Osnabrück  Osnabrückerin in den USA: Wie der Sport ihr Leben veränderte und den Sohn zum VfL brachte

Moritz Büscher
|
Von Moritz Büscher
| 09.01.2026 14:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kommt jedes Jahr um Weihnachten herum zurück nach Osnabrück – und hin und wieder in den Fechtkeller des OSC: Inga Cho. Foto: Philipp Hülsmann
Kommt jedes Jahr um Weihnachten herum zurück nach Osnabrück – und hin und wieder in den Fechtkeller des OSC: Inga Cho. Foto: Philipp Hülsmann
Artikel teilen:

In Osnabrück aufgewachsen und den Fechtsport entdeckt, in Detroit erwachsen geworden und den sportlichen Karrierehöhepunkt erreicht: Für Inga Cho ging es während ihres Studiums von Deutschland in die USA. Eine Reise zwischen zwei Ländern und ihrer Familie, die den VfL und die Stadt lieben lernte.

Zwei unterschiedliche Kulturen, eine gemeinsame Leidenschaft: Inga Cho (gebürtige Wallrabenstein) weiß ganz genau, welche verbindende Kraft der Sport hat und wie Menschen dadurch zusammenfinden können – trotz Sprachbarrieren und vieler Stunden im Flugzeug. Zwischen ihrem Wohnort Farmington Hill, im Mittleren Westen der USA (bei Detroit, Michigan), und ihrem Geburtsort Osnabrück liegt der Atlantische Ozean – und damit über 7000 Kilometer.

Nur 17 Stufen trennen die 47-Jährige an einem Dienstagnachmittag Anfang Januar hingegen von einem Ort, der mitunter als Ausgangspunkt für die immer wieder stattfindende Reise zwischen Deutschland und den USA bezeichnet werden kann: der Fechtkeller im Vereinsheim des Osnabrücker Sportclubs (OSC). „Das sah früher noch genauso aus, hier bin ich wieder zu Hause“, sagt die Florett-Fechterin, die 1988 erstmals auf der Planche stand und jedes Jahr um Weihnachten mit ihrer vierköpfigen Familie bei ihren Eltern sowie ehemaligen OSC-Kollegen vorbeischaut.

Ein traditioneller Besuch, der seit Anfang des Jahrtausends jährlich stattfindet und eng mit dem Fechtsport verbunden ist. 2001 ging Cho, die in Osnabrück den internationalen Studiengang „Cognitive Science“ absolvierte, für ein Auslandssemester in die USA. Zuvor hatten bereits zwei OSC-Teamkollegen diesen Schritt gewagt. „Mein Trainer hat den Kontakt in die USA vermittelt. So konnte ich mit einem Stipendium dort fechten. Ich wollte nur drei Monate bleiben, dann sind es drei Jahre geworden“, erklärt sie.

Nachdem die Sportlerin ihren Bachelor beendet hatte, lernte sie kurz vor Beginn des BWL-Masterstudiums ihren Mann kennen. „Als ich mich entschlossen habe, dort wohnen zu bleiben, war ich schon fünf Jahre da – das war dann nicht mehr so schwierig“, betont Cho. Mit dem abgeschlossenen Studium in der Tasche arbeitet sie nun schon seit knapp 20 Jahren in der Controlling-Abteilung von Thyssenkrupp im Mittleren Westen des Landes. Fast genauso lange ficht die zweifache Mutter, die im Jugendalter zu den besten zehn Fechterinnen in Deutschland gehörte, zusammen mit ihrem koreanischen Mann im „Renaissance Fencing Club“ bei Detroit.

„Nach der Juniorenzeit war für mich etwas die Luft raus. Der Sprung zu den Erwachsenen war in Niedersachsen zu klein. Um in Deutschland gut zu sein, war er zu groß. Ich befand mich dazwischen, deswegen war der Sprung in die USA gut“, erklärt die gebürtige Osnabrückerin. Ein Sprung über den Atlantik, der ihr nicht nur vier US-Meisterschaften einbrachte, sondern sie im vergangenen November auch bis zur Weltmeisterschaft der Veteranen in Bahrain führte. Am Persischen Golf vertrat Cho als eine von vier Amerikanerinnen erstmals die Vereinigten Staaten, in denen der Fechtsport wahnsinnig im Kommen sei.

Das US-Team gewann im knappen Kampf um den dritten Platz gegen Ungarn mit 45:42 und holte sich die WM-Bronzemedaille. „Man muss das Verlieren schlimmer finden, als man das Gewinnen schön findet, um erfolgreich zu sein“, betont Cho, die per Livestream aus Detroit von ihrer 18 Jahre alten Tochter Annika und aus Osnabrück von ihrem 15-jährigen Sohn Markus unterstützt wurde.

Gemeinsam mit Letztgenanntem, der ihr für die WM einen Trainingsplan erstellt hatte, schaute Cho Anfang Januar ihrem Neffen Max zu, der wie sie beim OSC mit dem Fechten angefangen ist. Eine Sportart, mit der ihre beiden Kinder nur kurz in Berührung gekommen sind. „Ich habe ein halbes Jahr gefochten: Meine Schwester war nur zweimal beim Training, weil sie meinte, dass man dort zu viel schwitzt“, erklärt Markus. Eine Abkühlung und ihre Leidenschaft fanden die Geschwister schließlich im Schwimmsport.

Im Alter von vier Jahren fing der 15-Jährige mit dem Schwimmen an. In seiner Vita stand bislang der zweite Platz bei den amerikanischen Landesmeisterschaften ganz oben. Während seine Mutter bereits in beiden Ländern Auszeichnungen sammeln konnte, machte er es ihr nun nach. Beim halbjährigen Auslandssemester im Osnabrücker Gymnasium in der Wüste, das in diesem Januar geendet hat, kamen noch zwei Erfolge in Deutschland hinzu: der zweifache Gewinn des Landesmeistertitels und der zweite Rang beim Norddeutschen Jugendländervergleich – und das unter der lila-weißen Badekappe des VfL Osnabrück.

„Es war ein komisches Gefühl, weil sich viele fragten, wer ich bin“, sagt Markus. Seine drei Jahre ältere Schwester durfte bei ihrem Austausch vor drei Jahren bereits in der VfL-Schwimmabteilung von Janina Braun starten. Unter der VfL-Flagge schwamm nun der jüngere Bruder, der in dem halben Jahr bei den Großeltern in Osnabrück untergekommen war. „Markus kam hier an und war plötzlich in der Niedersachsenauswahl. Da er die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, benötigten wir keine Organisation, über die wir den Austausch machen – das hat super funktioniert“, erklärt Inga Cho.

Der Tapetenwechsel habe ihr und ihrem Sohn die Besonderheiten beider Länder nochmal nähergebracht. „In den USA ist der Sport viel größer: Jede Schule hat ein Schwimmbad, eine eigene Sporthalle und -plätze. Die Kinder in einem Sportteam sind von 6 bis 18 Uhr in der Schule, das ist normal“, erklärt Markus, der sich eher in Detroit mit seinen grünen Wäldern und Parks zu Hause fühlt. Jedoch habe er in Osnabrück mehr Freizeit genossen und den Döner lieben gelernt.

„Es fällt einem immer erst auf, wie schön Osnabrück ist, wenn man weg ist. Ich sehe meine Heimat immer noch hier, aber ich fliege in beide Richtungen immer nach Hause – das ist sehr schön“, betont Inga Cho, die zwischen ihrem Wohnort Farmington Hill und ihrem Geburtsort Osnabrück noch eine Feststellung machte. „Man kommt in Osnabrück viel einfacher von A nach B: Bei uns gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Außer meinen Kindern fährt dort kaum ein anderer Fahrrad, sodass sogar die Polizisten in unserem Dorf unsere Kinder mittlerweile kennen.“

Ähnliche Artikel