Osnabrück DRK-Verbände in Insolvenz: Hat das Rote Kreuz ein Strukturproblem?
Mehrere Orts- und Kreisverbände des Deutschen Roten Kreuzes sind in den vergangenen Jahren in Finanznöte geraten, bis hin zur Pleite – oft durch äußere Umstände oder das Verschulden Einzelner. Ein Überblick über ausgewählte Fälle.
Erneut gerät ein Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Schwierigkeiten: Der DRK-Verband Osnabrück-Stadt beantragte kurz vor Weihnachten Insolvenz und stellte Strafanzeige gegen seinen mittlerweile entlassenen Geschäftsführer. Die Vorwürfe: Verstoß gegen Melde-, Beitrags- und Aufzeichnungspflichten. Sicherlich ein außergewöhnlicher Vorgang – aber auch nicht der einzige Fall, in dem ein DRK-Verband oder eine Einrichtung auf lokaler Ebene wegen finanzieller Schieflage für Schlagzeilen sorgte. Ein Rückblick auf die aufsehenerregendsten Fälle der vergangenen Jahre:
2025 – Kreisverband Braunschweig/Salzgitter (Niedersachsen): Im Juni rutschte der Kreisverband Braunschweig/Salzgitter mit insgesamt 450 Mitarbeitern in die Insolvenz. Nach Angaben des DRK haben – neben den allgemeinen Kostensteigerungen – Verzögerungen beim Verkauf einer vereinseigenen Immobilie zur Zahlungsunfähigkeit geführt. Der Kreisverband arbeitet vorerst weiter, zwei Einrichtungen mussten seither aber geschlossen werden.
2024 – Kreisverband Hagen (NRW): Im November 2024 beantragte der Kreisverband Hagen (NRW) Insolvenz in Eigenverwaltung. Als Gründe nannte das DRK hohe Kosten für Personal sowie Kostensteigerungen durch die Inflation. Im Rahmen des Insolvenzverfahrens wurden bereits einige Sanierungsmaßnahmen umgesetzt, unter anderem die Schließung einer Tagespflege und die teilweise Integration in eine andere Einrichtung.
2023 – Kreisverband Biedenkopf (Hessen): Da das DRK-Krankenhaus im hessischen Biedenkopf massive Verluste schrieb, geriet der Kreisverband Ende 2023 in die Krise und meldete Insolvenz an. Der Landkreis, der den Weiterbetrieb bereits zeitweise mit Finanzspritzen in Millionenhöhe gewährleistet hatte, hat das Krankenhaus zum Jahreswechsel übernommen. Bei anderen DRK-Einrichtungen vor Ort ist die Zukunft noch unklar.
2023 – DRK-Kliniken Berlin: Im November 2023 verschaffte sich ein verschuldeter 31-jähriger IT-Mitarbeiter der Berliner DRK-Kliniken Zugang zu den Accounts zweier DRK-Kassenwarte und überwies an sich selbst 1,6 Millionen Euro, mit denen er seine Schulden beglich. Der ITler wurde 2024 zu drei Jahren Haft verurteilt, das Geld ist allerdings weg.
2022 – Kreisverband Goslar (Niedersachsen): Nachdem kurz zuvor eine Pflege-Tochter pleitegegangen war, meldete im September 2022 der Kreisverband Goslar Insolvenz an. Der Fall sorgte für Aufsehen, da 300.000 Euro an Ukraine-Spenden mit in die Insolvenzmasse flossen – und eben nicht in die Ukraine. Der Nachbarverband Osterode übernahm anschließend den Goslarer Verband.
2021 – Kreisverband Hamm (NRW): Rund 170.000 Euro hat sich ein Verwaltungsbeamter der Stadt Hamm zwischen 2011 und 2016 in bar vom örtlichen DRK-Verband auszahlen lassen. Eigentlich war das Geld für Integrationszwecke gedacht, doch wo es am Ende landete, ist bis heute unklar. Im November 2024 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Beamten vor dem Amtsgericht Hamm. Die Zeit für das Verfahren drängt: Mitte 2026 werden alle Fälle verjährt sein.
2019 – Ortsverband Münchehof/Seesen (Niedersachsen): In 527 Fällen hat die ehemalige Leiterin einer DRK-Kita in Seesen Mittel des Deutschen Roten Kreuzes veruntreut. Zwischen 2014 und 2019 hat die Ex-Politikerin unter anderem Geld des Kindergartens für private Zwecke ausgegeben. Dem DRK Münchehof entstand dadurch ein Schaden von rund 370.000 Euro. Das Landgericht Braunschweig verurteilte die Frau 2021 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten.
2016 – Kreisverband Oldenburg-Land (Niedersachsen): Wie 2016 öffentlich wurde, gab es über mehrere Jahre fehlerhafte Abrechnungen für die Leistungen des Rettungsdienstes, für den das DRK vom Landkreis mit rund zwei Millionen Euro jährlich entlohnt worden war. DRK-intern hieß es, es sei zu einem Schaden von bis zu 500.000 Euro für den Landkreis Oldenburg gekommen. Es gab mehrere Rücktritte, der Kreis kündigte den Vertrag mit dem DRK.
Hinzu kommen immer wieder finanzielle Probleme in Kliniken und Pflegeeinrichtungen des DRK – was allerdings kein exklusives Phänomen beim Roten Kreuz ist, sondern vielmehr mit den grundsätzlichen Schwierigkeiten im Gesundheitssystem zu tun hat. So mahnte ganz aktuell Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, im Gespräch mit unserer Redaktion an: „Ohne echte Reform werden Krankenhäuser weiter reihenweise in die Insolvenz stürzen. Das Dramatische dabei ist, dass es nicht nur verzichtbare Kleinkrankenhäuser trifft, sondern teils wichtige Versorger-Kliniken, die gute Arbeit leisten und die wir brauchen.“
Für das Rote Kreuz als sogenannter freigemeinnütziger Träger kommt erschwerend hinzu, dass es nicht gewinnorientiert arbeiten darf und daher auch kaum Rücklagen für akute finanzielle Notlagen aufbauen kann.
Nach Angaben des DRK-Bundesverbands sind in den vergangenen vier Jahren insgesamt zehn Kreisverbände in ein Insolvenzverfahren gegangen, es seien mithin zwei Prozent der bundesweit 450 Kreisverbände betroffen. Gleichwohl stünden durchaus „weitere DRK-Gliederungen vor finanziellen Herausforderungen“, wie Generalsekretär Christian Reuter auf Anfrage unserer Redaktion erklärt. Unter anderem durch „Kostensteigerungen, teils rückläufige staatliche Förderungen oder fehlende bzw. unzureichende Refinanzierungen“ seien „die finanziellen Rahmenbedingungen in einer ganzen Reihe von Arbeitsfeldern wie zum Beispiel bei den Krankenhäusern immer schwieriger geworden“. Es müsse „aber immer jeder Einzelfall und die konkrete Lage vor Ort betrachtet werden“, sagt Reuter.
Bei der Betrachtung der Einzelfälle sieht man aber immer wieder auch individuelles Fehlverhalten und mangelnde Kontrollinstanzen. Bereits 2004 identifizierte Dominik Enste vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in seinem Forschungsbericht „Die Wohlfahrtsverbände in Deutschland“ strukturelle Schwachstellen in gemeinnützigen Organisationen wie dem DRK.
So hat der Bundesverband aufgrund der föderalen Struktur des DRK und der rechtlichen Selbstständigkeit der Kreis- und Ortsverbände kaum organisatorischen Einfluss auf die Arbeit vor Ort, auch ein Durchgriffsrecht der „höheren“ Instanzen gegenüber der lokalen Geschäftsführung gibt es nicht.
Dazu obliegt die Aufsicht der hauptamtlichen Arbeit vor Ort beim DRK einem ehrenamtlichen Präsidium, Laien müssen also die Arbeit der Profis überwachen. Wirtschaftsprofessor Enste empfiehlt deshalb eine „Professionalisierung“ der Kontrolle, mindestens durch „qualifizierte Berater sowie durch die Einrichtung eines hauptamtlichen Vorsitzenden“.
Der Ökonom sieht in seiner nach wie vor aktuellen Studie zudem die Gefahr, dass die hauptamtliche Geschäftsführung das ehrenamtliche Aufsichtsgremium dominiert. Überhaupt müssen Geschäftsführung und Aufsicht auf lokaler Ebene häufig sehr eng zusammenarbeiten, nicht selten gibt es persönliche Verbindungen. Das führt laut Enste dazu, dass „eine unabhängige Mandatsausübung häufig schwierig ist“.
Der niedersächsische DRK-Landesverband hat nach eigenen Angaben vor Jahren ein Frühwarnsystem installiert, um mögliche finanzielle Risiken seiner Mitgliedsverbände rechtzeitig erkennen und gegebenenfalls Hilfe beim Gegensteuern leisten zu können. Dazu sei aber die Zulieferung der Daten aus den Mitgliedsverbänden nötig, teilt der Verband mit.
DRK-Generalsekretär Reuter sagt: Angesichts der Größe der Organisation ließen sich „bedauerliche Ausnahmen“, in denen Gelder etwa verbrannt oder veruntreut worden sind, „leider nicht komplett vermeiden“. Diese Fälle seien „für uns aber stets Anlass, die bestehenden umfassenden Kontroll- und Unterstützungsstrukturen auf allen Verbandsebenen zu überprüfen und weiter zu verbessern“.