Osnabrück Cello, Posaune, Fagott? Ab ins Aquarium! Wo Musik-Studierende der Uni Osnabrück proben
Sie proben im Schloss, im Treppenhaus oder in einer alten Villa: Wir sind ins Biotop der Musik an der Uni Osnabrück eingetaucht und haben erfahren, warum die Studierenden manchmal sogar ins Aquarium steigen.
War das eine Geige? Nicht selten hört man im Schlossgarten mehr als ein Martinshorn vom Neuen Graben. Denn hier, am Puls der Stadt, spielt die Musik – ganz oben im Osnabrücker Schloss ist das Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Uni Osnabrück untergebracht. Wo und wie wird hier geprobt? Ein Besuch.
Zuerst der Körper. Wer über sich hinauswachsen will, muss mit dem arbeiten, was er mitbringt. Die Studierenden im großen Musiksaal des Schlosses erheben sich von den Stühlen und lassen den Parkettboden unter ihren Sneakern knarzen. „Wir kommen an, körperlich, geistig, über den Atem“, holt Joachim Siegel, Leiter des Kammerchors der Universität, seine Studierenden ab. Sie kreisen die Schultern, dehnen und lockern sich. Es ist der Auftakt einer mehrstündigen Chorprobe. Kaffee und Kekse stehen im Hinterraum parat, für später.
Ausgähnen, einsingen und ab an den Flügel: Die Studierenden sitzen im Halbrund um Joachim Siegel, der beidhändig loslegt: Mit der rechten gleitet er über die Tasten, mit der linken gibt er die Einsätze: „Übers Gebirg Maria geht.“ Die Motette füllt den Saal mit sakralen Klängen aus dem 16. Jahrhundert. Am Garderobenständer hängen verwaiste Bluetooth-Kopfhörer von heute.
„Etwas engagierter bitte im Tempo“, fordert Siegel. Ton für Ton erobern die Studierenden gemeinsam den steinigen Gebirgsgrund. Die Stimmen finden besser zueinander, der Klang wird präziser und eine Putte lächelt von der Lautsprecherbox – ganz so, als gefiele ihr das Gehörte. Die Probe läuft, ja, sie wandert später sogar noch weiter durchs Treppenhaus im Schloss, um die Akustik hoher Räume zu testen.
Die Stimmen des Chors dringen bis in das Altbau-Büro von Marion Melter ganz oben im Schloss. „Atmosphärisch ist das hier etwas ganz Besonderes“, findet die Sekretärin des Institutes. Sie hält den Laden mit etwa 250 Studierenden zusammen, koordiniert Lehrveranstaltungen und plant Einzel-Instrumentalunterricht, erklärt Neuankömmlingen die Vorkurse und gibt alten Hasen manchmal den entscheidenden Schubser zur Prüfung.
„Es hat sich schon herumgesprochen, dass man eine E-Mail von mir tunlichst nicht ignorieren sollte“, sagt sie grinsend. „Ja, die Musiker“. In ihrem fröhlichen Seufzen stecken verpasste Fristen wie herzliche Umarmungen, volle Umzugskisten im Flur und ebenso fest eingetüteter Zusammenhalt – ein polyphones Lebensgefühl im Schloss.
Am Magnetboard wird geboten und gesucht: Jan verkauft seinen E-Bass, Lea sucht noch ein Streichquartett und ein Kind hat sich in krakeliger Schrift auf die Suche nach einem Klavierlehrer gemacht. Musikschullehrer werden am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück (IfM) an der Caprivistraße ausgebildet. Die meisten Musik-Studierenden der Uni verfolgen ein Lehramtsstudium, viele von ihnen arbeiten später in der Schule.
„Es geht bei uns nicht darum, konzertreif Violine spielen zu können“, betont Professor Christoph Louven, Direktor des Institutes für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Uni, der den schulischen Alltag im Blick hat. „Unser Ziel ist es, eine instrumentelle Breite zu vermitteln.“ 120 Leihinstrumente zählt der universitäre Fundus.
Studis haben selten ein Klavier in der WG, können sich im Mehrfamilienhaus mit der Tuba nur schwer auf ein Vorspiel vorbereiten. Im Obergeschoss des Schlosses gibt es deshalb kleine Probenräume, die sie tags wie nachts nutzen können. Gleich zu Beginn der Kabinen-Meile kleben selbst gebastelte Fische, Algen und Seesteerne an einer bodentiefen Scheibe: „Das Aquarium.“
Der wohl unbeliebteste Raum auf dem Gang, den die Fachschaft kreativ zu retten versucht hat. Kein Fenster zum Lüften, dafür eine große Scheibe hin zum Flur, durch die alle Vorbeiziehenden zuschauen können. Dana Paschke sitzt in einer Nachbar-Zelle hinter Glas.
Ein länglicher Ausschnitt in der Tür gewährt einen Blick in den Raum: Konzentriert führt die 23-Jährige den Bogen über die Saiten ihres Cellos. Der Stachel ihres Instruments findet in einer kleinen Delle im Holzboden Halt. Das „Cello-Loch“, wie die Studierenden es nennen, lässt ahnen, wie viele Stunden Musiker hier schon (ohne Schoner) geübt haben dürften. Die Delle im Parkett ist verschwindend klein im Vergleich zu dem Loch, das sich zu Danas Studienbeginn 2020 durch Corona auftat.
„Es war unglaublich schwer, sich in Ensembles zu finden“, erinnert sich die Studentin. Chöre und Orchester pausierten während der Pandemie weltweit. Statt um die beste Besetzung ging es plötzlich um das optimale Belüftungskonzept und auch Dana saß mit ihrem Cello zu Hause.
„Als die Ensembles wieder loslegen konnten, war das das große Aufatmen“, erinnert sich Dana. Herzstück wiederbelebt. Denn egal ob Chöre, Big Band beim Uniball, Streichquartett bei der Entlassfeier, Rock- oder Jazz-Combo – sie alle prägen nicht nur atmosphärisch das universitäre Leben. Sie hauchen dem, was die Studierenden an Musiktheorie oder Gehörbildung in der Theorie lernen und Stunde für Stunde allein üben, Leben ein. Aerosole inklusive.
Institutsdirektor Louven muss schmunzeln, wenn er an das „Nebenfach-Orchester“ der Uni denkt. „Da haben alle die falschen Instrumente in der Hand. Den Geiger sieht man plötzlich am Fagott.“ Das muss nicht immer wohlklingend sein. Die evangelischen Theologen, ebenfalls im Schloss beheimatet, können ihr eigenes Lied davon singen. In Prüfungszeiträumen wird die Schallgrenze nicht selten gesprengt.
Wer musiziert, ist laut. Wer übt, haut auch mal daneben. „Rücksicht und Respekt sind wichtig“, findet Prof. Louven. Die besonders Lauten, etwa Percussion-Instrumente, werden deshalb für ihre Probe ausquartiert, aktuell in eine alte Villa am Heger-Tor-Wall. Wer sich an Leergut und Bilderrahmen im Treppenhaus vorbeischiebt, landet in einem großzügigen Raum, in dem die Uni-Combos den Putz von den Wänden rocken dürfen.
„Wer hier übt, betrügt“, verkündet das Whiteboard. „Wer hier übt, kann nichts“, steht direkt daneben. Die Band Hexa übt hier an diesem Abend – und kann entgegen der Behauptung an der Wand doch was: Marching meets Techno, elektronische Klangästhetik trifft auf akustische Instrumente.
Keine Nachbarn, keine Limits. Die neun Musiker, teils Studis, teils Absolventen der Uni, haben sich im Kreis arrangiert, greifen zu Sticks, Blasinstrumenten oder Mikro und legen los. Kein Zweifel, diese Lautstärke fordert Raum. „Können wir eine Bananen-Pause machen?“, hört man aus der Saxophon-Ecke. Ok, kurze Bananen-Pause.
„Die zweite Takthälfte bitte noch einmal“, hört man Bandleader Minh ansagen. Dann gibt er kraftvoll an der großen Trommel den Rhythmus vor. Alle steigen konzentriert ein – bis zum nächsten Hänger, der diesmal nicht dem Magen entspringt.
„Ich kriege das gleich hin.“ Annika an der Marimba, einem Instrument mit Holzklangstäben, spricht sich selbst Mut zu. In der Luft geht sie mit den Schlägeln ihren Part noch einmal durch. „Aaaah! So klappt es“, ruft sie und rauft sich die Haare. „Aber im Song krieg‘ ich das nicht hin.“
Minh hat einen bekömmlichen Rat: „Einfach nochmal üben. Morgens, mittags, abends, vor und nach der Mahlzeit“, sagt er und grinst. Auf den letzten Metern fügt sich die Marimba dann richtig im Takt und voll und warm im Klang, ins Stück. So, als wäre es nie anders gewesen. Die Probe weiß, wie viel harte Arbeit in der Leichtigkeit steckt.