Osnabrück  Ahmadiyya-Gemeinde Osnabrück: Aufräumen an Neujahr – und mit Vorurteilen

Matthias Liedtke
|
Von Matthias Liedtke
| 27.12.2025 06:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Aufräumer und Aufklärer: Malik Naveed Ahmed (von links, Imam Mansoor Ahmad Ghuman und Noman Ahmad Rana vor der Basharat-Moschee in Osnabrück-Eversburg. Foto: Matthias Liedtke
Aufräumer und Aufklärer: Malik Naveed Ahmed (von links, Imam Mansoor Ahmad Ghuman und Noman Ahmad Rana vor der Basharat-Moschee in Osnabrück-Eversburg. Foto: Matthias Liedtke
Artikel teilen:

Alle Jahre wieder beseitigen sie den Müll der Silvesternacht. Dabei räumt die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde auch mit Vorurteilen gegenüber dem Islam auf. Wir haben mit ihrem neuen Osnabrücker Imam Mansoor Ghuman gesprochen.

Das Bild des Islam ist beeinflusst durch einen radikalen Islamismus, dessen „Gotteskrieger“ auf Gewalt setzen und Terroranschläge verüben. Das will kaum zusammenpassen mit den Worten „Liebe für alle, Hass für keinen“, dem Leitspruch der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ), einer islamischen Gemeinde, die nicht nur in Osnabrück für ihren alljährlichen „Neujahrsputz“ bekannt ist, dem Aufräumen der Stadt unmittelbar nach der Silvesternacht.

Auch rund um die Basharat-Moschee in Eversburg ist das Motto allgegenwärtig. Etwas versteckt in zweiter Reihe der Atterstraße befindet sich das hellblaue Gotteshaus, das im Jahr 2002 im Rahmen des bundesweiten Ahmadiyya-Projekts „100 Moscheen“ nach drei Jahren Bauzeit fertiggestellt worden war. Seit einigen Monaten gibt es hier in Person von Mansoor Ghuman einen neuen Imam, der die rund 600 Mitglieder umfassende Osnabrücker Ahmadiyya-Gemeinde leitet. Bundesweit sind es fast 60.000.

Nach einer gewissen Zeit sei ein Wechsel üblich, verrät der 42-Jährige, der die Hasestadt zuvor nur „vom Hörensagen“ gekannt hat. Eigentlich habe er gedacht, dass Reutlingen bei Stuttgart seine neue Heimat sei, erzählt Ghuman. Dort war er fast neun Jahre in selber Funktion tätig. Der Entscheidung des deutschstämmigen, vom Christentum konvertierten Ahmadi-Bundesvorsitzenden Abdullah Uwe Wagishauser, ihn vom Schwabenland in den Norden abzuordnen und zum Nachfolger von Abdul Hanan Sheikh zu machen, der das Imam-Amt in Osnabrück seit 2016 ebenso lange innegehabt hat, ist er aber gern gefolgt.

Da die Ahmadis an ihren Namensgeber und Gründer Mirza Ghulam Ahmad als ihnen erschienenen Propheten und Messias glauben, sind sie in vielen islamischen Ländern nicht anerkannt. Und mehr noch: Sie würden etwa im Jemen oder in Bangladesch von staatlicher Seite politisch verfolgt, ohne jegliche Perspektive wirtschaftlich und sozial ausgeschlossen und nicht selten auch mit dem Tode bedroht, klärt Ghuman auf. So sei es auch seinen Eltern gegangen, die vor 37 Jahren mit ihm als Sechsjährigen aus Pakistan geflüchtet sind, zunächst nach Kassel, wo er aufgewachsen ist.

Nun hat sich der zweifache Familienvater mit seinen beiden eigenen Kindern, einem dreijährigen Sohn und einer neunjährigen Tochter, in Osnabrück in einer Wohnung unweit der Basharat-Moschee bereits eingelebt, wie er berichtet. Insbesondere den guten Kontakt und Austausch zu hiesigen jüdischen und christlichen Gemeinden weiß er zu schätzen. Zur Michaelis-Gemeinde in Eversburg zum Beispiel bestehe ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis. Kontakte zu anderen muslimischen Gemeinden gebe es dagegen weniger.

Dabei sei die Ahmadi-Lehre eigentlich das „letzte Update“ des Islam, betont Ghuman. Was in keinem Widerspruch dazu stehe, dass die Ahmadis zurück zum eigentlichen, ursprünglichen und vor allem friedliebenden Islam wollen. Als wertekonservativ und liberal beschreibt er seinen Glauben. Und auch als tolerant gegenüber anderen: In der einen „Menschenfamilie“ dürfe ohne Zwang jeder selbst entscheiden, woran er glaubt.

In Sachen Frauenrechte sei der „richtige“ Islam qua „absoluter Gleichwertigkeit“ der Geschlechter sogar Vorreiter, räumt der Imam mit einem weiteren Vorurteil auf: „Die Menschen brauchen nicht den Islam, um Frauen schlecht zu behandeln“, sagt Ghuman fast ein wenig verärgert.

Neben dem Neujahrsputz der Ahmadiyya-Jugendorganisation mit bis zu 70 Helfern gibt es zahlreiche Schnittpunkte mit Aktivitäten von christlichen Gemeinden und Organisationen. Vom Altenheimbesuch und Charity-Walk über Generationentreffs und Sachspenden an die Tafel bis hin zur Obdachlosenspeisung reichen die Beiträge der Ahmadis für das Gemeinwohl. Hass und Gewalt säen und Unfrieden stiften ist ihre Sache nicht. Ganz im Gegenteil.

Ähnliche Artikel