Osnabrück „Du Faschist!“ Wer in jedem Andersdenkenden einen Nazi sieht, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Begriffe wie Nazi, Diktatur oder Faschismus fallen in Debatten heutzutage schnell. In unserer „360°-Kolumne“ warnt Unternehmerin Viviane Wilde-Skibicki vor dem inflationären Gebrauch solcher Vorwürfe. Denn sonst seien konstruktive Debatten irgendwann nicht mehr möglich.
Es gibt Begriffe, die sollten nur in ganz konkreten Fällen genutzt werden. Heute jedoch fallen sie, als wäre ihre Herkunft ein Nebenprodukt der Geschichte. Es gibt kaum eine Debatte, die nicht sofort mit den schwersten Ausdrücken aufgeladen wird. Wörter, die einst Warnsignale waren, sind inzwischen zu Wurfgeschossen in digitalen Diskursen geworden.
Nazi, Faschismus, Diktatur, Genozid, Zensur – Wörter, die staatlichen Terror, millionenfachen Mord oder totalitäre Systeme beschreiben. Mittlerweile aber werden sie in Kommentarspalten bereits auf kleinste Entscheidungen, Maßnahmen oder Meinungen, angewendet, die einem zuwider sind.
Gerade in Deutschland ist diese sprachliche Entgrenzung fatal. Diesen Begriffen wohnt hier eine besondere Tragweite inne. Sie benennen Kapitel unserer Geschichte, die wir nicht relativieren, nicht banalisieren und schon gar nicht als Wortmunition für digitale Empörungsschleifen nutzen sollten. Wer sie inflationär gebraucht, entleert sie. Und entwürdigt damit die Opfer, deren Geschichten diese Wörter einst geprägt haben.
Warum passiert das? Es hat weniger mit Bosheit zu tun als mit Psychologie. Extreme Begriffe verschaffen moralische Klarheit, ohne dass man tatsächlich argumentieren muss. Wer jemanden „Faschist“ nennt, muss sich nicht mehr mit dessen Positionen auseinandersetzen. Empörung ist einfacher als differenziertes Denken und sie erzeugt sofortige Zugehörigkeit: „Ich bin einer von den Guten.“
Hinzu kommt die Systemlogik der Online-Plattformen: Algorithmen belohnen Übertreibungen. Ein Kommentar mit dem Wort „Nazi“ erzeugt ein Vielfaches an Interaktionen im Vergleich zu einem nüchternen Einwand. Das schrille Wort gewinnt gegen die präzise Analyse, weil es im Netz schlicht besser performt. Radikalität wird nicht korrigiert, sie wird verstärkt.
Doch die Enthemmung des Diskurses ist längst kein digitales Phänomen mehr. Menschen übernehmen die Dramatisierung und Moralisierung digitaler Räume in ihre analoge Kommunikation: in politischen Debatten, in Vereinen, in Klassenzimmern, in Familienrunden.
Die Hemmschwelle sinkt, weil extreme Begriffe durch ihre ständige Wiederholung an Gewicht verlieren. Wer bestimmte Wörter permanent liest oder hört, gewöhnt sich an sie. Und wer in digitalen Echokammern Bestätigung für seine Übertreibungen erhält, trägt diese sprachliche Radikalität irgendwann wie selbstverständlich nach außen. Auf diese Weise wird aus einem digitalen Verstärkungsmechanismus ein gesellschaftliches Muster. Nicht, weil Menschen plötzlich bösartig geworden sind, sondern weil eine Form der Kommunikation normalisiert wurde, die ohne Zwischentöne auskommt.
Jede sprachliche Übertreibung verschiebt Grenzen. Wenn jede unerwünschte, politische Entscheidung eine Diktatur ist, wie nennt man dann echte autoritäre Angriffe auf Grundrechte? Wenn alles faschistisch ist, wie soll man reale Unterdrückung noch erkennen? Wer alles maximal auflädt, macht am Ende alles bedeutungslos.
Deshalb braucht es präzise Sprache plus historische Verantwortung. Nicht, um Debatten zu disziplinieren, sondern um sie überhaupt noch führen zu können. Nicht jeder Gegner ist ein Nazi. Nicht jede Maßnahme ist totalitär. Und nicht jede Kritik ist Zensur.
Wer Begriffe entkernt, schwächt nicht den politischen Gegner; sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft, aus ihrer eigenen Geschichte zu lernen. Sprache ist kein Werkzeug für moralische Siege, sondern für Verständigung. Und genau die braucht unsere Gesellschaft heute dringender denn je.