Gelsenkirchen  Gelsenkirchen – unterwegs in einer Stadt, in der die AfD nichts tun muss, um stark zu sein

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 22.12.2025 09:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 17 Minuten
Ein Dauerproblem in vielen Ecken von Gelsenkirchen: wilde Müllkippen vor Wohnhäusern. Foto: IMAGO/Rupert Oberhäuser
Ein Dauerproblem in vielen Ecken von Gelsenkirchen: wilde Müllkippen vor Wohnhäusern. Foto: IMAGO/Rupert Oberhäuser
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In der einstigen SPD-Bastion wählte zuletzt fast jeder Dritte die AfD. Das hat auch mit der Armutsmigration zu tun. Tausende Rumänen und Bulgaren sind nach Gelsenkirchen gezogen, viele bekommen Bürgergeld, leben in Elendshäusern. Zu Besuch in einer Stadt, die gegen den Kontrollverlust kämpft.

Gesine und Tilo Lohmeyer dachten sich wenig dabei, als die Neuen kamen. Sie sahen, wie in ihrer Straße Kleinbusse hielten mit rumänischen und bulgarischen Kennzeichen. Die Menschen, die aus den Bussen stiegen, die Habseligkeiten notdürftig in Koffern und Plastiktüten gepackt, hatten die Armut in ihrer Heimat hinter sich gelassen. Jetzt kamen sie hier an, mitten in der Stadt, mitten im Leben der Lohmeyers.

Es waren immer Familien, Kinder, die an den Händen ihrer Eltern hingen. Sie zogen in dieses Mehrfamilienhaus. Drei Stockwerke, acht Wohnungen, schmuddeliger Putz. Einige Häuser weiter haben die Lohmeyers ihre Wohnung. Irgendwo in Gelsenkirchen.

Für Gesine und Tilo Lohmeyer war das nichts Besonderes. Ihre Nachbarn waren Spanier, Türken, Belarussen, und alle kamen miteinander klar. Es war ruhig hier, in ihrer kleinen Straße. Warum also sollte es mit den neuen Zuwanderern aus dem Osten der Europäischen Union anders werden?

Dass es anders wurde, merkten sie, als der erste Müll aus den Fenstern flog. Auf die Straße, in den Innenhof.

Gesine und Tilo Lohmeyer sind in ihren Sechzigern. Das Gespräch ist an Bedingungen geknüpft. Die echten Namen und der genaue Wohnort sollen unerwähnt bleiben. Sie sprechen über ein Thema, bei dem man leicht in den Sog von Vorurteilen gerät. Die Armutsmigration. Allein das Wort – aufgeladen, schwer, politisch heikel.

Die Geschichte hinter der Geschichte der Lohmeyers beginnt 2014. In dem Jahr tritt die Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für Rumänen und Bulgaren in Kraft. Ein großes Versprechen der EU: Jeder kann dort arbeiten, wo er will. Heißt aber auch, dass der Zugang zur Sozialhilfe einfacher wird. In Deutschland reicht für EU-Bürger ein Minijob, um ins System zu kommen. Bürgergeld. Kindergeld. Wohngeld.

Deutschland hat von der Freizügigkeit profitiert. Ohne die vielen Menschen aus Südosteuropa gäbe es noch größere Lücken in den Betrieben, auf Baustellen, in der Pflege. Bundesweit ist die Beschäftigungsquote von Rumänen und Bulgaren fast so hoch wie die der Gesamtbevölkerung. Aber im Ruhrgebiet klingt Freizügigkeit inzwischen nicht mehr nach Versprechen, sondern nach Zumutung. In Gelsenkirchen. Oder auch in Hagen und Duisburg, wo diese Geschichte ebenso gut spielen könnte.

Gelsenkirchen ist eine Bergbaustadt ohne Bergbau. Über Jahrzehnte hinweg verschwanden die Zechen, mit ihnen verschwand ein Drittel der Einwohner. Fast 400.000 waren es einmal, heute sind es weniger als 275.000. Jeder Fünfte unterhalb des Rentenalters bekommt Bürgergeld. Jedes zweite Kind ist von Armut bedroht. Nirgends in Deutschland sind mehr Menschen arbeitslos.

Diejenigen, die fortgingen, hinterließen Platz. Leerstehenden und billigen Wohnraum, der Menschen mit geringen Ansprüchen anzog. Heute leben mehr als 12.000 Rumänen und Bulgaren in Gelsenkirchen. Nicht alle, aber viele wohnen in Häusern, mit denen sich auf dem Immobilienmarkt vermutlich kein Cent mehr verdienen ließe.

Von Schrottimmobilien sprechen sie hier. Verwitterter Jugendstil. Zersprungene Fenster. Die Eingangstüren stehen offen. Wo einst Klingelschilder waren, ragen Kabel aus der Wand. Die Briefkästen sind verbeult und aufgebrochen. Durch die Treppenhäuser kriecht der Geruch von Abfall. Ruinen des Elends. 500 soll es in der Stadt geben. Überwiegend Zielort für Roma, die in ihrer Heimat benachteiligt und geächtet werden.

Die Armutsmigration ist nur eines von vielen Problemen in Gelsenkirchen. Aber es ist das Problem, das am sichtbarsten ist, das die lautesten Emotionen hervorruft. Weil es um Leistungsmissbrauch geht, um fehlenden Integrationswillen. Und vielleicht auch, weil man die Folgen nicht nur in irgendwelchen Brennpunkten spürt, sondern auch dort, wo die Parks sauber und die Straßenzüge gepflegt sind. In einer solchen Gegend wohnen Gesine und Tilo Lohmeyer.

Die Lohmeyers haben ihr ganzes Leben in Gelsenkirchen verbracht. Sie fühlen sich wohl hier, sagen sie, wegziehen würden sie nie. Sie haben lange in der Finanzbranche gearbeitet. Das Haus, in dem sie wohnen, gehört ihnen. Ihre Absicherung. Sie sind besonnene Menschen, sehr darauf bedacht, dass sich die Menschen in ihrem Umfeld wohlfühlen. Die Wohnungen in ihrem Haus vermieten sie für 5,50 Euro den Quadratmeter. Und sie engagieren sich in lokalen Projekten, um die Bedürfnisse der Menschen in der Nachbarschaft zu stärken.

Die Lohmeyers beschlossen, dass sie den Neuen helfen wollten. „Wir versuchten zu erklären, wie man Müll trennt und dass der Müll in die Tonnen gehört. Wir haben Broschüren in unterschiedlichen Sprachen von der Stadt besorgt und im Hausflur aufgehängt“, sagt Gesine Lohmeyer. „Es änderte sich nichts.“

Wie viele Menschen lebten in den Wohnungen? Waren es 30, 40, waren es mehr als 50? Sicher war nur, dass die Bewohner kamen und gingen, wie an einem Ankunftsort, der zugleich ein Abfahrtsort war. Neue Kleinbusse brachten neue Rumänen, und die Möbel jener, die gerade erst weitergezogen waren, landeten auf dem Gehweg. „Die Fluktuation war enorm“, sagt Tilo Lohmeyer. Bis spät in die Nächte standen Menschen draußen, lärmende Kinder, telefonierende Eltern. Sie sollen mit Autos gehandelt haben, die nachts probegefahren wurden.

Gesine und Tilo Lohmeyer beschreiben eine Mischung aus Ohnmacht und Hilflosigkeit. Sie riefen die Polizei. Die Beamten rückten an, sprachen ein paar mahnende Worte, fuhren davon. Anschließend ging der Lärm weiter. So lief das immer ab, es wirkte fast wie eine Choreografie des Kontrollverlustes.

In den Sommermonaten war es am schlimmsten. Im Innenhof stellten die Menschen Grills auf. Die Lohmeyers vermuten, dass auf den Rosten Reststücke aus den Schlachtbetrieben lagen, wo einige der Männer gearbeitet haben sollen. Die Nachbarn grillten von morgens bis abends, und sie grillten mit Sperrmüll. Gesine Lohmeyer, gesundheitlich angeschlagen, traute sich nicht mehr in den Garten.

Und dann die Ratten, die in die Innenhöfe vordrangen. Faszinierende Wesen, sagt Tilo Lohmeyer. Seine Frau und er beobachteten, wie die Tiere eine Art Räuberleiter bildeten, um an die Mülltonnen zu gelangen. Sie wissen jetzt, wie man Rattengift einsetzt, dass es mehrere Tage bis zur tödlichen Wirkung dauert, dass Ratten nicht lautlos sterben. Die Schreie, schrill und scharf, haben die beiden nicht vergessen.

Die Situation zog die Energie aus den Lohmeyers. Ihre Mieter drohten mit Kündigung. Wenn das so weitergeht, sagten sie sich, müssen wir das Haus verkaufen. 2020 war das. Die ersten Rumänen waren zwei Jahre zuvor angekommen. Die Lohmeyers sprechen davon, dass sie Glück haben, weil es in ihrem Viertel eher unaufgeregt zugehe, aber dass an anderen Orten der soziale Frieden fragiler geworden sei. Und dann sagt Gesine Lohmeyer diesen einen Satz, der ihr als links denkende Person nur schwer über die Lippen geht. Einen Satz, von dem man lange meinte, ihn gerade in Gelsenkirchen nicht hören zu müssen. Gesine Lohmeyer sagt: „Die AfD hat hier leichtes Spiel.“

Die AfD und Gelsenkirchen, das wirkt eigentlich wie zwei Antipoden. Gelsenkirchen – festes Terrain der SPD, ein lang gültiges Selbstverständnis. Bis auf eine Ausnahme von 1999 bis 2004 regierten hier durchgängig Sozialdemokraten. Aber jetzt brennt es. Und es sind nicht die alten Hochöfen.

Bei der Bundestagswahl im Frühjahr wurde die AfD hier stärkste Kraft. Dann, im September, Kommunalwahlen: Erst in der Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt verlor der AfD-Kandidat gegen die Kontrahentin der SPD. Der AfD-Mann, er heißt Norbert Emmerich, ist jetzt Vizebürgermeister. In Gelsenkirchen.

Man kann mit Politikern, Anwohnern oder Sozialarbeitern sprechen: Sie alle sind der Meinung, dass man sich über den Stimmenzuwachs für die teils rechtsextreme Partei nicht wundern dürfe.

Thomas Fath geht einen Schritt weiter. „Die AfD muss absolut gar nichts tun, um in Gelsenkirchen stark zu sein“, sagt er. Seit 2014 ist Fath Bezirksbürgermeister von Gelsenkirchen-Süd. Der SPD-Mann regiert eine Gegend, in der die Sorgen und Nöte besonders groß sind. Überfüllte Kitas, überforderte Schulen. Kriminalität. Alte und abgerockte Gründerzeitbauten prägen das Straßenbild. Dazu die Müllberge. Nach der Erweiterung der Freizügigkeit war Gelsenkirchen-Süd einer der ersten Bezirke, in dem sich die Neuankömmlinge niederließen.

An einem frostigen Spätnovembervormittag sieht man auf den Straßen immer wieder Frauen in den traditionellen Röcken der Roma, weit und farbenfroh. Vor einem Kiosk sitzen drei Anwohner, trinken Kaffee, rauchen. Von „Zigeunern“ reden sie, politisch unkorrekt. Viele Kinder hätten Angst, abgezogen zu werden, sagt eine Frau um die 60, die schräg gegenüber wohnt. Sie kam als Jugendliche aus Spanien nach Gelsenkirchen, weil ihr Vater im alten Opel-Werk in Bochum anheuerte. Sie ist nicht wahlberechtigt, wüsste aber, wem sie ihre Stimme geben würde. Der AfD? Ja. Was hält sie von Thomas Fath? Noch nie von ihm gehört.

Er sei momentan schlecht zu Fuß, sagt Thomas Fath und deutet auf den Gehstock in der Ecke. Ansonsten hätte man sich gern zu einem Spaziergang durch seinen Bezirk treffen können. Er ist 71 Jahre alt und wartet in seinem Büro. Zweiter Stock, Raum 247, Rathaus von Gelsenkirchen. Halb Glaskasten, halb Backsteinbau.

Vom Ergebnis der Kommunalwahl ist Fath enttäuscht, immer noch. Dabei ist er mit seiner Arbeit zufrieden. Er sei viel unterwegs, sagt er, rede mit den Menschen und kenne jeden in der Verwaltung. Von allen Bezirksbürgermeistern in Gelsenkirchen schnitt Fath am schlechtesten ab.

Es ist nicht sein einziges Problem: Vor einigen Wochen wurde ein AfD-Politiker zu seinem Stellvertreter gewählt. In der SPD und CDU soll es Abweichler gegeben haben. Man denkt sofort an das, was Fath kurz zuvor gesagt hat: Die AfD müsse hier nichts tun.

Thomas Fath kann man sich gut im Schrebergarten vorstellen. Ein freundlicher Typ, mit Hufeisenbart und breitem Ruhrpott-Dialekt. Die Migration hält er für das zentrale Problem in Gelsenkirchen. Und das in einer Stadt, die ohne Zuwanderung ihren industriellen Aufstieg niemals geschafft hätte.

Vor Jahren forderte Fath, den Zuzug aus Südosteuropa stärker zu regulieren, gegen Sozialbetrug stärker vorzugehen. Im örtlichen SPD-Verband legten sie ihm danach einen Parteiaustritt nahe, einer von den Jusos nannte Fath einen Nazi, erzählt er. „Sobald Sie über Migration sprechen, haben Sie den Elefanten im Raum“, sagt er. Man müsse aber anerkennen, dass es Menschen gebe, die sich nicht eingliedern wollen, die lieber unter sich in ihren Familien blieben, kaum erreichbar für das, was der Staat zur Integration anbietet.

„Eigentlich ist die Freizügigkeit ein Geschenk für Europa, für die Demokratie“, sagt Fath. „Aber die Umsetzung ist katastrophal und die Kommunen müssen’s ausbaden.“ Dann beginnt er aufzuzählen, was seiner Ansicht nach nötig wäre, um den Zugang zum deutschen Sozialsystem zu erschweren.

Man könnte von denen, die hierher kommen wollen, ein Sprachzertifikat fordern, das ihnen angemessene Deutschkenntnisse bestätigt. Man könne die Einreise an einen Arbeitsvertrag knüpfen. Man könnte von den Menschen den Nachweis verlangen, dass sie über genügend eigene Mittel verfügen, um nicht auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein. Ideen hat er genug. Nur: Darüber entscheidet nicht Nordrhein-Westfalen. Und Gelsenkirchen erst recht nicht.

Fath weiß das. Er weiß das so gut, dass seine Stimme lauter wird. „Unsere Oberbürgermeister laufen sich seit Jahren in Berlin und Brüssel die Hacken wund, weil hier dringend etwas passieren muss. Dort hat man sich nie für uns interessiert.“ Mit der Faust haut er auf den Tisch. „Ohne Entscheidungskompetenz bekommen wir hier nichts gebacken.“

Aber wie lassen sich die Probleme lösen?

Die Stadt will verstärkt dort ansetzen, wo vieles zusammenläuft: bei den Hausbesitzern. Mit Schrottimmobilien lässt sich gutes Geld verdienen. Das Geschäft beginnt, wenn heruntergekommene Objekte in die Zwangsversteigerung gehen. Der Höchstbietende erhält den Zuschlag, ist damit Eigentümer. Hier liegt die entscheidende Schwachstelle des Systems.

Denn die neuen Besitzer müssen zunächst nur eine Sicherheitsleistung von 10 Prozent des Verkehrswerts anzahlen, jene Summe, die ein Gutachter für eine Immobilie festgelegt hat. Das können 20.000 Euro sein, oder auch 80.000. Den Rest zahlen sie nicht. Frühestens nach sechs Monaten, manchmal erst nach Jahren, wird das Haus dann erneut versteigert. Währenddessen sahnen sie die Miete von den Rumänen und Bulgaren ab.

Beim Thema Schrottimmobilien tappen die Behörden oft im Dunkeln. Stadt und Justiz tun sich schwer, die wahren Eigentümer zu identifizieren. Häufig sollen sie im Ausland sitzen und Strohleute einsetzen, die die Mieteinnahmen eintreiben. Gezahlt wird in bar, bei wem das Geld letztlich ankommt, bleibt somit undurchsichtig.

In die Häuser selbst fließt kein Euro. Dieses Investment mit einkalkuliertem Ablaufdatum ermöglicht wiederum ein Betrugssystem, bei dem die südosteuropäischen Bürgergeldempfänger nur Mitwirkende sind. Hinterleute versorgen die Rumänen und Bulgaren mit Scheinjobs und kassieren einen großen Teil der Leistungen ab. Bei Großfamilien sind das schon mal mehrere Tausend Euro im Monat. So beschreibt es jedenfalls die Stadtverwaltung.

Diesen Machenschaften will sich Gelsenkirchen nicht tatenlos ergeben. Sie haben hier einen Plan: Problemhäuser aufkaufen und abreißen. Das Programm dazu trägt den optimistischen Namen „Zukunft wird gemacht“, mitfinanziert von Land und Bund. 3000 Wohneinheiten sollen so verschwinden. 67 Immobilien hat die Stadt bereits vom Markt genommen, davon 14 plattgemacht. Abriss als Befreiungsschlag, sozusagen.

Seit zehn Jahren kümmert sich auch das Interventionsteam EU-Ost, kurz IT, um die Folgen der Armutsmigration. In dem Team arbeiten Frauen und Männer von Polizei, Bauaufsicht, Ordnungsdienst, Stromversorger und Jobcenter zusammen. Die Einheit rückt inzwischen im Zwei-Wochen-Rhythmus aus. 2024 meldete sie 606 Menschen von Amts wegen ab, kappte 78 Stromzähler, schaltete in 221 Fällen die Bauordnung ein und ließ 55 Fahrzeuge abschleppen. Ein Mitarbeiter der Stadt schätzt, dass die Zahlen für dieses Jahr ähnlich sein dürften.

Es ist nicht möglich, die Taskforce als Journalist zu begleiten. Man kann aber mit Leuten sprechen, die bei einer Gebäudeüberprüfung dabei waren. Anke Schürmann-Rupp sagt: „Überall stank es nach Ratten. In einem Gebäude gab es kein warmes Wasser. Eine Person wurde mit Haftbefehl gesucht, die wurde gleich mitgenommen. In einem Bett lagen mehrere Kinder. In einer aufgebrochenen Wohnung konsumierten drei Männer Drogen. Ein Dachboden war mit Matratzen ausgelegt, vielleicht von Obdachlosen, wir wissen es nicht.“

Anke Schürmann-Rupp, 48, hat blonde Haare, trägt einen ferrariroten Pullover und leitet seit Herbst 2020 das Jobcenter Gelsenkirchen. Es befindet sich in einem Klotz mit gelben Paneelen und dunklen Fensterbändern, fünf Gehminuten vom Rathaus entfernt. Ganz unten gibt es einen Kik und einen Sexshop. Ganz oben, im 14. Stock, am Ende eines hellen Laminatflures, hat Schürmann-Rupp ihr Büro. Von hier aus kann man die Essener Skyline sehen. Es ist ein diesiger Tag. Oder sind es die schmutzigen Fenster?

Eine Mitarbeiterin hat einen Zettel voller Statistiken und Zahlen vorbereitet. Dieser liegt jetzt auf dem Konferenztisch vor Schürmann-Rupp. „Damit man eine Vorstellung hat“, sagt sie. Von den 12.000 Rumänen und Bulgaren in Gelsenkirchen gehen 13 Prozent einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach. 5.150 beziehen Bürgergeld. Das ist nur ein Bruchteil der insgesamt 50.000 Leistungsempfänger in der Stadt. „Aber es ist die Gruppe, die uns als Jobcenter im Alltag am stärksten beschäftigt.“

Die Chefin und ihre Mitarbeiter stellen immer wieder fest, dass sie an osteuropäische Familien zahlen, obwohl diese längst nicht mehr in Gelsenkirchen wohnen. Dass ihnen fingierte Arbeitsverträge und Schulbescheinigungen vorgelegt wurden, glaubwürdig genug, dass der Staat Leistungen bewilligte. Dass die Vermieter in den Mietverträgen mehr Quadratmeter angeben, als eine Wohnung tatsächlich hat.

Die größte Herausforderung bleibt allerdings die Vermittlung in qualifizierte Jobs, sagt Schürmann-Rupp. Unter den Rumänen und Bulgaren, die Jobcenter-Chefin spricht von „Zielgruppe“, wie eine PR-Beraterin, müssten viele erst einmal lesen und schreiben lernen. „Das macht die Integration in Arbeit oder Ausbildung extrem schwierig.“

Sie will aber auch über Fortschritte reden. In einem Projekt gelang es jüngst, 20 von 52 Bedarfsgemeinschaften in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bringen. Zuletzt ist auch die Zahl der in Gelsenkirchen gemeldeten Bulgaren und Rumänen leicht zurückgegangen. Schürmann-Rupp verbucht das als ihren Erfolg. „Unsere Maßnahmen und die der Stadt zeigen offenbar Wirkung.“

Im einstigen Arbeiterstadtteil Schalke erfüllen helle Kinderstimmen die „Villa 45“. Rund ein Dutzend Jungen und Mädchen toben durch einen weitläufigen Raum. Die Wände erinnern an die Vereinsfarben von Schalke 04, cremefarben und blau. „Zieht eure Jacken an!“, ruft Kathie Schäl. Die Kinder waren bis eben mit Hausaufgaben beschäftigt, jetzt wollen sie raus, einen Ausflug machen. Sie kommen aus der Türkei, aus Syrien, aber die meisten kommen aus Rumänien.

Schäl hat ein Nasenpiercing, rote Pippi-Langstrumpf-Zöpfe und Sommersprossen im Gesicht. Die gelernte Erzieherin, 36 Jahre alt, leitet die „Villa 45“. Ein kleiner Lichtblick in einer grauen Gegend. Der Jugendtreff liegt in einer langen Straße, die von Gleisen zerschnitten wird, in der es nicht viel gibt, außer zwei Kiosken und viel sozialer Not. In den Gärten gammeln Kinderwagen vor sich hin. Die Fenster ehemaliger Ladenlokale sind verrammelt, darüber verblasst eine Coca-Cola-Reklame. An einer Hauswand klebt ein Hinweis. „Dieses Gebäude wurde durch die Stadt Gelsenkirchen für unbewohnbar erklärt und amtlich versiegelt.“ Orange Zettel, die sich wie Notwehr lesen.

Das Haus haben sie vor zwei Wochen dichtgemacht, sagt Schäl. Die Kinder, die dort wohnten und in das Jugendzentrum kamen, hat sie seitdem nicht mehr gesehen. „Wir wollen den jungen Menschen eine Struktur geben, die sie zu Hause nicht haben“, sagt Schäl. Sie versteht die Villa als Horizonterweiterung. „Ich bin überzeugt, dass wir durch eine gute Bindung zu den Kindern und Jugendlichen mehr Verständnis füreinander erreichen können.“

Eine zehnjährige Rumänin erzählt, sie sei vor einem Jahr mit ihren Eltern und vier Geschwistern in die Stadt gekommen. Sie besuche eine Integrationsklasse, ihr Vater arbeite in einem Schlachthof. Das Mädchen sagt, sie wisse, warum ihre Familie nach Deutschland gezogen sei. Für Sozialleistungen, sagt sie. Die Worte hängen in der Luft. Eine Mitarbeiterin, die übersetzt, lächelt verlegen.

Die Kinder ziehen mit zwei anderen Betreuern los, Kathi Schäl nimmt sich Zeit für einen kurzen Rundgang durchs Viertel. Sie zieht an ihrer E-Zigarette, schaut sich um. „Die Einheimischen denken, dass es den Ausländern besser geht, aber schau dir die Häuser an. Kein Deutscher würde hier freiwillig hinziehen.“

Vor einem roten Mehrfamilienhaus verlangsamt sich ihr Schritt. Der Eingang steht offen, im kalten Hausflur trocknet Kleidung auf einem Wäscheständer. Kathi Schäl zögert. Soll sie hineingehen? Sie fürchtet, im Beisein eines Reporters Vertrauen bei den Anwohnern zu verspielen. Halbherzig tut sie es doch. Unter den Schuhen quietscht das Linoleum.

Im Erdgeschoss öffnet sich langsam eine Wohnungstür, eine kleine Frau mit Bandana schaut vorsichtig heraus. Sie tritt in den Gang. Sie sagt, dass für sie als Roma das Leben hier einfacher sei als in Rumänien. Mit der Wohnung sei sie zufrieden. Sie lebe hier mit ihren drei Kindern und ihrem Mann, der gerade auf Arbeit sei. Daneben stocken sie auf. Mehr möchte die Frau nicht sagen. Vielleicht aus Angst, ihr Haus könnte als Nächstes geräumt werden.

Als unbewohnbar galt irgendwann auch die Schrottimmobilie in der Straße von Gesine und Tilo Lohmeyer. In ihrer Ratlosigkeit hatten sie eine Mail an die Oberbürgermeisterin geschickt. Die hieß damals Karin Welge, Sozialdemokratin, was auch sonst. Plötzlich tat sich etwas. Die Stadt schickte das Interventionsteam. Strom abgestellt, Wasser abgedreht. Am nächsten Tag waren alle Bewohner ausgezogen. Ruhe kehrte zurück. Das war vor vier Jahren. Bis heute steht das Haus mit der schmuddeligen Fassade leer.

Problemhäuser gibt es hier weiterhin. Schräg gegenüber von den Lohmeyers stapeln sich Kommoden, ein Sofa, ein rotes Kinderauto. Tilo Lohmeyer sagt, dass das Zeug auf dem Gehweg morgen abgeholt werden soll. Ein Stuhl und ein Lattenrost halten den Parkstreifen frei. Damit die Müllabfuhr direkt vor dem Haus halten kann.

Am nächsten Tag ist der Müll ist noch da. Auf dem Parkstreifen stehen Autos.

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