Rothenburg (Wümme) Ein Armbruch veränderte alles: Wie eine Ukrainerin trotz Hürden ihren Traumjob fand
Eine Pause gönnte sich Nataliia Bilishchak nie. Vorbereitungskurse und Anerkennungsverfahren überwand sie, um in Deutschland im Krankenhaus arbeiten zu dürfen. So blickt sie auf ihre Landsleute, die Bürgergeld beziehen.
Am Anfang dachte Nataliia Bilishchak noch an einen kurzen Aufenthalt in Deutschland. Es war der März 2022, als sie mit ihrer Mutter, ihrem kleinen Bruder und zahlreichen Waisenkindern, kranken Kindern und Müttern in zwei Bussen im niedersächsischen Kirchlinteln ankam. Sie selbst wollte ursprünglich gar nicht aus der Ukraine weg, sondern nur den Transport der Flüchtlinge aus der Ostukraine in den Landkreis Verden begleiten.
„Ich dachte, es geht nach drei Wochen zurück. Wir hatten nicht mal Sachen dabei“, sagt die heute 24-Jährige aus Iwano-Frankiwsk, einer schmucken Universitätsstadt in der Westukraine. Dorthin war der Krieg, den Russland in ihr Heimatland brachte, noch nicht vorgedrungen, als die meist minderjährigen Flüchtlinge aus dem östlichen Landesteil ankamen. Nataliias Mutter arbeitete beim Jugendamt und wollte die Kinder auf der weiteren Fahrt ins sichere Deutschland betreuen.
Und wegen der Kinder blieben Nataliia und ihre Mutter dann vorerst im fremden Land. Sie wurden bei der gemeinnützigen Jugendhilfe „Sirius“ als freiwillige Helfer gebraucht. Die Einrichtung benötigte dringend Personal.
Als der Krieg einfach nicht enden wollte, wurde Nataliia klar, dass sie wohl erst mal in Deutschland bleibt. „Ich wollte auch schnell Deutsch lernen, es war mir unangenehm, dass alle meinetwegen Englisch sprechen müssen“, erinnert sich die junge Frau. Drei Jahre später muss sie in einer Unterhaltung kaum noch nach den richtigen Worten suchen, ihr Deutsch sitzt.
Die junge, etwas schüchtern wirkende blonde Frau mit einem einnehmenden Lächeln möchte von allen lieber geduzt werden. Die neue Sprache lernte sie aus einem bestimmten Grund. Sie wollte endlich im Krankenhaus arbeiten. Schon ihre Großmutter sei Krankenschwester gewesen, sie selbst hat nach der 9. Klasse eine vierjährige Ausbildung zur Krankenschwester in der Ukraine absolviert und ein Medizinstudium begonnen, konnte es wegen des Krieges nicht beenden.
Um in Deutschland arbeiten zu dürfen, galt es zunächst, amtliche Hürden zu überwinden. Das dauerte. Ihre Originaldokumente, etwa Abschlusszeugnisse, mussten zunächst aus der Ukraine nach Deutschland gelangen und in der zuständigen Behörde in Lüneburg übersetzt werden. Sie belegte Sprachkurse und Intensivkurse neben ihrer Arbeit in den Wohngruppen bei der Jugendhilfe. Auf einen sogenannten Defizitbescheid wartete Nataliia mehr als fünf Monate. Es ist jener Bescheid, den ausländische Fachkräfte brauchen, um ihre Berufsqualifikation anerkennen zu lassen. Vorher dürfen sie nicht arbeiten.
Direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland waren all die amtlichen Hürden noch weit weg. Die ersten drei Monate half Nataliia Bilishchak ehrenamtlich. In der Zeit lebte sie vom Bürgergeld, so wie alle ukrainischen Flüchtlinge. Um die Integration in den Arbeitsmarkt zu erleichtern, entschied die Ampel-Koalition, dass ukrainische Flüchtlinge direkt Anspruch auf Bürgergeld haben.
Ein einzigartiges Privileg. Flüchtlinge aus anderen Ländern bekommen Leistungen nach dem Asylbewerbergesetz, also etwa 120 Euro weniger im Monat. Im Herbst 2025 erhielten nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit rund 500.000 Erwachsene und 200.000 Kinder aus der Ukraine Bürgergeld. Das schwarz-rote Kabinett hat jüngst beschlossen, den Ukrainern dieses Privileg wieder zu nehmen, sofern sie erst nach dem 1. April 2025 nach Deutschland kamen.
Nataliia hatte nie vor, von Sozialleistungen zu leben; schon nach einem Monat in Deutschland bekam sie eine bezahlte Vollzeitstelle bei der Jugendhilfe. Der Traum vom Job im Krankenhaus? Gedanklich weit weg. Irgendwann mal. Es brauchte ein Unglück, damit sie ihren Traum wieder ernsthaft verfolgte. Ihr Bruder hatte sich in der Schule den Arm gebrochen und wurde statt in Verden im größeren Krankenhaus in Rotenburg an der Wümme behandelt.
Das dortige Agaplesion Diakonieklinikum beschäftigt eine eigene Integrationskoordinatorin, ausländische Pflegekräfte gehören fest zum Personalstamm. „Es gefiel mir so gut, ich wollte Teil des Teams werden“, sagt Nataliia. Anfang 2025 fing sie mit ihrem Anerkennungsverfahren an. Ein knappes Jahr später hat sie endlich alle Prüfungen erfolgreich abgeschlossen.
Macht es das deutsche Gesundheitssystem ausländischen Kräften nicht unnötig schwer? „Ich verstehe, dass ich mich an das deutsche Gesundheitssystem anpassen muss“, sagt Nataliia. „Ich finde es auch besser als das in der Ukraine.“ Denn ihre Krankenschwesterausbildung dort sei eher mit der Arbeit einer medizinischen Fachangestellten vergleichbar. Die Pflege ist in ihrer alten Heimat eher Sache der Familie. Die Grundpflege, die Beratungen, das Gespräch nach deutschem Standard noch einmal zu lernen, habe ihr sehr geholfen.
Als Ukrainerin war sie eine Ausnahme. Von 35 vermittelten Ukrainern, denen das Klinikum einen Job anbot, fingen nur sie und eine weitere Ukrainerin an, wie die Integrationskoordinatorin des Rotenburger Klinikums, Eugenia Henke, sagt. Ein möglicher Grund: das lange Verfahren. „Viele fragen sich, warum sie eineinhalb Jahre warten sollen, wenn sie eigentlich in zwei Jahren zurück in die Ukraine wollen“, sagte Henke.
Ist Nataliia dann das Beispiel, wieso Ukrainer gar keine Bevorzugung beim Bürgergeld benötigen? Oder eher, dass der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt viel, vielleicht zu viel Kraft und Nerven kosten kann? Sie selbst sieht sich jedenfalls gar nicht als besonders engagiert. „Ich bin jung und habe keine Kinder. Deswegen geht das“, sagt sie. Sie kenne viele junge Ukrainerinnen, die arbeiten. Dass es viele auch nicht tun, liege nicht am Bürgergeld. „Wer mit Kindern angekommen ist, muss erst mal einen Kita-Platz finden. Und neben der Kinderbetreuung Deutsch zu lernen, ist auch sehr schwer“, sagt sie.
Für sie hat sich das Engagement gelohnt. „Deutschland ist meine zweite Heimat. Irgendwann gründe ich hier eine Familie“, sagt sie. Ihre Mutter und ihr Bruder wollen nach dem Kriegsende wohl zurück in die Ukraine. Nataliia hingegen will bleiben.