Aktion in Bunde Ostfriesen wehren sich gegen „Deutschtümelei“
Eine Flaggen-Aktion in Bunde macht auf die ostfriesische Identität aufmerksam und ruft zu mehr Toleranz und Vielfalt in Ostfriesland auf.
Bunde - Es war eine Nacht- und Nebel-Aktion: Am Ortseingang von Bunde wurden vor wenigen Tagen rund 100 ostfriesische Flaggen verteilt, begleitet von Aufklebern mit der Botschaft: „Näit düütsk, man fräisk!“ – „Nicht deutsch, sondern friesisch!“ Hinter dieser ungewöhnlichen Aktion steht die Gruppe „Gruep fan Auerk“, die sich in einer Mitteilung an die Redaktion zu Wort meldete. „Um ein Zeichen zu setzen, haben wir anstelle von Deutschland-Flaggen unsere eigenen ostfriesischen Flaggen in Bunde am Ortseingang verteilt. Somit konnten die Einwohner dem Dorf und ganz Ostfriesland symbolisch ihre Würde zurückgegeben.“ Als neue Generation der Gruep fan Auerk stünden die Mitglieder in einer größeren Tradition und verstünden sich als Fortsetzung der interfriesischen Groep fan Auwerk, die zwischen 2004 und 2009 aktiv war, beschreibt sich die Gruppe selbst.
Auslöser war ein Vorfall vor einigen Wochen: Damals hatten Unbekannte an mehreren öffentlichen Plätzen Deutschlandflaggen aufgehängt. Die Gruep fan Auerk sieht darin mehr als nur patriotische Dekoration. „Die Farben Ostfrieslands sind schwarz, rot und blau“, betonen die Initiatoren. Umso bemerkenswerter sei der ideologische Hintergrund der Schwarz-Rot-Gold-Aktion in Bunde. „Deren Verantwortlichen fühlten sich offenbar frei von der juristischen und emotionalen Realität, dass viele Ostfriesen mit dieser Art von Deutschtümelei wenig anfangen können“, heißt es in der Mitteilung. „Die Existenz der friesischen Minderheit war für sie wohl unwichtig.“
Was Ostfriesland so besonders macht
Tatsächlich fühlten sich viele Ostfriesen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht als Deutsche, sondern in erster Linie als Friesen. „Dieses Selbstbild gilt für den weniger assimilierten Teil unserer Minderheit bis heute“, unterstreicht die Gruppe. Seit 1998 sind die Friesen – neben Dänen, Sorben sowie Sinti und Roma – offiziell als eine der vier nationalen Minderheiten Deutschlands anerkannt. Damit gelten sie auch rechtlich als eigenständiges Volk, mit Ostfriesland und Nordfriesland als ihrem angestammten Siedlungsgebiet.
Was Ostfriesland so besonders macht? Die Initiatoren sind überzeugt: Es ist die Andersartigkeit. „Nicht besser oder schlechter, sondern anders. Von der Landschaft über die Sprache bis hin zu Architektur und Brauchtum: Ostfriesland hat sich trotz Globalisierung seine Eigenart bewahrt.“ Weniger bekannt, aber ebenso prägend, seien die ostfriesischen Umgangsformen. Hier gehe man entspannter miteinander um, andere Meinungen würden nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung gesehen. Doch auch diese offene Haltung gerate zunehmend unter Druck, warnt die Gruep fan Auerk.
Das Verbindende in den Vordergrund stellen
Schon der römische Denker Cicero habe vor gesellschaftlicher Spaltung gewarnt. „Wir von der Gruep fan Auerk sind der Meinung, dass diese Entwicklung nicht zu Ostfriesland passt. Oder wie der Präsident der Ostfriesischen Landschaft, Rico Mecklenburg, sagt: Man soll das Verbindende zum Wohle ganz Ostfrieslands in den Vordergrund stellen.“
Die Initiatoren vermuten, dass auch politische Entscheidungen zu einer Entfremdung beitragen könnten – etwa, wenn vor Rathäusern keine ostfriesische Flagge weht oder das Ostfriesische Platt aus dem öffentlichen Raum verschwindet. „So entsteht leicht ein Klima, in dem eine fremde Kultur, hier die deutsche ‚Leitkultur‘, versucht, die friesische Identität zu vereinnahmen.“
Nur drei Tage wehten die Flaggen in Bunde
Mit ihrer Aktion wollten die Mitglieder der Gruppe den Ostfriesen und ihrer Geschichte Respekt zollen. „Wir hoffen, dass ostfriesische Politiker diesem Beispiel folgen, sich stärker für die friesische Minderheit einsetzen und damit klar machen, dass Extremismus in Ostfriesland keinen Platz hat“, heißt es abschließend.
Drei Flaggen hielten sich immerhin drei Tage an Laternenmasten, bevor sie vom Bauhof entfernt wurden, wie Bürgermeister Uwe Sap (SPD) bestätigt. Wer etwas an Laternen befestigen will, braucht eine Genehmigung der Gemeinde, sagte Sap. Diese lag nicht vor. Offenbar waren die Flaggen für manche Autofahrer so reizvoll, dass sie nicht an Ort und Stelle blieben, sondern vielleicht im heimischen Garten oder Wohnzimmer landeten. Ein Gespräch mit der Gruppe blieb leider aus – auf Kontaktversuche reagierte niemand.