Lichterglanz im Advent  Bingumgaste – ein Dorf lebt Gemeinschaft

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 23.12.2025 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In Bingumgaste ist fast jedes Haus weihnachtlich erleuchtet. Foto: Lars Penning/dpa
In Bingumgaste ist fast jedes Haus weihnachtlich erleuchtet. Foto: Lars Penning/dpa
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Im ostfriesischen Bingumgaste verwandeln Lichter und Nachbarschaftssinn die dunkle Jahreszeit in ein besonderes Erlebnis. Was das Weihnachtsdorf ausmacht und wie Tradition hier gelebt wird.

Bingumgaste - „Es ist ein Leuchten in den Fenstern, ein Glanz auf den Wegen, als hätte der Himmel selbst das Dorf mit seinem Sternenstaub bestreut.“ So oder ähnlich hätte Theodor Fontane wohl seine Eindrücke festgehalten, wäre er durch Bingumgaste gewandert. Nicht die Mark Brandenburg, sondern das Rheiderland ist die Bühne dieses winterlichen Schauspiels – und doch hätte Fontane dem ostfriesischen Weihnachtsdorf gewiss einen Besuch abgestattet.

Mit viel Liebe werden die Häuser geschmückt. Foto: Lars Penning/dpa
Mit viel Liebe werden die Häuser geschmückt. Foto: Lars Penning/dpa

Wer von Bingum her die Straße entlangfährt und am Ende nach links abbiegt, taucht ein in ein Dorf, das mit seinen gut 20 Häusern in festlichem Glanz erstrahlt – mal zurückhaltend, mal prachtvoll. „Die Dunkelheit des Nordens wird von den Lichtern der Menschen vertrieben, und jedes Haus wird zu einem kleinen Leuchtturm in der Nacht“, schrieb Selma Lagerlöf sinngemäß in ihren schwedischen „Weihnachtsgeschichten“. Ein Bild, das sich mühelos auf Ostfriesland übertragen lässt. Der Rundweg durch Bingumgaste ist längst angelegt, gesäumt von Wassergräben und jenen Häusern, die im Advent jeden Morgen und Abend im Lichtermeer versinken.

Das Gespür für das Dorfleben schien verloren

Draußen ist die Welt kalt und weit, doch im Dorf, wo die Lichter brennen, rücken die Menschen zusammen. Sinngemäß hat es Erich Kästner so einst beschrieben – und Benjamin Luikenga bestätigt es im Gespräch: „Wenn ein ganzes Dorf solch einen Gedanken trägt, ist das schon etwas Besonderes. Das ist nicht mehr selbstverständlich, auch im kleinen Rahmen nicht.“ Zehn Jahre war Luikenga als Soldat oft fern der Heimat, das Gespür für das Dorfleben schien verloren. Doch in Bingumgaste fand er schnell Anschluss: „Es ist eine aktive Gemeinschaft hier im Dorf. Aber keine erzwungene Dorfgemeinschaft. Man lässt sich leben, sitzt gerne zusammen und hilft sich untereinander.“ Selbst bei der Weihnachtsbeleuchtung packen die Nachbarn mit an. „Ich bin jetzt nicht so der Heimwerker“, gesteht Luikenga, „aber die erfahrenen Nachbarn helfen sofort.“

Für Benjamin Luikenga ist Weihnachten eine Zeit der Besinnung auf das, was wirklich im Leben zählt. Foto: Oliver Bär
Für Benjamin Luikenga ist Weihnachten eine Zeit der Besinnung auf das, was wirklich im Leben zählt. Foto: Oliver Bär

Kirchgänger sei er nicht, sagt der 42-Jährige, doch Weihnachten ist für ihn eine Tradition, an der sich fast alle orientieren können. „Es ist eine Zeit der Besinnung auf das, was wirklich zählt. Familien, Gemeinschaft, Zusammenhalt.“ Weihnachten, so hofft er, könne etwas zusammenbringen, das heute nicht mehr selbstverständlich ist. Die Lichter sind für ihn kein Mittel, um Klicks in sozialen Medien zu sammeln. „Wenn Fremde hierherkommen und besonders Kinder begeistert sind, ist das ein Lohn, der mich freut, aber nicht die Triebfeder des Handelns ist.“

Kommerz liegt wie ein Schatten auf dem Fest

„Die Kälte kriecht durch die Ritzen, doch drinnen, hinter den beschlagenen Scheiben, blüht das Leben auf – im Schein der Kerzen, im Duft von Tee und Gebäck,“ so beschreibt die Lyrikerin Annemarie Schnitt adaptiert den Winter an der Nordsee. Ostfriesentee gibt es auch bei Insa und Tadäus Spekker, deren Haus festlich geschmückt ist. Fast 50 Jahre hat Tadäus als Mitglied des Posaunenchors im Advent viel Zeit in Kirchen verbracht. „Weihnachten ist für uns Tradition – und mehr als das“, betont er. Es sind Tage der Besinnung, der Advent eine Zeit, in der Menschen nach Gemeinschaft, Halt und Sicherheit suchen. „Viele wollen im Advent zur Ruhe kommen, doch das gelingt nur wenigen“, glaubt er.

Gemeinschaft und Ruhe finden Insa und Tadäus Spekker im Dorf, beim lebendigen Adventskalender oder der Einsteckparty zum ersten Advent, wenn alle gleichzeitig ihre Lichter anschalten. Foto: Oliver Bär
Gemeinschaft und Ruhe finden Insa und Tadäus Spekker im Dorf, beim lebendigen Adventskalender oder der Einsteckparty zum ersten Advent, wenn alle gleichzeitig ihre Lichter anschalten. Foto: Oliver Bär

Gemeinschaft und Ruhe finden die Spekkers im Dorf, beim lebendigen Adventskalender oder der Einsteckparty zum ersten Advent, wenn alle gleichzeitig ihre Lichter anschalten. Sie schätzen die zwanglosen Gespräche, den Zusammenhalt, das gegenseitige Helfen. „Es ist schade, dass der zunehmende Kommerz immer stärker wie ein Schatten über dem Weihnachtsfest liegt“, sagt Insa Spekker und erinnert sich an früher: Die Familie war beisammen, das Weihnachtsmahl wurde gemeinsam genossen, die Kinder freuten sich an Baum und Geschenken. „Wir hatten weniger, aber die Menschen waren zufriedener“, sagt sie. Deshalb bleibt Weihnachten im Hause Spekker, wie es immer war – in der Hoffnung auf eine friedvolle Zeit, auch wenn draußen die Welt aus den Fugen gerät.

„Lichter strahlen unheimlich viel Wärme aus“

„Weihnachten ist wie ein leiser Wind, der durch die Gassen zieht, die Fenster erhellt und die Herzen wärmt“, schrieb adaptiert Theodor Storm – und tatsächlich, der scharfe Wind zerzaust die Haare, die Kälte kriecht in die Knochen. Umso schöner, wenn sich bei Marianne Görs eine weitere Tür öffnet. Gemeinsam mit Petra Wolf und Ehemann Jürgen betreibt sie eine Tierhilfe, bietet über 20 Katzen ein Zuhause. Auch Streuner finden hier Unterschlupf, die genaue Zahl kennt längst niemand mehr.

„Ohne Weihnachtsdekoration könnte ich nicht leben“, gesteht Marianne Görs. Foto: Oliver Bär
„Ohne Weihnachtsdekoration könnte ich nicht leben“, gesteht Marianne Görs. Foto: Oliver Bär

„Ohne Weihnachtsdekoration könnte ich nicht leben“, gesteht Marianne Görs. Für sie sind die Lichter ein Symbol für Frieden. „Die Lichter strahlen unheimlich viel Wärme aus und wir haben jedes Jahr neue Ideen. Das macht etwas mit einem“, ergänzt Petra Wolf. Das Trio feiert Weihnachten nicht nur mit den Katzen, sondern hat auch zwei Menschen eingeladen, die sonst allein wären. „Wir profitieren ja im ganzen Jahr davon, dass Menschen etwas für unsere Tierhilfe spenden. Da wollen wir auch etwas zurückgeben“, sagt Marianne Görs.

„Die Leute sollten sich mehr zurücknehmen“

Mit einer Prise Stolz blicken die drei auf das, was Bingumgaste inzwischen geworden ist: ein kleines, aber weithin bekanntes Weihnachtsdorf im Herzen Ostfrieslands. Hier, wo Nachbarschaft mehr ist als ein Wort, wird auch beim 92-jährigen Nachbarn im Dunkeln die Lichterkette wieder zum Leuchten gebracht. „Das Bild hatte nicht mehr gestimmt“, sagt Petra Wolf mit einem verschmitzten Lächeln. Gemeinschaft – das ist in Bingumgaste kein leeres Versprechen, sondern gelebte Wirklichkeit.

Das festlich erleuchtete Dorf zieht auch viele Schaulustige an. Foto: Jörn Penning/dpa
Das festlich erleuchtete Dorf zieht auch viele Schaulustige an. Foto: Jörn Penning/dpa

Wenn Marianne Görs im Advent mit dem Hund durch das Dorf spaziert und ihr die Menschen ein „Frohe Weihnachten“ zurufen, dann, so sagt sie, wird der Tag doppelt schön. Für einen Moment lösen sich die Sorgen auf, die sonst so schwer auf ihr lasten. Doch auch hier ist der Wandel spürbar: Weihnachten hat sich verändert, so wie die Gesellschaft. „Es zählt nicht mehr das Geschenk an sich, es zählt die Größe“, kritisiert sie. Petra Wolf ärgert sich über den wachsenden Egoismus: „Die Leute sollten sich mehr zurücknehmen und nicht immer nur auf sich schauen.“ Ein freundliches Lächeln, eine helfende Hand – das, so glaubt sie, würde das Leben leichter machen. Und manches davon findet sich noch in der Weihnachtszeit, wenn die Menschen für einen Augenblick innehalten, ruhiger werden, „einfach menschlicher“.

Zahlreiche Häuser in Bingumgaste sind bis in den Giebel mit Lichterketten geschmückt. Foto: Lars Penning/dpa
Zahlreiche Häuser in Bingumgaste sind bis in den Giebel mit Lichterketten geschmückt. Foto: Lars Penning/dpa

„Draußen, wo das Land sich dem Meer entgegenstreckt, liegt der Winter schwer auf den Deichen. Und doch, wenn in den Fenstern der kleinen Häuser Lichter aufglimmen, scheint selbst der Wind für einen Moment innezuhalten“, schrieb Theodor Storm adaptiert in „Der Schimmelreiter“. Und tatsächlich: Auf dem Rückweg zum Auto ist die Kälte plötzlich nicht mehr ganz so beißend.

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