Osnabrück „Tempo statt Perfektion“ – ADFC Osnabrück will zügigen Ausbau der Radwege in der Region
Nach Kritik des Fahrrad-Clubs ADFC an den „miserablen Radwegen im Osnabrücker Land“ liegt nun erstmals ein umfassendes Radverkehrskonzept für den Landkreis Osnabrück vor. Der ADFC-Kreisvorsitzende Wolfgang Driehaus erklärt, was das Konzept leistet – und wo jetzt Tempo gefragt ist.
Nach massiver Kritik des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) am Zustand der Radwege hat der Landkreis Osnabrück vor rund drei Jahren einen verkehrspolitischen Kurswechsel eingeleitet. Statt einzelner Maßnahmen liegt nun erstmals ein umfassendes Radverkehrskonzept vor, das den Alltagsradverkehr systematisch stärken soll.
Auslöser war unter anderem die deutliche Positionierung des ADFC-Kreisvorsitzenden Wolfgang Driehaus. Er hatte wiederholt auf fehlende Verbindungen, zu schmale Wege und den schleppenden Ausbau hingewiesen. Das neue Konzept soll diese Defizite nun gezielt angehen und bessere Voraussetzungen schaffen, damit mehr Menschen im Alltag sicher und komfortabel aufs Fahrrad oder Pedelec umsteigen können.
Im Interview erläutert Wolfgang Driehaus, welche Chancen das Radverkehrskonzept bietet, wo die größten Schwächen im bestehenden Netz liegen und warum nun schnelle, pragmatische Lösungen entscheidend sind.
Frage: Was bringt das aktuelle Radverkehrskonzept für die Radler im Landkreis Osnabrück?
Antwort: Der ADFC Osnabrück hat das Radverkehrskonzept vor drei Jahren als Bürgeranregung an den Kreistag auf den Weg gebracht. Wir wollten Verbesserungen für den Alltagsradverkehr als Teil einer einfachen, modernen und nachhaltigen Mobilität. Wir brauchen überörtliche Hauptrouten, damit Pendler, Schülerinnen und Schüler sowie Einkäufer das Fahrrad oder Pedelec auch über längere Distanzen unkompliziert nutzen können. Mit diesem Radverkehrskonzept wird erstmals eine Grundlage geschaffen, um Lücken zu schließen und die Qualität systematisch zu verbessern.
Frage: Wie?
Antwort: Die verschiedenen Baulastträger Landkreis Osnabrück, Kommunen und Land Niedersachsen müssen für Gestaltung und Bau von Radwegen und Verbindungen zusammenarbeiten. Mit dem Konzept wird auch die Verknüpfung von Radverkehr und öffentlichem Personennahverkehr gestärkt, etwa durch bessere Anbindungen an Bahnhöfe und Mobilstationen. Außerdem ist ein Radverkehrskonzept eine wichtige Voraussetzung, um Fördermittel für den Radverkehr einzuwerben.
Frage: Wie viel Prozent vom geplanten Netz ist bereits mit Radwegen ausgestattet?
Antwort: Derzeit sind etwa 65 Prozent der 837 Kilometer des Hauptroutennetzes mit Radverkehrsanlagen ausgestattet. Entlang von Bundesstraßen liegt der Anteil mit rund 92 Prozent besonders hoch. Die Qualität vieler Abschnitte, insbesondere an Landes- und Kreisstraßen, ist jedoch unzureichend: Die Wege sind häufig zu schmal oder sanierungsbedürftig. Deshalb ist es wichtig, jetzt zügig konkrete Maßnahmen umzusetzen.
Frage: Was ist das größere Problem: fehlende Strecken oder mangelhafte Radwege-Qualität?
Antwort: Die größten Defizite betreffen beides. Es gibt Netzlücken dort, wo aufgrund hoher Verkehrsbelastung und hoher Geschwindigkeiten eigentlich getrennte Radwege erforderlich wären. Gleichzeitig bestehen in vielen Regionen, insbesondere rund um Bad Essen sowie im Südkreis mit Dissen, Bad Rothenfelde und Hagen am Teutoburger Wald, erhebliche Breitenmängel. Hinzu kommen Qualitätsprobleme bei der Oberfläche, etwa auf dem unbefestigten Weg entlang des Stichkanals zwischen Bramsche und Osnabrück.
Frage: Wie sollte die Radwege-Qualität verbessert werden?
Antwort: Aus Sicht des ADFC müssen bei Neu- und Umbaumaßnahmen die Regelbreiten der Empfehlungen für Radverkehrsanlagen umgesetzt werden und nicht nur die Mindestmaße. Das sind für Radwege außerorts mindestens 2,5 Meter. Angesichts des wachsenden Anteils von Pedelecs und Lastenrädern sollte für Radfahrstreifen eine Regelbreite von 2,25 Metern angestrebt werden, wie sie in der überarbeiteten Fassung der Empfehlungen vorgesehen ist. Ziel ist es, Komfort und subjektive Sicherheit deutlich zu erhöhen.
Frage: Wo entstehen die größten Sicherheitsrisiken für Radfahrer im Landkreis und was wird dagegen getan?
Antwort: Die meisten Unfälle passieren an Knotenpunkten und Einmündungen innerhalb der Ortschaften. Um hier die Sicherheit zu erhöhen, fordert der ADFC, Radwege an Einmündungen höhengleich weiterzuführen. Der Radweg wird dabei nicht abgesenkt, sondern der Kraftfahrzeugverkehr überfährt eine erhöhte Fläche. Das zwingt Autofahrer zu geringeren Geschwindigkeiten und reduziert das Konfliktrisiko.
Frage: Welche Risiken gibt es außerhalb von Ortschaften?
Antwort: Außerorts an Knotenpunkten und Einmündungen darf es auch nicht dazu kommen, dass Maßnahmen zur Sicherheit immer zu Lasten der Radfahrenden ergriffen werden, indem diese bei Vorfahrtsregeln durch Verkehrsführung, Beschilderung und Ampeln systematisch benachteiligt werden. Der begrüßenswerte Radwegausbau mit einer steigenden Zahl an Radfahrenden sollte dadurch nicht kontraproduktiv ausgebremst werden. Ein in dieser Hinsicht leider negatives Beispiel wird gerade an der B51 zwischen Oesede und Osnabrück umgesetzt.
Frage: Der Einsatz von Piktogrammketten ist als Übergangslösung vorgesehen. Ist das aus ADFC-Sicht sicher?
Antwort: Fahrradpiktogramme können keine sichere, getrennte Infrastruktur ersetzen. Sie sind lediglich eine Übergangs- und Ergänzungsmaßnahme und sollten nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden. Geeignet sind sie nur auf Strecken mit geringem bis mittlerem Autoverkehr. Dort fordert der ADFC zusätzlich klare Geschwindigkeitsbegrenzungen, etwa Tempo 30 innerorts und Tempo 50 außerorts. Fahrradpiktogramme sind letztlich eine Maßnahme für Autofahrende, da diese sich häufig nicht im Klaren sind, dass bei fehlenden Radwegen Radfahrende sich regelkonform im Mischverkehr auf der Fahrbahn bewegen.
Frage: Wie kann die Verknüpfung zwischen Fahrrad und ÖPNV verbessert werden?
Antwort: Die Verknüpfung von Radverkehr und öffentlichem Personennahverkehr ist besonders im ländlichen Raum wichtig, da das Fahrrad hier eine zentrale Zubringerfunktion erfüllt. Das Hauptroutennetz bindet die Bahnhöfe und Mobilstationen im Landkreis als wichtige Ziele ein. Durch das Modellprojekt MOIN+ wurden an vielen Umsteigepunkten bereits gesicherte Abstellanlagen geschaffen. Nun kommt es darauf an, die Wege dorthin schnell, sicher und komfortabel auszubauen.
Frage: Welche Routen müssen vorrangig umgesetzt werden?
Antwort: Eine der wichtigsten Verbindungen ist die Strecke von Melle-Mitte über Bissendorf nach Osnabrück, da sie die beiden größten Kommunen der Region miteinander verbindet. Hier sind viele Radverkehrsanlagen in einem schlechten Zustand und deutlich zu schmal. In der Verbindung von Bad Essen nach Osnabrück fehlt an der Landesstraße 85 am Wehrendorfer Berg ein Radweg auf eineinhalb Kilometern, die Schließung dieser Lücke ist in den Maßnahmen für die Hauptroute 5 im Radverkehrskonzept enthalten.
Frage: Der Kanalradweg zwischen Bramsche und Osnabrück ist in schlechtem Zustand – was kann der Landkreis vom Vorbild Münster an der Kanalpromenade lernen?
Antwort: Der Kanalweg ist für uns besonders wichtig, weil wir den Radverkehr dort über lange Strecken absolut kreuzungsfrei führen können. Die Oberflächenqualität am Stichkanal zwischen Bramsche und Osnabrück ist aber ein großes Defizit, da der Abschnitt unbefestigt ist. Münster dient hier als Vorbild: Sie haben es geschafft, die kreuzungsfreien Kanalwege hervorragend auszubauen, weil sie früher dran waren und sich so Fördermittel sichern konnten.
Antwort: Wir fordern im Landkreis Osnabrück den Ausbau der Kanalradwege auch am Mittellandkanal, da dieser viele Ziele kreuzungsfrei verbindet. Dazu müssen aber mehr Bundesmittel bereitgestellt werden, wie es schon vor einigen Jahren der Fall war, denn diese Wege fallen in die Zuständigkeit der Bundeswasserstraßenverwaltung.
Frage: Dürfen Pendler mit S-Pedelecs künftig die neuen Radhauptrouten nutzen oder müssen sie weiterhin auf die Straße ausweichen?
Antwort: Die Nutzung von Radwegen innerorts und außerorts durch S-Pedelecs ist derzeit nicht durch die Regeln der Straßenverkehrsordnung gedeckt. Das bedeutet, dass Pendler mit S-Pedelec aktuell weiterhin die Straßen nutzen müssen. Eine Freigabe dieser Wege hängt direkt von der Qualität und Breite der Wege ab. Auf schmalen Radwegen sind S-Pedelecs gefährlich und vermindern die Sicherheit für alle Nutzer.
Antwort: Auf modernen Radwegen mit ausreichender Breite von mindestens zweieinhalb Metern könnten wir eher darüber nachdenken, diese für S-Pedelecs freizugeben, gegebenenfalls über ein Zusatzschild. Auf Fahrradstraßen innerorts und außerorts, die für Kraftfahrzeuge freigegeben sind, dürfen S-Pedelecs natürlich fahren.
Frage: Was halten Sie insgesamt vom Radverkehrskonzept? Was muss als Nächstes geschehen?
Antwort: Das Konzept ist ein wichtiger Anfang und hat den Stellenwert des Radverkehrs in der Politik deutlich erhöht. Dass es einstimmig beschlossen wurde, war ein starkes Signal. Mit dem Konzept ist die Arbeit für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre beschrieben. Wir fordern jetzt schnelle, pragmatische Lösungen, statt jahrzehntelang auf die perfekte Umsetzung zu warten.
Antwort: Dazu gehört auch die verstärkte Ausweisung von Fahrradstraßen auf kleineren Erschließungsstraßen außerorts, da dies eine der schnellsten und kostengünstigsten Möglichkeiten ist, die Situation spürbar zu verbessern. Alles hängt aber auch an den Mitteln für den Radverkehr, daher muss im Landkreis und in den Kommunen zukünftig deutlich mehr Geld in die Fahrradförderung fließen als bisher. Wir freuen uns, dass wir als Interessensvertretung bei der Erarbeitung des Konzeptes eingebunden waren und werden uns mit unseren Arbeitsgruppen auch zukünftig beim Runden Tisch Radverkehr, an dem die Umsetzung und Maßnahmen geplant werden, aktiv beteiligen.