Osnabrück „Tatort: Nachtschatten“ mit Martin Brambach erinnert an den Fall Natascha Kampusch
Hoffentlich wird das neue Jahr nicht ganz so düster wie dieser Neujahrs-Tatort mit Martin Brambach und der jungen Emilie Neumeister, die sich hier als Charakterdarstellerin empfiehlt. Der „Tatort: Nachtschatten“ kommt düster, aber sehenswert daher.
Panisch, das Kleid und die Jacke sind blutbeschmiert, irrt die 16-jährige Amanda (Emilie Neumeister) durchs nächtliche Dresden. Am Neustädter Bahnhof bedroht sie die Menschenmenge am Bahnsteig mit einem Skalpell und bittet gleichzeitig um Hilfe. Einem beherzten Passanten gelingt es, ihr die Klinge zu entwenden und Amanda an die Polizei zu übergeben.
Was sie erzählt, klingt gleichzeitig wirr und gibt Anlass zur Sorge. Gemeinsam mit ihrer Schwester Jana sei sie ihr Leben lang in einem Keller eingesperrt gewesen. Wenn sie nicht „artig“ seien, dann bestrafe der Vater die beiden und lasse sie hungern. Nun schwebe Jana in Lebensgefahr und drohe zu verhungern, weil Amanda „unartig“ gewesen und geflohen sei.
Der Fall landet beim hoffnungslos unterbesetzten Team von Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach). Der zweifelt stark an den Aussagen der psychisch offensichtlich stark angeschlagenen jungen Frau. Ganz anders Kommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel), die auf ihr Bauchgefühl hört und nicht das Misstrauen ihres Vorgesetzten teilt. Selbst dann nicht, als sie von Amanda überrumpelt, niedergeschlagen und verletzt wird.
Während Winkler verzweifelt herauszufinden versucht, wo sich der besagte Keller befinden könnte, kommen aus der KTU neue Hinweise, die den Fall in ein neues Licht rücken. Das Blut an dem Skalpell stammt von gleich mehreren Personen, die mit Amanda verwandt sein müssen. Damit gerät das vermeintliche Opfer selber unter Mordverdacht. Im Gegensatz zu Schnabel, der die Aussagen Amandas stark anzweifelt, gibt Winkler nicht auf.
Vor der Corona-Pandemie hat die ARD zu Neujahr beim „Tatort“ gerne auf Schmunzelkrimis mit Nora Tschirner und Christian Ulmen gesetzt. Diese Zeiten sind vorbei. Seit Beginn der 2020er Jahre geht es zum Jahresstart ausnahmslos düster und erbarmungslos zur Sache. Letztes Jahr musste Ulrike Folkerts im „Stelzenmann“ eine Kindesentführung aufklären und Traumata entschlüsseln. Nun führen uns ein Kellerverlies und ein weiteres Trauma mit dunklen Bildern und düsterer Handlung ins Jahr 2026.
Regisseurin Saralisa Volm gelingt nach dem Drehbuch von Viola M.J. Schmidt ein handwerklich und visuell erstklassig gestalteter Krimi, der überdies von raffiniert getarnten Rückblenden vorangetrieben wird. Dadurch verleiht Volm ihrem Film eindringliche Spannungsmomente, die es so sonst nicht geben könnte.
Noch eindringlicher wirkt das Schauspiel von Episoden-Hauptdarstellerin Neumeister, die ihrer Figur glaubhafte Tiefe verleiht. Wie verkörpert man eine Jugendliche, die in einem Keller aufgewachsen ist und rein gar nichts von der realen Welt weiß? Neumeister, die sich zur Vorbereitung auf ihre Rolle mit realen Fällen wie jenem der Natascha Kampusch auseinandergesetzt hat, empfiehlt sich hier als echte Charakterdarstellerin.
Dieser unter anderem noch mit Nina Kunzendorf prominent besetzte Dresdener Neujahrs-„Tatort“ mit dem programmatischen Titel „Nachtschatten“ überzeugt – bis auf eine Kleinigkeit. Muss es immer wieder sein, dass die ermittelnde Hauptfigur zum Ende, unter Missachtung aller Regeln, versucht, den Fall im Alleingang zu lösen? Ein Finale, dem ein wenig mehr Originalität besser gestanden hätte.
„Tatort: Nachtschatten“. Neujahr, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek.