Krankenhäuser Kliniken klagen über Gewalt in den Notaufnahmen
Krankenhäuser in Ostfriesland melden mehr Angriffe durch Patienten auf das Personal. Die Kliniken reagieren mit neuen Schutzmaßnahmen und Präventionskonzepten.
Leer - An den Krankenhäusern in Ostfriesland kommt es immer häufiger zu körperlichen und verbalen Übergriffen auf die Mitarbeiter. Vor allem das Personal in den Notaufnahmen ist betroffen. „Die Entwicklung ist besorgniserregend und stellt eine zusätzliche Belastung für unsere Mitarbeitenden dar“, sagt auch Annika Weigelt, Pressesprecherin der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden. „Ein Zuwachs der Vorfälle ist erkennbar. Die genaue Häufigkeit lässt sich derzeit nur schwer beziffern, da bislang keine systematische Erfassung erfolgt“, erklärt Stephan Rogosik, Geschäftsführer im Kreiskrankenhaus Wittmund. Mit Panikknöpfen, Videoüberwachung und Deeskalationstraining versuchen die Häuser, ihr Personal vor übergriffigen und gewaltbereiten Patienten zu schützen.
Patienten sind zunehmend aggressiver
„In den vergangenen Jahren ist eine Zunahme verbaler Aggressionen wie Beleidigungen und Beschimpfungen zu verzeichnen. Eine unterschwellig aggressive Tonart ist vermehrt präsent.“ Bei körperlichen Übergriffen „werden entsprechende Vorfälle konsequent zur Anzeige gebracht“, sagt Rogosik. In den Häusern der Trägergesellschaft spielt sich das gleiche ab: „Auch bei uns ist in den vergangenen Jahren eine Zunahme verbaler und – wenngleich zum Glück seltener – körperlicher Übergriffe gegenüber Mitarbeitenden zu beobachten, jedoch bei einer insgesamt niedrigen Zahl an Vorfällen. Einher geht auch eine Zunahme der Schwere der Übergriffe. Besonders Beschäftigte im Pflegebereich, in Notaufnahmen sowie im Bereitschafts- und Nachtdienst sind davon betroffen“, teilt Weigelt mit.
Übergriffe in Krankenhäusern
Einer Umfrage der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG) zufolge haben 72 Prozent der befragten Kliniken angegeben, verbale und körperliche Übergriffe hätten in den letzten fünf Jahren zugenommen. Von einem Rückgang berichtete kein befragtes Krankenhaus. An der Umfrage nahmen laut NKG im vergangenen August und September 130 der 161 in Niedersachsen zugelassenen Krankenhäuser teil. Bundesweit gab es laut Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) „in 91 Prozent der Krankenhäuser bereits Übergriffe in den Notaufnahmen, weit überwiegend ist der Pflegedienst betroffen“, erklärt DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß im Deutschen Ärzteblatt. Hinzu komme, dass wahrscheinlich viele minderschwere Fälle, vor allem verbale Gewalt, gar nicht angezeigt würden. Vergangene Woche berichtete der WDR über Pläne im Klinikum Dortmund, das Personal in den Notaufnahmen testweise mit Bodycams auszurüsten. Ähnlich wie bei Polizei und Ordnungsbehörden verspreche man sich davon eine vorbeugende und deeskalierende Wirkung in Konfliktsituationen, hieß es.
Meisten Fälle passieren in den Notaufnahmen
Im Leeraner Borromäus-Hospital sind es ebenfalls vor allem die Mitarbeitenden in der Notaufnahme, die „immer häufiger mit Patienten konfrontiert sind, die sich aggressiv oder aufbrausend verhalten“. Laut Pressesprecher Hauke Mucha gebe es „zumeist verbale Entgleisungen, Drohungen und forderndes Verhalten“. „Dass Patienten gewalttätig werden, geschieht glücklicherweise nur in Einzelfällen und geht meist von Patienten aus, die unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen.“ Eine Strafanzeige wegen Körperverletzung habe das Borro noch nicht stellen müssen. „Es kam allerdings schon zu Anzeigen wegen Sachbeschädigung. Solche Vorfälle ereignen sich für gewöhnlich in der Notaufnahme“, so Mucha.
Im Klinikum Leer ist das Verhalten der Patienten auch nicht besser. „Insbesondere die Beschäftigten im Bereich der Zentralen Patienten- und Notaufnahme und im Pflegebereich sind von solchen Übergriffen betroffen“, teilt Pressesprecherin Lisa Menken mit. „Wir bieten für alle Beschäftigten Deeskalationstrainings und Schulungen im Erkennen von Frühwarnsignalen an. Zudem haben wir einen Sicherheitsdienst, der bei Bedarf hinzugerufen werden kann. Für die Zentrale Patienten- und Notaufnahme wurde zudem ein System mit Alarmpiepern eingerichtet.“
Kliniken setzen auf Technik und Training zum Schutz der Mitarbeitenden
Auch in der Ammerland-Klinik im angrenzenden Westerstede hat „die Anzahl der verbalen Übergriffe in den letzten Jahren zugenommen; körperliche Gewalt ist bislang sehr selten“. „Trotzdem bauen wir den Schutz weiter aus: Mitarbeitende können über einen Notfallknopf sofort Hilfe anfordern, bestimmte Bereiche sind nur per Schlüsselkarte zugänglich und bieten Rückzugsmöglichkeiten. Zudem stehen wir in engem Austausch mit Leitstelle und Polizei, sodass Unterstützung bei Gefahr schnell vor Ort ist“, erklärt Pressesprecherin Sabine Grüning.
In den Notaufnahmen der Trägergesellschaft wurden „neben der Ausweitung bereits bestehender Trainingseinheiten, zum Beispiel in Deeskalation und Kommunikation, insbesondere in der Notaufnahme technische Maßnahmen ergriffen – zum Beispiel die Erweiterung der Videoüberwachung“, erklärt Weigelt. Zudem bestehe bereits seit Jahren eine gute Zusammenarbeit mit den zuständigen Polizeidirektionen. Diese sei auch „weiter intensiviert worden“.
Im Kreiskrankenhaus Wittmund sind „Panikknöpfe an einigen Punkten des Hauses mit Weiterleitung an die Polizei installiert“ worden, so Rogosik. Zudem absolviert das Personal ein Deeskalationstraining.
Hilfsangebote für betroffenes Personal
Das gilt auch für die Mitarbeitenden im Leeraner Borro. „Außerdem gibt es bereits seit mehreren Jahren ein hausinternes Gewaltpräventionskonzept. Wir arbeiten des Weiteren mit einem Sicherheitsdienst zusammen, der die Mitarbeitenden in der Notaufnahme unterstützen kann. In Fällen, in denen Patienten gewalttätig werden, ziehen wir die Polizei hinzu. Wenn Besucher des Hauses unsere Mitarbeitenden bedrohen oder beleidigen, behalten wir uns vor, ein Hausverbot auszusprechen“, betont Mucha. „Für Mitarbeitende, die belastende Situationen erlebt haben – dies muss nicht zwingend ein gewalttätiger Übergriff sein –, halten wir mehrere Hilfsangebote vor: So gibt es hausintern das Team der Seelsorge sowie die Möglichkeit, über die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege psychotherapeutische Unterstützung zu erhalten.“