Osnabrück  Diese Persönlichkeiten haben die Region Osnabrück im Jahr 2025 geprägt

Jean-Charles Fays
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Von Jean-Charles Fays
| 10.01.2026 15:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die ehemalige Lehrerin einer Grundschule in Gehrde, Elisabeth Middelschulte, erklärte die wachsende Nähe zur AfD in freikirchlichen Milieus unter Russlanddeutschen. Michael Grünberg von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück warnte 80 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vorm Aufstieg der AfD. Foto: Ernesto Moses Wiebrock/André Havergo
Die ehemalige Lehrerin einer Grundschule in Gehrde, Elisabeth Middelschulte, erklärte die wachsende Nähe zur AfD in freikirchlichen Milieus unter Russlanddeutschen. Michael Grünberg von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück warnte 80 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vorm Aufstieg der AfD. Foto: Ernesto Moses Wiebrock/André Havergo
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Ob Schule, Kirche, Verkehr oder Demokratie: Diese Menschen haben 2025 Debatten ausgelöst, Entscheidungen beeinflusst und Haltungen sichtbar gemacht – und damit die Region Osnabrück verändert.

Wichtige Impulse, harte Konfliktlinien, klare Haltungen. 2025 zeigte sich in der Region Osnabrück, wie große gesellschaftliche Debatten vor Ort entschieden werden: im Klassenzimmer, in Glaubensfragen, in politischen Konflikten und entlang geplanter Autobahnen. Unsere Gespräche erzählen von Menschen, die konkrete Entwicklungen angestoßen haben: durch ihr Handeln, ihre Worte – oder durch den Widerstand, den sie auslösten.

Elisabeth Middelschulte hat als langjährige Schulleiterin in Gehrde erlebt, wie Integration gelingen kann – und wo sie an Grenzen stößt. Ihr wohl eindrücklichstes Beispiel aus dem Schulalltag: Eltern mit russlanddeutschem Hintergrund, die verlangten, ihre Kinder sollten sich im Unterricht „die Ohren zuhalten“, etwa bei der Sexualkunde. Zugleich betonte sie die Bedeutung früher Sprachförderung: Ohne gezielte Unterstützung hätten viele Kinder „große Nachteile bereits zu Beginn ihrer Schulzeit“ gehabt.

Mit Blick auf heutige politische Entwicklungen äußert Elisabeth Middelschulte Sorge über die Nähe konservativer freikirchlicher Milieus zur AfD. Sätze wie „Der Staat will unsere Kinder umerziehen“ zeugten von einem tiefen Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen – einem Klima, das politische Anschlussfähigkeit für Parteien schafft, die staatliche Autorität grundsätzlich infrage stellen. Ihre Beobachtungen halfen, politische Verschiebungen im Osnabrücker Nordkreis zu verstehen.

Marcel Queckemeyer war 2025 das sichtbarste Gesicht der AfD im Landkreis Osnabrück. Als Bundestagsabgeordneter und Kreisvorsitzender stabilisierte er einen zuvor zerstrittenen Kreisverband und baute die Partei im ländlichen Raum aus. Inhaltlich setzte Marcel Queckemeyer auf Zuspitzung: Beim Bürgerdialog in Badbergen sagte er, man könne mit dem Atommüll, der in der Schachtanlage Asse lagert, Energie für die nächsten 800 Jahre gewinnen – Aussagen, denen Fachbehörden klar widersprechen. Seine Auftritte trugen dazu bei, dass sich politische Fronten in der Region weiter verhärteten.

Der Nachwuchs der Partei wird durch Adrian Maxhuni repräsentiert. Der 29-jährige Mann aus Gehrde stieg Ende November zum Vizechef der neuen AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ auf und wurde damit Teil eines bundesweiten Versuchs, die aufgelöste Junge Alternative (JA) zu ersetzen. Die frühere Einstufung der JA als rechtsextremistisch kommentierte Adrian Maxhuni auf Anfrage unserer Redaktion: „Die Bewertung des Bundesamtes für Verfassungsschutz weise ich als politisch motiviert zurück.“ Im Zuge der Berichterstattung hat unsere Redaktion indes Beiträge von der mittlerweile gelöschten Homepage der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative Niedersachsen rekonstruiert. Die Texte geben Einblick in ein radikales Weltbild und führen auch zu Maxhuni als Funktionsträger aus dem Osnabrücker Land.

Ein Beispiel stammt aus dem Sommer 2023 – veröffentlicht zu einer Zeit, als Maxhuni bereits Landesvorsitzender der JA Niedersachsen war. Darin heißt es wörtlich: „Wer zu Mustererkennung fähig ist, weiß längst, dass für diese Zustände mehrheitlich Migranten mit orientalischer oder afrikanischer Abstammung verantwortlich sind.“ Als „kurzfristige Lösung“ wird der „konsequente Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen“ aus Freibädern genannt, anschließend die Abschiebung der „Gewalttäter“ gefordert. Der niedersächsische Verfassungsschutz ordnet solche Aussagen einem „ethnisch-kulturellen Volksbegriff“ zu, der dem Grundgesetz widerspreche und „mit der Menschenwürde unvereinbar“ sei.

Einen bewussten Gegenpol zur Polarisierung setzte Dua Zeitun. Durch ihre Arbeit mit muslimischen Jugendlichen schuf sie Räume für Aufklärung und Konfliktbearbeitung. Für ihr Engagement gegen Antisemitismus und für den interreligiösen Dialog erhielt Dua Zeitun 2025 den Bundesverdienstorden. Zugleich machte sie die Belastung dieser Rolle sichtbar: „Ich bin Brückenbauerin – und trotzdem bekomme ich Kritik von allen Seiten.“ Ihr Befund aus der Praxis widersprach pauschalen Verdächtigungen: „Ich habe in all meinen Veranstaltungen kein einziges Mal Hass gegenüber Jüdinnen oder Juden gehört.“ Vielmehr hätten viele Jugendliche ihre Frustration, Sprachlosigkeit und das Gefühl, nicht gehört zu werden, geäußert.

Eine deutliche Warnung sprach Anfang 2025 Michael Grünberg aus. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Osnabrück prägte vergangenes Jahr die regionale Demokratie-Debatte durch klare Worte.

„Dass wir 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges in dieser Situation sind, erschreckt mich zutiefst“, sagte Michael Grünberg mit Blick auf den Aufstieg der AfD. Hetze lasse sich jederzeit umlenken – „die Namen lassen sich ja schnell austauschen“. Im Januar 2026 ehrte die Stadt Osnabrück den 70-Jährigen mit der Möser-Medaille, ihrer höchsten Auszeichnung.

Im Bistum Osnabrück stand 2025 im Zeichen des Abschieds von Gewohntem. Der Osnabrücker Bischof Dominicus Meier trieb Reformen voran, ohne einfache Antworten zu versprechen. Weniger hauptamtliche Mitarbeiter haben auch veränderte Gottesdienstformen zur Folge. „Abschiednehmen heißt nicht, dass das Alte schlecht war“, sagte Dominicus Meier – ein Satz, der Ehrenamtlichen Orientierung geben soll. Mit schlankeren Strukturen und mehr Beteiligung von Laien wird das Bistum Osnabrück nun in die Zukunft gehen.

Während andere Debatten im vergangenen Jahr laut geführt wurden, arbeitete Benedikt Guss an Szenarien, die niemand erleben möchte. Der Katastrophenschützer des Landkreises Osnabrück bereitete Verwaltung und Hilfsdienste auf Stromausfälle, Cyberangriffe und hybride Bedrohungen vor. Seine nüchterne Botschaft prägte das Denken vor Ort: Resilienz entscheidet sich oft im Unspektakulären – notfalls mit einem Papierblock als „Rückfallebene“.

Kaum ein Projekt spaltete die Region so sehr wie die A33-Nord. Unterschiedliche Vorstellungen von Mobilität, Klimaschutz und wirtschaftlicher Entwicklung prallten 2025 offen aufeinander – nicht nur in politischen Gremien, sondern auch öffentlich vor Publikum. Mit dem neuen Dialogformat „360° – Der Talk“ schuf unsere Redaktion dafür einen eigenen Raum: Bei der Talk-Premiere zur A33-Nord moderierte der Regio-Reporterchef der Neuen Osnabrücker Zeitung, Jean-Charles Fays, das Gespräch zwischen der Grünen-Bundestagsabgeordneten Filiz Polat und dem CDU-Bundestagsabgeordneten Lutz Brinkmann – mit dem Anspruch, gegensätzliche Positionen sichtbar zu machen, ohne sie zu verkürzen.

Inhaltlich standen sich dabei zwei Zukunftsbilder gegenüber. Lutz Brinkmann erklärte die Autobahn zur Standortfrage: „Die Region braucht diese Fertigstellung dringend.“ Filiz Polat hielt dagegen: „Dieses Projekt passt nicht mehr in die Zeit“ und sei „ein finanzielles, ökologisches und klimapolitisches Fass ohne Boden“.

Den Widerstand vor Ort verkörperte Cord-Michael Thamm. Der evangelische Pastor aus Osnabrück-Dodesheide machte den Konflikt greifbar, indem er ihn in die Landschaft trug. „Hier wäre nichts wie vorher“, sagte Cord-Michael Thamm bei einer Radtour mit unserer Redaktion entlang der geplanten Trasse. „Wir sprechen von einem massiven Einschnitt in Natur, Landschaft und Lebensqualität.“ Sein Maßstab: „Es müsste ein außergewöhnlich großer Mehrwert für Natur, Bevölkerung und Gesundheit vorliegen, um so einen Eingriff zu rechtfertigen.“

Ein seltener Moment regionaler Geschlossenheit entstand – auch über Parteigrenzen hinweg – beim Flughafen Münster/Osnabrück. Der Osnabrücker CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg hatte zusammen mit den anderen regionalen CDU-Abgeordneten einen erheblichen Anteil daran, den Erhalt der FMO–München-Verbindung politisch durchzusetzen. „Super Nachricht für unsere Region. Unser Einsatz hat sich gelohnt“, sagte Middelberg nach der Lufthansa-Entscheidung, an der München-Verbindung am FMO festzuhalten. Für die Unternehmen in unserer Region bedeutete diese Entscheidung: Die Anbindung an das letzte verbliebene internationale Drehkreuz bleibt gesichert. Der FMO bleibt für Osnabrück damit das Tor zur Welt.

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