Osnabrück  Nur Farbklekse für Donald Trump: Armin Müller-Stahl zeigt seine Bilder in der Kunsthalle Emden

Stefan Lüddemann
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Von Stefan Lüddemann
| 25.12.2025 14:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nicht vor der Filmkamera, sondern im Atelier: Der Schauspielstar Armin Müller-Stahl hat auch als Maler und Grafiker ein großes Werk zu bieten. Foto: Niko Schmid-Burgk
Nicht vor der Filmkamera, sondern im Atelier: Der Schauspielstar Armin Müller-Stahl hat auch als Maler und Grafiker ein großes Werk zu bieten. Foto: Niko Schmid-Burgk
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Was kann Armin Müller-Stahl eigentlich nicht? Der Weltstar des Films präsentiert sich in der Kunsthalle Emden als Maler. Warum seine Bilder mehr als einen Blick lohnen – obwohl sie aktuellen Kunsttrends so gar nicht entsprechen.

Für Donald Trump hat er nur einige wütende Pinselstriche übrig. Er haut aggressives Rot auf die Leinwand, kontert es mit giftigem Gelb. Der Anführer der Maga-Bewegung, der selbst ernannte Friedensnobelpreisträger, auf dem Gemälde von Armin Müller-Stahl zerfällt er zu einem Fest der Fetzen. „Dieser Mann kommt aus der Nullserie der Menschheit“, schreibt Müller-Stahl noch dazu. Sein Gemälde datiert schon aus dem Jahr 2018, aber es trifft noch immer, als bitterer Kommentar auf eine aktuelle Weltlage, die der Mann im Weißen Haus wie ein irrwitziger Kobold in Verwirrung stürzt.

Armin Müller-Stahl, das ist der Charismatiker des Films, das gefühlte Alter Ego von Thomas Mann, der Hollywood-Star, eine präsidiale Figur der Kultur. Ein Maler und Grafiker ist er auch noch. Jetzt ist sein Bildwerk in der Kunsthalle Emden zu erleben. „Nacht und Tag auf der Erde“: Unter diesem kosmisch klingenden Titel eröffnet der Künstler in Emden eine ganze Ausstellungstournee. Von Ostpreußen über DDR und Bundesrepublik, über Hollywood an die Ostsee: Es wirkt, als überwölbe Armin Müller-Stahl ein Jahrhundert – sein Säkulum.

Seiner Leidenschaft tut das keinen Abbruch. So wie er als Maler gegen Donald Trump wütet, so modelliert er die Züge von Kamala Harris ausgesprochen liebevoll. Das Porträt der im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft unterlegene Kandidatin der Demokraten hat er 2024 gemalt. Er zeigt die Politikerin als aufrechtstehende Figur in zarter Untersicht. Sie hebt ihre Hand in einer wegweisenden Hoffnungsgeste, die an Willy Brandt leise erinnert. Und daneben ist zu lesen: „schade, schade“. Armin Müller-Stahl verneigt sich vor einer Hoffnungsträgerin.

Und das Publikum? Es verneigt sich vor Armin Müller-Stahl. So ist jedenfalls die Regie der Präsentation in Emden zu lesen. Das Kuratorenteam feiert den Schauspieler als künstlerische Mehrfachbegabung. Und in der Tat: Als ausgebildeter Konzertviolinist, als Zeichner, Maler, Autor, großer Bühnenschauspieler und Weltstar des Films imponiert dieser Mann der vielen Talente und Fähigkeiten. Kein Vergleich mit anderen Stars, die nebenbei auch malen, kein Vergleich also mit Bildern von Udo Lindenberg oder Otto Waalkes, der in der Kunsthalle Emden 2019 seinen großen Auftritt hatte.

Der Maler Armin Müller-Stahl mag technisch nicht perfekt, stilistisch nicht unbedingt auf der Welle der künstlerischen Aktualität surfen. Das ist auch nicht einmal wichtig. Armin Müller-Stahl nimmt sich die Freiheit, abseits des Kunstbetriebes seinem Temperament zu folgen und sich auf Rembrandt, Bernhard Heisig oder Emil Nolde zu berufen, wenn er nach großen künstlerischen Vorbildern gefragt wird. Müller-Stahl nimmt die Besucher in Emden auf seine ganz persönliche Bilderreise mit. Das allein zählt.

Dabei ist es kein Wunder, dass der Schauspieler als Maler seine Bildwelten um Filme und Theaterstücke gruppiert. Mit seinen kreativen Übersprüngen, die Genres und Areale der Künste mühelos miteinander verbinden, erinnert Müller-Stahl an Günter Grass, der seinem großen Romanwerk eine Folge vieler Radierungen und Lithographien an die Seite stellte, die ebenso kantig und kauzig wirken wie die Erzählungen um Oskar Matzerath oder Eddi Amstel. Armin Müller-Stahl inszeniert sich mit seinen Bildern zu Jim Jarmush´ Filmklassiker „Night on Earth“, in dem er einen einsamen Taxifahrer spielte, als traurigen Clown der Schauspielerei – oder als Bewunderer des manischen Faust in seiner Serie zu Goethes Drama „Urfaust“.

Die Kunsthalle Emden öffnet einen ungewohnten Blick auf Armin Müller-Stahl, inszeniert ihn als Universalfigur der Kultur, deren Kreativität alles illuminiert, was dieser Künstler zum Gegenstand seiner Werke macht. Sein Bildwerk bietet sich als Roadtrip dar, der durch alle Bereiche der Hoffnung und der Melancholie führt. Armin Müller-Stahl ist immer dabei, beim Berliner Mauerfall, mitten in der „Macht der Märkte“, bei Streifzügen durch anonyme Areale der Metropolen – oder einer Bild gewordenen Klage über den Niedergang der SPD. „Unser tägliches Rot gib uns heute“, hat er auf dieses Bild geschrieben.

Dabei ist Armin Müller-Stahl kein Lautsprecher, kein Propagandist. Der größte Raum der Ausstellung ist zugleich auch der intimste. Hier reiht der Künstler seine Porträts jüdischer Freunde und Geistesverwandter auf. Die Bildfolge reiht illustre Namen, von Franz Kafka bis Ida Ehre, von Lion Feuchtwanger bis Stefan Zweig und Walter Rathenau. Armin Müller-Stahl stellt sich auf die Seite der Verfolgten, der Exilierten oder gar Ermordeten. Dieses stille Pantheon der Geistesgrößen wirkt heute wie ein gar nicht leiser Protest gegen Populisten und Rechtsradikale.

„Leider ist die Kunst zu schwach, um in der Politik wirklich etwas zu bewegen“, klagt Armin Müller-Stahl in einem Interview, meint sogar, dass auch die Menschen mit Kunst letztlich nicht zu erreichen seien. Seine Ausstellung, so viel ist sicher, wird in den nächsten Wochen das Gegenteil beweisen, weil diese Bilder viele Menschen berühren und nachdenklich machen werden. Night on Earth? Wenn Armin Müller-Stahl malt, wird es immer wieder Tag.

Emden, Kunsthalle: Armin Müller-Stahl. Nacht und Tag auf der Erde. Bis 12. April 2026. Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr. Katalog 28 Euro.

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