Proben positiv sind.

Zur Bewertung der Erkältungssaison werden aber auch Daten wie Krankenstände in Kindertagesstätten, Meldedaten nach dem Infektionsschutzgesetz sowie Daten der AOK-Niedersachsen zu Krankmeldungen genutzt.

Hinzu kommen seit Jahresbeginn auch noch sogenannte „Super-Infektionen“ – eine zusätzliche Infektion, die während einer bereits bestehenden (oft viralen) Infektion auftritt, weil das Immunsystem geschwächt ist. Typischerweise folgt ein bakterieller Infekt, etwa eine eitrige Bronchitis oder eine Lungenentzündung auf einen viralen Infekt.

Viele Patienten benötigen Antibiotika nach bakteriellen Infektionen

„Mir ist aufgefallen, dass viele Patienten schon vor oder über Weihnachten krank waren, sich aber wohl gesagt haben: Über Weihnachten gehe ich nicht zum Arzt. Dann hat sich in der Zwischenzeit eine bakterielle Infektion auf den viralen Infekt draufgesetzt, etwa eine Vereiterung der Nasennebenhöhlen“, erklärt der Leeraner Hausarzt Dr. Tim Seybold. „Deshalb brauchen im Moment relativ viele Patienten ein Antibiotikum und sind deutlich schwerer und länger krank.“

Ruhe, ausreichend Flüssigkeit und fiebersenkende Mittel unterstützen die Genesung während einer Grippe. Foto: Bernd Weißbrod/dpa/dpa-tmn
Ruhe, ausreichend Flüssigkeit und fiebersenkende Mittel unterstützen die Genesung während einer Grippe. Foto: Bernd Weißbrod/dpa/dpa-tmn

Tipps zur Vorbeugung und aktuelle Impfempfehlungen

Wie er selbst fit bleibt, wenn täglich Viren und Bakterien durch seine Praxis schwirren? „Nicht rauchen, wenig Alkohol, ausreichend Sport, gesunde Ernährung, viel an die frische Luft gehen“, sagt Seybold. Ansonsten: „Maske aufsetzen und die Hände oft waschen oder desinfizieren.“

Im Übrigen sei es auch noch nicht zu spät, sich jetzt noch schnell gegen Grippe impfen zu lassen, betont Seybold. Dazu rät auch Michael Beier, Chef des Hausärzteverbandes: „Der Winter ist noch lang, und wir rechnen noch einmal mit einem deutlichen Anstieg der Infekte in den kommenden Wochen“, erklärte er gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Und auch Seybold prophezeit: „Die Infektwelle wird noch eine Weile weiterlaufen.“

Die Apotheken sind aber derzeit mit Antibiotika und Erkältungsmitteln relativ gut ausgestattet. „Toi, toi, toi, sag ich jetzt mal schnell“, erklärt Berend Groeneveld, Vorstandsvorsitzender des Landesapothekerverbands (LAV) Niedersachsen und Inhaber der Rats-Apotheke in Norden. Es gebe zwar einige Engstellen, aber alles in allem sei die Versorgungssituation gut. „Grippemedikamente sind ausreichend vorhanden, Husten- und Fiebersäfte für Kinder auch.“ Auch der Impfstoff für die Grippeschutzimpfung stehe noch ausreichend zur Verfügung.

Ähnliche Artikel