Campemoor  „Schießen, melden, schweigen“: Geplantes Jagdgesetz für Wölfe schockiert Naturschützer

Matthias Niehues
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Von Matthias Niehues
| 13.01.2026 17:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rund acht Monate jung ist dieser Wolf. Weil sich Wölfe dieses Alters kaum noch von erwachsenen unterscheiden lassen, will die Jägerschaft zur Bestandsregulierung auch Welpen schießen. Foto: M. Niehues
Rund acht Monate jung ist dieser Wolf. Weil sich Wölfe dieses Alters kaum noch von erwachsenen unterscheiden lassen, will die Jägerschaft zur Bestandsregulierung auch Welpen schießen. Foto: M. Niehues
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Die Regierung möchte die Jagd auf Wölfe erleichtern; bis zu 40 Prozent aller Welpen könnten zukünftig geschossen werden. Wolfsberater und Naturschützer sind entsetzt, es drohe eine „sinnlose Bejagung“. Jäger halten dagegen.

Die Aufregung ist groß. Mehrere Wölfe laufen über ein Feld in Campemoor südlich von Damme. Es handelt sich offensichtlich um die rund acht Monate jungen Tiere des Dammer Rudels. Sie interessieren sich für die großen Hunde eines Züchters, die auf einem sicher eingezäunten Grundstück gehalten werden.

Die Sequenz wird auf Video aufgenommen und bei Facebook in der Gruppe „Land oder Wolf“ geteilt, wo Menschen zur Tötung der Tiere aufrufen. „Schießen, schaufeln, schweigen“ sei jetzt gefragt, heißt es unter anderem dort.

Die sogenannten „Drei S“ werden immer häufiger ungeniert genannt, wenn es um die illegale Tötung des aktuell noch streng geschützten Wolfes geht. Nach der Zurückstufung der Tierart durch die Europäische Kommission auf nur noch „geschützt“ befasst sich seit Dezember das Bundeskabinett mit der Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht.

Die Tiere sollen gemäß des Gesetzentwurfs künftig trotz des Schutzstatus auf zweierlei Weise gejagt werden dürfen. Helmut Dammann-Tamke, Präsident des Deutschen Jagdverbandes, hat sich jetzt in einem Podcast der Deutschen Jagdzeitung für ein „Schießen, melden, schweigen“ ausgesprochen.

Dort erläutert er, wie er sich die Jagd vorstellt. Denn sollte das Gesetz ohne große Änderungen durchkommen, sollen künftig ganzjährig nicht nur Wölfe geschossen werden können, die durch ihr problematisches Verhalten bei geschützten Nutztieren oder gegenüber Menschen auffallen, sondern auch Bestände reguliert werden.

Konkret sollen Welpen von Juli bis Ende Oktober getötet werden können. Es soll nicht „blindlings in Rudelstrukturen“ eingegriffen werden, um die Sozialverbände der Wölfe zu zerstören, erklärt der oberste Jäger. „Wir wollen den Wolf wieder zu dem machen, was der Wolf ist: ein scheues Wildtier“, sagt er dazu.

Ziel sei es, gemäß Managementplänen jährlich 40 Prozent der „Jugendklasse zu entnehmen“. Gemeint ist damit das Töten der Welpen. Und das soll seiner Meinung nach „weniger regional differenziert“ erfolgen. Sobald die Quote erreicht sei, werde die Jagd gestoppt.

Im ersten Gesetzentwurf war der Zeitraum für die Bestandsregulierung noch von Herbst bis Ende Februar vorgesehen. Dagegen hatte sich Dammann-Tamke erfolgreich ausgesprochen. Den Grund nennt er im Podcast auch: „Wölfe lassen sich ab September kaum noch von adulten unterscheiden.“

Dammann-Tamke spricht sich auch dafür aus, dass auffällige Wölfe, wie eine aktuelle Gruppe von Wölfen in Cuxhaven, „gleich mitgeschossen werden“ dürfen. Was er nicht sagt: Die Wölfe in Cuxhaven wurden erst problematisch, nachdem die Elterntiere illegal getötet worden waren. Und illegale Tötungen von Wölfen nehmen bundesweit zu.

In den nächsten Jahren, sagt er, wolle die Jägerschaft beweisen, dass diese die Population regulieren könne, ohne den Bestand zu gefährden. Er ruft in dem Podcast alle Jäger auf, sich an dem Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft aktiv zu beteiligen, um die Bestände genau zu erfassen. Jeder im Rahmen des Managementplans geschossene Wolf müsse sofort gemeldet werden.

Zugleich spricht er sich für ein anonymes Meldeverfahren aus. Die Begründung liefert er gleich mit: Unter Wolfsbefürwortern sei die Gewaltbereitschaft angeblich groß. Deshalb dürfe der Name des Schützen nicht bekannt werden. Es gilt „SMS – schießen, melden, schweigen“.

„Dass der Wolf zukünftig in die Hand der Jäger gelegt wird, ist eine große Herausforderung und Verantwortung“, sagt Dammann-Tamke und hofft, dass im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens der Entwurf ohne Änderungen durchkommt.

Verschiedene Wolfsberater und Interessengruppen halten jetzt dagegen. Ulrich Heitmann aus Dinklage, Wolfsberater, Jäger und Vorsitzender der Naturschutzorganisation Pro Natura, sagt: „Keiner der ehrenamtlich tätigen Wolfsberater ist hier mit ins Boot genommen worden.“ Er kritisiert vor allem, dass das Bestandsmanagement künftig allein der Jägerschaft überlassen werde.

Niemand könne so die Einhaltung von 40 Prozent kontrollieren. „Dann heißt es nachher, einer sei geschossen worden, und tatsächlich bleiben fünf liegen.“ Das Gesetz hält er so „für sehr unglücklich“. „Dem Missbrauch wird hier Tür und Tor geöffnet“, warnt Heitmann. Es müsse dringend nachgebessert werden.

Dieses Problem sieht auch Kenny Kenner aus der Göhrde, ein Wolfsberater der ersten Stunde in Niedersachsen, und nennt als Beispiel die Situation zweier rivalisierender Rudel vor seiner Haustür, die er genau beobachtet. „Beide hatten sieben Welpen. Von dem einen leben noch drei, von dem anderen vier“, sagt er. „Was wollen die da noch schießen?“ Der Wolfsbestand in Deutschland sei ohnehin erstmals rückläufig, erklärt er.

Der nach Brüssel gemeldete günstige Erhaltungszustand sei nicht zu belegen. Wer dem Gesetz zustimme, entscheide sich gegen Fakten und Wissenschaft. Gemeinsam mit weiteren Wolfsberatern und Experten hat er jetzt einen offenen Brief an alle Bundestagsabgeordneten verfasst, um die „sinnlose Bejagung von Deutschlands Wölfen“ zu verhindern.

Sie kritisieren darin insbesondere, dass das Gesetzgebungsverfahren mit der Jagd ihrer Ansicht nach unter politischem Druck „schnell durchgepeitscht“ werden soll, ohne dass wissenschaftliche Argumente dagegen Berücksichtigung finden. Artenschutz muss Vorrang haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „OM Online“.

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